Salzburger Nachrichten am 21. Juni 2003 - Bereich: kultur
Die Idee zählt mehr als das Werk

Beobachtungen in den von Kuratoren gestalteten Gruppenausstellungen der Biennale di Venezia

Neu an der Biennale di Venezia 2003 ist ein starker Hang zur Vervielfältigung der Ideen. Francesco Bonami hat als künstlerischer Leiter ein Kuratorenteam um sich versammelt, das relativ unabhängig voneinander gearbeitet hat. Eine Folge davon ist, dass die Anzahl der beteiligten Künstler enorm gestiegen ist. Damit einher geht ein besonderer Reichtum der Positionen, wobei die Werke immer weniger als einzelne künstlerische Statements wahrnehmbar sind und zu Gunsten einer Idee neu ins Spiel kommen.

An drei Orten gibt es kuratierte Gruppenausstellungen zu sehen: in den Giardini, im Arsenale und im Palazzo Correr, wo Francesco Bonami mit einer rückblickenden Schau die Geschichte der Malerei von 1964 bis 2003 aufrollt.

In den Giardini setzt der holländische Pavillon als einziger Länderbeitrag konsequent auf das neue Konzept, das sich hier auch als Absage an eine nationale Präsentationsform versteht und ein bewusstes Eintreten für Pluralität und multikulturelle Identität darstellt. Bereits der Titel dieser Schau "We are the world" verdeutlicht dieses Anliegen. Rein Wolfs vom Museum Boijmanns van Beuningen hat die Ausstellung mit durchaus sozialkritischen Momenten zusammengestellt. Sie zeigt Arbeiten von fünf Künstlern, darunter der renommierte Holländer Erik von Lieshout ebenso wie die junge Spanierin Alicia Framis mit einer Arbeit zum Thema "kugelsichere Kleidung". Auch der italienische Pavillon und das von Massimiliano Gioni kuratierte Projekt "Die Zone" mit jungen italienischen Künstlern haben kollektiven Charakter.

Nicht versäumen sollte man das Herzstück der kuratierten Gruppenausstellungen in den Giardini: "Verzögerungen und Revolutionen" nennen Francesco Bonami und Daniel Birnbaum diese Schau mit Arbeiten von 47 Künstlern, die spannungsreich in der Abfolge und qualitätsvoll in der Auswahl zusammengestellt ist. Hier findet man nicht nur die mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Arbeiten der Schweizer Peter Fischli/David Weiss und der 85-jährigen italienischen Avantgardistin Carol Rama, hier gibt es weitere Entdeckungen zu machen: Mathew Barneys Installation aus acht grünen Glastischen, in denen sich hauchzarte Aktzeichnungen befinden, faszinieren durch den Bezug auf venezianisches Glas ebenso wie Gabriel Orozcos ortsbezogene Skulptur, die in hellem Holz das vor dem Fenster gelegene Vordach von Carlo Scarpa um 90 Grad gedreht im Ausstellungsraum wiederholt.

Im Arsenale: Acht Teile, ein Ganzes

Die junge Belgierin Berlinde de Bruyckere zeigt mit "Hanne" eine gelungene Rauminstallation. Die 1970 geborene Helen Mirra aus den USA überzeugt mit "Coastline" in minimalistischer Tradition mit blauen und olivgrünen Stoffen und Textsequenzen. Amit Goren aus Israel hat sechs TV-Geräte im Kreis aufgestellt und spielt synchron Filme, die aus allen Erdteilen Bilder vom Leben in der Jurte bis zu Szenen in der U-Bahn auf die Zuseher einströmen lassen.

Im Arsenale, der zweiten großen Ausstellungsfläche, ist man gut beraten, weniger die einzelnen Beiträ-ge wahrzunehmen als den Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen. Mit acht ineinander übergehenden Ausstellungen und Arbeiten von mehr als 300 Künstlerinnen und Künstlern gilt es, die Sehgewohnheiten dem Umfeld neu anzupassen. Die Ausstellungssequenz beginnt sehr still unter dem Motto "Blinde Passagiere", geht über zu den Themen "Erdrutsch" und "Individuelle Systeme". Dann bricht die Schau im vierten Teil auf und wird zum lauten, wilden, bunten Geschrei und theatralischen Spektakel, das "Notstandsgebiet" heißt. Was folgt ist eine Zusammenschau von Werken, die der "Struktur des Überlebens" gewidmet sind. Wie eingestreut wirkt die in sich ruhig gestaltete Sektion "Zeitgenössische arabische Repräsentationen" von Cathrine David.

In der Folge wandert der Besucher über das Außengelände des Arsenale ganz vor zur Spitze der Landzunge, wo unter dem Motto "Das Alltägliche verändert" der Künstler Gabriel Oroczco zum Kurator wird und zeigt, wie durch minimale Eingriffe der Alltag zu Kunst werden kann.

Die "Haltestelle Utopie" ist das krönende Ereignis dieser Kunstwanderung: Kunst und Leben werden hier deckungsgleich, Reminiszenzen an die Fluxusbewegung und die Besetzung der Biennale von 1968 erlebbar, ein buntes, lebendiges, fröhliches Treiben, 160 beteiligte Künstler und Künstlerinnen, Utopie eben, der Traum von einer besseren Welt mit und durch die Kunst.

ELISABETH RATH