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Kunstberichte
Kunsthalle Wien: "The Porn Identity" will die Grenzen zwischen Kunst und Pornografie neu ausloten

Im Fuhrpark der Penetrationen

"Clockwork Orange" lässt grüßen: Die Nachbildung einer Plastik aus Stanley Kubricks brutalem Filmklassiker thematisiert den Nexus von Sex und Gewalt. Foto: Bob Goedewaagen and Witte de With

"Clockwork Orange" lässt grüßen: Die Nachbildung einer Plastik aus Stanley Kubricks brutalem Filmklassiker thematisiert den Nexus von Sex und Gewalt. Foto: Bob Goedewaagen and Witte de With

Von Christoph Irrgeher

Aufzählung Wo Porno, da ein Paradoxon. Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Da ist das Schmuddelige legal – aber geächtet. Da ist es ein Quell billiger Herrenwitze, aber ein 20-Milliarden-Dollar-Geschäft pro Jahr. Da erzürnt es Sittenwächter – und linke Feministinnen. Und: Wann immer Pornografie vor den Karren hehrer Ziele gespannt wird, da läuft sie Gefahr, doch nur als Selbstzweck rezipiert zu werden.

So gesehen kommt nun auch die Ausstellung "The Porn Identity" in der Kunsthalle – trotz ihrer Betonung eines "postpornografischen" Diskurses – nicht um einen Vorwurf herum: Dass sie vielleicht selbst auf "Sex sells" hofft. Und noch ein Einwand: Dass Künstler, wie die Schau suggeriert, erst seit Kurzem einen "postpornografischen" Diskurs entwickeln, sich also immer öfter explizit, aber fern vom Hardcore-Mainstream an der Fleischeslust abarbeiten, stimmt nicht recht: Denn Porno-Versatzstücke geistern seit Jahren durch die Künste.

Neu aber in der Kunsthalle: Die Vielfalt der gebotenen Positionen. Und man verzeihe diese Doppeldeutigkeit bitte, denn sie trifft zu: So viel betriebsame Geschlechtsorgane, wie hier über Bildschirme flimmern, sieht man selten; doch auch selten so viel künstlerische Bezugspunkte. Einlass ab 18! Das ist nur gesetzestreu, nicht zuletzt ächzt aus dem Bildschirm-Wald so manch echter Hardcore-Streifen. Und wenn es zuletzt aus den 20 Screens der Videowand "Rainbow Wall" synchron stöhnt und ruckelt – da fühlt man sich übersättigt von einer Fleischmaschine namens Pornografie.

Raum für das Experiment

Fraglich nur: Warum hier auch "echte" Masturbationsvorlagen? Fraglos, diese Schau ist konsequent als "Expedition in die Dunkelzone", wie der Untertitel heißt. Und sie will ja neue Grenzen zwischen Porno und Kunst, will Hybridwesen Raum geben – Experimenten, wie sie vor dem Kommerzprodukt Porno noch in den 60er Jahren gängig waren.

Die heutigen Arbeiten: Sie haben in seltenen Fällen sogar eine Qualität, die der Schmuddel-Massenware fehlt – Humor. Da erheitert T. Arthur Cottams Kurzfilm "Pornographic Apathetic", in dem vier Darsteller an einem Tisch lümmeln – und Hardcore-Dialoge nachsprechen. Oder die vier Knetmasse-Sexpuppen in Nathalie Djurbergs "Badain": Sie wuseln zu spaßiger Musik herum, betonen aber auch den Nexus von Eros und Macht – hier verkehrt ja ein Schwarzer mit "Herrinnen".

Enigmatisch vieles andere, wie etwa Dorit Margreiters Aufnahmen einer pornoproduktions-bewährten US-Villa. Ja, überhaupt: Zu viele Filme dauern da zu viele Minuten, sind mit zu viel Konzept befrachtet – weshalb unter Zeitdruck vielleicht nur Körperteil-Manöver erinnerlich bleiben.

Feministischer Impetus

Rasch ins Auge fällt jedoch ein feministischer Impetus – wie in Katrina Daschners Film "Dolores", der den "Lolita"-Stoff zur Lesben-Geschichte ummodelt und so an männlicher (Be-)Deutungshoheit kratzt. Anklagendes im Fall von Marilyn Chambers: Einst Sauberfrau auf der Waschmittelpackung, wechselte sie ins Hardcore-Fach – und blieb trotz Wechsel männlichen Klischeebildern erhalten.

Sex, das bedeutet pornologisch aber auch für den Mann Verdrießliches: nämlich Leistungssport – und somit Druck. Immerhin: Mit Robert Müllers "Junggesellenmaschine" (Hometrainer plus Dildo) könnte man sich dafür stählen. Oder den Drang kanalisieren: Mit "The Bronze Pinball Machine" von Ed und Nancy Kienholz – vor der man zwischen zwei Frauenbeinen flippert. Und hoffentlich nicht allzu laut ruckelt.

Aufzählung Ausstellung

The Porn Identity

Thomas Edlinger, Angela Stief, Florian Waldvogel (Kuratoren) Kunsthalle Wien Bis 1. Juni

Printausgabe vom Donnerstag, 12. Februar 2009


Kommentare zum Artikel:

18.02.2009 Fehlendes politisches Statement
Die Ausstellung verabsäumt es leider, das wichtigste politische Statement der letzten Jahre zum Thema Pornographie aufzugreifen:

Dass Pornographie eine erniedrigende Darstellung von Frauen ist - eine klarstellende Definition der Zeitschrift EMMA im Rahmen der PorNo Kampagne.
Dr. Mario Brocallo
12.02.2009 Woher bekomme ich den Katalog
Aus den Internet Informationen kann ich nicht ersehen, wie ich hier im hohen Norden Ihren Katalog beziehen kann. Für einen Hinweis wäre ich sehr dankbar.
Mit freundlichem Gruß,
K. Tarnowski
Dr. Tarnowski, Katrin
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