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| 10.06.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Biennale: Songcontest für Intellektuelle | ||
| VON ALMUTH SPIEGLER | ||
| Gironcoli-Schüler Hans Schabus lässt den Österreich-Pavillon in einer Alpen-Idylle aus Holz, Pappe verschwinden. Politisches ist sonst die Ausnahme. | ||
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Die ultimative Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst. Das will die
Biennale Venedig seit ihrer Gründung vor 110 Jahren sein. Und das ist sie
auch. Sie ist aber auch ein Länder-Wettbewerb, so eine Art Songcontest für
Intellektuelle. 56 Staaten schickten heuer ihre Künstler ins Rennen.
Während die 32 Ur-Mitglieder ihre eigenen exterritorialen Pavillons in den "Giardini" bespielen, heißt es für die anderen, eine mehr oder weniger originelle Location in Venedigs Gassengewirr aufzutreiben. Du, felix Austria, hast bauen lassen. Und zwar im Austrofaschismus, 1934, von Josef Hoffmann im letzten Winkel der Giardini. Diese triumphtorartige Architektur provozierte österreichische Künstler immer wieder zu Eingriffen. Gelatin versumpften den Innenhof, Eva Schlegel blendete eine beschriftete Glasplatte vor; Coop Himmelb(l)au konnten sich auch nicht zurückhalten. Doch so wild wie heuer Hans Schabus hat es hier noch
niemand getrieben. Der 1970 in Kärnten geborene, in Wien lebende
Gironcoli-Schüler ließ das ganze weiße Prunkprotzding einfach
verschwinden. Nur die Ecken lugen noch aus einem unglaublich mächtigen, 18
Meter hohen Felsen, der sich da patzig über den Pavillon geworfen zu haben
scheint. Zwei Monate haben zwölf Arbeiter gebraucht, um 2000 Quadratmeter
raue graue Dachpappe über ein kompliziertes Holzgerüst zu ziehen. Heraus
kam ein Alpenidyll mit Hintertücke. Schon der Katalog zitiert Will Oldham:
"If I could fuck a mountain Lord, I would fuck a mountain." Und Schabus
lässt uns den Berg besteigen. Von hinten, von innen. Dann steht man erst
einmal mitten drin im "Letzten Land", wie Schabus es nennt, und staunt
über diese rohe Holzkonstruktion, die an mittelalterliche
Kirchendachstühle erinnert. Und klettert weiter und schaut aus kleinen
Luken. Der Blick wird hinübergelenkt nach Sant Elena, ins benachbarte,
erst Ende des 19. Jahrhunderts aufgeschüttete Arbeiterviertel, wo einst
das Militär exerzierte und von dem dieses Giardini-Eck abgezwackt wurde.
Mit der Geschichte und den Klischees hält Schabus nicht hinterm Berg.
Weder mit der österreichischen noch der italienischen noch der
gemeinsamen. Ein Video zeigt einen Flug durchs Kanaltal, den Weg, der uns
alle auch heute nach Venedig führt. Eine große Geste ist Hans Schabus hier
gelungen. Sie vermag sich ähnlich ins Gedächtnis zu schrauben, wie Richard
Sierras nur für spanische Staatsbürger betretbarer Spanien-Pavillon bei
der letzten Biennale. Zu einer derart scharfen politischen Aussage hat
Schabus sich nicht hinreißen lassen. Doch auch die anderen Beiträge halten
sich diesbezüglich zurück. Politisch Motiviertes oder Sozialkritisches ist
die Ausnahme. Ausnahmen sind auch die überraschend konventionellen Beiträge der angloamerikanischen Länder: England bat das langgediente Star-Duo "Gilbert & George" um neue großformatige Bilder. Die USA ehren Altmeister Ed Ruscha. Am Rückzug scheint die Zynikerfraktion, die im deutschen Pavillon mit Tino Sehgal glänzt: Während einige Aufseher einen singend umtanzen - "This is so contemporary, contemporary, contemporary" -, wollen andere Laienschauspielern über die Marktwirtschaft diskutieren. Versteigt man sich jetzt aber dazu, einen roten Faden durch alle Länderpräsentationen finden zu wollen, darf eine unbestimmte Sehnsucht nach der Natur nicht unbemerkt bleiben. Eine romantische Einstellung, die zuletzt vor allem in der Malerei konstatiert, auch auf die bei der diesjährigen Biennale klar dominierenden Installationen umgelegt werden muss. Da werden Filme auf Wasserfälle projiziert (Kanada), vor dem Gelände ragt 40 Meter hoch Fabrizio Plessis schillerndes Stahl-Totem "Mare verticale" auf. Durch Russlands Pavillon peitscht der Wind zu Sphären-Klängen. Am Balkon von "Korea" darf man mit Lupen Miniatur-Szenen zwischen Püppchen und Insekten beobachten. Der Israeli Guy Ben-Ner liefert sein Natur-Idyll, ein Klettergerüst namens "Baumhaus", im Ikea-Karton. Und Gabriela Fridriksdottir richtet für Island einen mythischen Parcours aus Schlamm, Stroh und schleimspeienden Kreaturen ein. Mit artifiziellen Mitteln wird hier überall versucht, die Phänomene der Natur einzufangen, zu karikieren, mit ihnen zu spielen. Der Meister dieser künstlichen Verklärung ist der Däne Olafur Eliasson. Heuer ist er in Venedig mit der von Francesca Habsburgs "T-B A21"-Stiftung finanzierten Lichtinstallation "Your black horizon" vertreten. Sein in- und auswendig mit Holztreppen umbauter und mit Kristallen ausgestatteter Pavillon von 2003 aber scheint wie eine Vorahnung, wie ein Vorleuchten gewesen zu sein auf Schabus' monumentales Bergmassiv. Von hier oben aus müsste heuer der Goldene Löwe brüllen. Und wenn er es auch nie tun wird. Sein Echo wenigstens, das haben wir gehört. |
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