


vergrößern 522x700Top-Seller der Versteigerung zugunsten der Londoner Serpentine Gallery waren John Currin's Ölgemälde "Edwardian" , das bei 713,250 £ den Zuschlag erhielt, sowie Richard Prince's Acryl-Collage "Untitled" , das für 541,250 £ den Besitzer wechselte.
Selbst in den kühnsten Träumen hätte keiner der Beteiligten mit einem derartig hohen Ergebnis gerechnet. Am 30. Juni wurden in London 44 Kunstwerke zeitgenössischer Künstler im Zuge von Sotheby's Contemporary Art Day versteigert. Die Summe, £ 4,545,675 - mehr als das Doppelte des mit 2,2 Millionen £ dotierten Schätzwertes, überwältigte gleichsam Auktionshaus wie auch Nutznießer der Benefizauktion. "Wir sind allen Künstlern und Sotheby's unglaublich dankbar" , resümierte das Direktorenduo der Serpentine Gallery, Julia Peyton-Jones und Hans-Ulrich Obrist. Zu der außergewöhnlichen Aktion war es durch die Schenkung international renommierter Künstler - darunter Louise Bourgeois, Damien Hirst, Gilbert & George, John Currin, Jeff Koons, Richard Prince, Gerhard Richter, Maria Lassnig, Cindy Sherman, Ed Ruscha - zugunsten einer geplanten Ausweitung der Serpentine Gallery gekommen. Oliver Barker, Deputy Chairman von Sotheby's Europe enthusiastisch: "Wir freuen uns riesig, eine kleine Rolle bei der Grundsteinlegung von Kensington Gardens neuem Kunstraum ‚Serpentine Sackler Gallery‘ gespielt zu haben." 2012 soll, nur einen Steinwurf vom Haupthaus entfernt, eine fixe Dependance eröffnen.
Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid designte die Adaptierung eines bislang als Magazin genutzten Gebäudes und wird dieses mit einem permanenten Pavillon fusionieren. Die neue Einheit soll allen Kunstsparten Raum bieten, um das existierende Programm zu komplettieren. Geplant sind auch Lichtinstallationen sowie im Park ein artifizieller Freiraum für Kids und kindgeblieben Verspielte.
Bibliophile Retrospektive
Die mit mehr als 800.000 Besuchern pro Jahr zu Londons beliebtesten zählende Serpentine Gallery, untergebracht in einem 1934 erbauten Teepavillon, wurde 1970 als Ausstellungsraum eröffnet und präsentierte seitdem mehr als 1500 zeitgenössische Künstler. Schon seit der Renovierung der Räumlichkeiten - 1998 unter der Patronanz der Prinzessin von Wales, Diana - war die künstlerische Leitung bestrebt, neue Wege zu beschreiten, um ihre Sammlung adäquat präsentieren zu können. Deshalb hat die Galerie seit 2000 alljährlich auserwählte Architekten beauftragt, Sommerpavillons zu entwerfen - temporäre Bauten, die für die Dauer von drei Monaten in unmittelbarer Nachbarschaft zur Galerie errichtet wurden.
Eine Retrospektive dieser temporären Refugien präsentiert der renommierte Architekturkritiker Philip Jodidio: Serpentine Gallery Pavillons versammelt alle Projekte, mit Ausnahme des aktuellen, 2011 von Peter Zumthor und Piet Oudolf gestalteten Hortus conclusus. Der 1954 geborene Kunsthistoriker, ehemalige Chefredakteur der Kunstzeitschrift Connaissance des Arts Jodidio zeigt in seiner opulenten Anthologie die realisierten Entwürfe von Zaha Hadid, Oscar Niemeyer, Cecil Balmond, Daniel Libeskind, Toyo Ito, Alvaro Siza, Eduardo Souto de Moura, Rem Koolhaas, Olafur Eliasson, Kjetil Thorsen, Frank Gehry, Jean Nouvel, Sanaa sowie das nichtrealisierte Projekt von MVRDV.
Manche Expositur mutet futuristisch, spacig, revolutionär an, manche ist reduziert und minimalistisch. Gemein ist allen Konzeptionen, dass sie eine einzigartige Symbiose und intensive Spannung zu der im öffentlichen Raum exponierten Kunst evozieren. Realiter entstehen korrelierende und irritierende Konstellationen von miteinander korrespondierenden Komponenten wie moderner Kunst, traditioneller britischer Gartengestaltung und zeitgenössischer, temporärer Architektur.
Ein eloquent luzides Interview mit der Direktorin der Serpentine, Julia Peyton-Jones, und dem Chefkurator Hans-Ulrich Obrist, der aufmerksamen Lesern sicher noch als Kurator etlicher im Standard publizierten künstlerischen Interventionen des Museum in Progress in Erinnerung ist, ergänzt die Beschreibungen der Pavillons, die auch mit Originalzeichnungen und (den Vergleich von Konzept und Umsetzung provozierenden) Fotografien der realisierten Bauten versehen sind. Stellvertretend sei des britischen Architekten Richard Rogers Conclusio zitiert: "Die für relativ wenig Geld errichteten Pavillons sind unglaublich gut. Ich könnte keinen herausgreifen - alle sind Meisterwerke."
Abzuwarten bleibt, inwiefern der neue, zeitlich nun unbegrenzte Tempel der Contemporary Art Zeitlosigkeit zeitigen wird. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 30./31. Juli 2011)
P. Jodidio, "Serpentine Gallery Pavillons" . (dt., frz., engl.) € 41,20 / 356 S., Taschen-Verlag, Köln 2011. Die Serpentine Gallery: sieben Tage/Woche geöffnet, Eintritt frei
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