| Salzburger Nachrichten am 15. Juli 2006 - Bereich: Kultur
Aufklärer mit Gefühl Die Gmundner Festwochen
luden als Festredner Roger Willemsen ein, der zu erklären vermag, warum
Kunst eine eminent politische Bedeutung haben kann.
Anton ThuswaldnerGmunden (SN). Ein Festredner ist kein Zufallsgast. Als
gestern, Freitag, Roger Willemsen die Festwochen Gmunden eröffnete, durfte
man einen kritischen Zeitgenossen erwarten, für den Kunst einen
gesellschaftlichen Auftrag erfüllt. "Ich habe mir gedacht, das sinnvollste
Thema, das es zu bearbeiten gäbe, wäre etwas zu sagen zur
gesellschaftlichen Bedeutung der Kunst mit einem Akzent auf die Literatur,
aber mit Seitenblicken in die Musik und die Bildende Kunst", sagte Roger
Willemsen zuvor im SN-Gespräch. "Das soll eine Argumentationshilfe sein
für jene, die in diesem Bereich etwas Lebensnotwendiges erkennen." Mit zwei Büchern hat Willemsen in diesem Jahr Aufsehen erregt, mit
seinem Interview früherer Guantanamo-Häftlinge, "Hier spricht Guantanamo"
(Verlag Zweitausendeins) und dem Bericht "Afghanische Reise" (S. Fischer).
In beiden Fällen ist ein Zeitgenosse am Werk, der etwas ändern will am
Zustand der Welt mit der Kraft seiner Worte. Willemsen ist nicht der
Schreibtisch-Intellektuelle, der sich aus Daten und Fakten aus zweiter
Hand ein Bild macht, er sammelt Informationen auf Reisen und in
Gesprächen, und alles, was er auf diese Weise in Erfahrung gebracht hat,
wirkt zurück auf sein Denken und Fühlen. "In Afghanistan habe ich viel
gelernt über den immateriellen Wert von Kultur, also jener Kultur, die
eigentlich in unser Lieben, Glauben, Trösten, Ahnen, Vermuten,
Albernwerden, Begehren usw. eindringt. Ich habe zum Teil eine sehr tiefe
Verankerung von verfeinerter Sprache, von anderen Formen des Rituals im
Sprechen wahrgenommen. Ich gehe von einem abendländisch-aufklärerischen
Begriff von Kunst aus, der die Kunst fragt nach dem, was an ihr kritisch
ist. Was mir Guantanamo-Häftlinge gesagt haben über ihre Unfähigkeit,
jetzt sich noch der Schönheit der Natur zu stellen oder zu lesen oder
Musik zu hören, das hat meinen eigenen Blick verändert." Wer sich Roger Willemsen als Festredner holt, muss damit rechnen, dass
es nicht rein festlich zugeht. Er sieht sich als Aufklärer, als einer
also, der seine Gedanken in Bewegung setzt, um herauszubekommen, was den
Kern unserer Zeit ausmacht. Gleichzeitig spricht er von der Fähigkeit zur
Einfühlung, der Herstellung von Rührung, von Empathie, der Fähigkeit, sich
in einen anderen hineinzuversetzen. Das sind Begriffe, die eine Zeit lang
als verpönt galten, weil sie mit intellektuellen Höhenflügen nicht
vereinbar schienen. Ein Denker sollte scharf, schneidend, kühl sein, wahre
Aufklärer ignorierten Gefühle. Einfühlung ist Umkehrung von Entfremdung "Ich denke, dass die Fähigkeit
zur Einfühlung, dass unsere Kulturtechniken der Rezeption von Kunst
verfeinert werden und so eminent politische Bedeutung bekommen", sagt
Willemsen. "Überall da, wo Staaten rechtsfreie Räume definieren und in
diesen Räumen tun, was sie wollen, in einem Konzentrationslager, in einem
Gulag oder auf Guantanamo, ist Empathie eigentlich die Umkehrung der
Entfremdung, die besagt, mit solchen Menschen ist alles erlaubt." Wer treibt heute das Projekt der Aufklärung am großartigsten vorwärts?
Ist es Alexander Kluge? "Er ist in mancher Hinsicht der radikalste
Aufklärer, auf den wir uns beziehen können. Ich erinnere mich an einen
Satz von ihm von vor bestimmt zwanzig Jahren: Was nicht in irgendeiner
Weise radikal ist, wird nicht überleben", sagt Roger Willemsen. "Es ist
sichtbar, wie anwendbar dieser Satz auf Kluge ist und wie wenig anwendbar
auf Hans Magnus Enzensberger, der inzwischen fast auf der anderen Seite
des Spektrums ist und sich in der Selbstabrechnung genügt. Er gefällt sich
in einem Exorzismus der eigenen Vergangenheit, der gedanklich dann und
wann denkbar schlicht daherkommt." |