



Von seinem Lehrer Bernd Becher hat Axel Hütte die Konsequenz gelernt, mit der ein Motiv zu verfolgen ist: Wasserspiegelungen (hier in Aranjuez 2007) faszinieren den Fotografen.

Aquarell von Josef Karl Rädler von 1904.
Unbeeindruckt vom Festspielthema "Mythos" präsentieren die Galerien Hochkarätiges in Einzel- oder Gruppenschauen.
Salzburg - Tief im Wald an einem Weiher. Das Wasser dunkel, beschattet von den umstehenden Bäumen. Nur Vogelzwitschern durchbricht die Ruhe, ein knackendes Ästchen. Es sind solche stillen Sehnsuchtsorte - man könnte sagen: Kraftplätze des Waldes - die Axel Hütte für seine Fotografien von Wasserspiegelungen aufgespürt hat. Für die Effekte, die Hütte erzielen will, interessieren ihn allerdings die stehenden, die dunklen Gewässer. Nur sanft darf sich die Oberfläche kräuseln, damit die Spiegelungen sich gut abzeichnen.
Fündig wurde er nicht nur in Bayern, sondern auch in Spanien, sogar in Kanada, wie die in der Galerie Nikolaus Ruzicska unter dem Titel Towards the Woods zusammengestellten Beispiele zeigen. Gestochen scharfe, klare Bilder von sich in Waldseen spiegelnden Landschaften darf man sich von Hütte allerdings nicht erwarten. Er zählt zu den malerischsten der berühmten Becher-Schüler (etwa Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Ruff). Mit relativ langen Verschlusszeiten von bis zu einer 1/8-Sekunde erzielt er verfremdende Effekte.
Die Farben verschwimmen auf den Landschaften, die im Labor um 180 Grad gedreht werden - und daher nicht mehr am Kopf stehen. Schlieren und Flecken ziehen sich über die Bilder, scheinen bisweilen sogar wie mit dem Pinsel aufgetupft oder gestrichelt. Im Detail sind es geradezu abstrakte Partien, die sich erst zusammen zu einer Landschaft addieren. Besonders extrem ist der Eindruck von Malerei in Bayrischer Wald-2 von 2002: Man möchte fast wetten, der Künstler habe ein Gemälde des moosigen Unterholzes über den Wasserspiegel gehalten.
Ein Spiel mit der Illusion also und daher auch eine Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie selbst: Was sieht die Kamera dort, wo unser Gehirn Bilder gerade rückt und Unschärfen ausgleicht? Darüber hinaus entfaltet Hütte auch ein Gefühl für den mystischen Raum des Waldes. Eine Mystik, die auf die Suggestionskraft der Betrachter setzt; und die jedoch durch Aufnahmen zerstört wird, die Hütte mit nackten Wassernymphen belebt hat. Die Aktfiguren sind allzu gegenwärtig, allzu präsent und real für die Zauberwelt seiner Bilder. Überflüssig. Abseits des angestrengten Festspiel- und Touristengewusels in Salzburgs Altstadt ist die Ausstellung ein Ruhepol, dessen kühle Waldseen selbst im Fotoformat zum Verweilen einladen.
Ruhe erfährt der Besucher auch in Richard Deacons Ausstellung How much does your mind weigh? in der etwas außerhalb gelegenen Halle des Galeristen Thaddaeus Ropac. Rastlose Blicke werden von der titelgebenden Skulptur gebremst, in dem amorphen Wabenobjekt aus Eschenholz gefangen genommen. Das Auge tastet die Rundungen des vier Meter hohen Gebildes ab: eine Art Holzgeflecht, das auf drei amöbenförmigen Grundrissen aufgebaut ist; ein Rapport, der sich ins Unendliche fortsetzen könnte.
Wie liest das Auge diese Formen und Segmente?, ist eine Frage, die den 1949 geborenen Waliser in vielen seiner Skulpturen begleitet. Die Verbrennungen, die beim Biegen des Holzes entstehen, offenbaren ebenso wie die weiß zugespachtelten Löcher den industriellen Fertigungsprozess, markieren - ähnlich wie die 2007 auf der Biennale Venedig verwendeten Bronzenägel - Stigmata. Es sind Spuren, die für ein rhythmisches Tänzeln und Verweilen des Blickes sorgen. Im Haupthaus der Galerie, in der Villa Kast am Mirabellplatz, zeigt man neueste Bilder von Daniel Richter. Diese Hauptshow flankieren zwei kleinere Präsentationen: frühe Zeichnungen Andy Warhols zum einen und zum anderen pastose Monochrome von Jason Martin.
Die Galerie Altnöder beschäftigt sich mit einem nach wie vor umstrittenen Gebiet der Kunst, nämlich der Art Brut: Mit Josef Karl Rädler (1844-1917) stellt man einen Vertreter vor, der als Porzellanmaler - anders als viele sehr unmittelbar und unverbildet arbeitende Art-Brut-Künstler - eine kunsthandwerkliche Ausbildung genoss. So sind die tagebuchartigen und das Anstaltsleben in Mauer-Öhling begleitenden Aquarelle mehr für ihre Kompositionen und ihre begleitenden Texte - etwa über den Wahnsinn - zu bestaunen als für ihre Ursprünglichkeit. Begleitet werden die Arbeiten auf Papier des selbst ernannten "lachenden Philosophen" und "Menschheitsapostels" u. a. von Beispielen Gugginger Künstler.
Weiters in Salzburg: Der zuletzt im Rupertinum ausgestellte Tomak bestreitet mit seinen um Krankheit, Geschichte, Religion und Populärkultur kreisenden Horror-Vacui-Zeichnungen die Salzburg-Präsentation von Heike Curtze, der Solos von Arnulf Rainer (ab 7. 8.) und Christian Ludwig Attersee (ab 19. 8.) folgen werden. Ein skulptural dominiertes Potpourri zum Thema Dreams (u. a. mit Bruno Peinado, Bernardi Roig und Fernando Sánchez-Castillo) hat die Galerie Mauroner in ihren beiden Salzburger Domizilen versammelt. Und last, but not least: dynamisch-verwirbelte Farbspiele von Wolfgang Hollegha in der Galerie Welz. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2010)
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