
Er ist die Symbolfigur für Chinas Umgang mit seinen kritischen Künstlern: Ai Weiwei. Im Westen erzielen seine Sonnenblumensamen aus Porzellan, die 2010 die Turbinenhalle der Tate Modern in London füllten, per 100 Kilo von Sotheby’s um 417.000 Euro versteigert, Höchstpreise. Drei bekannte Museen machen in Europa Personalen, obwohl der auch als Kurator tätige Künstler selbst nicht oder nur wenig mitplanen konnte. Am 3. April 2011 wurde er verhaftet und darf seit seiner Freilassung gegen Kaution am 22. Juni Peking nicht verlassen. Das Regime hat es geschafft, Ai wohl durch massive Drohungen mundtot zu machen und seine politischen wie künstlerischen Stellungnahmen im Internet zu unterbinden. Zwei Bücher sind diese Woche erschienen: die Interviews, die Hans Ulrich Obrist mit dem Künstler seit Jahren führte („Ai Weiwei spricht”, Hanser Verlag), und der Abdruck seiner kritischen Blogs („Macht euch keine Illusionen über mich”, Galiani) von 2006 bis 2009, als die Regierung im Mai das Tagebuch sperrte. Viele Einträge seit dem ersten am 19. November 2006 wurden schnell gelöscht, denn sie behandelten neben Alltagsfragen sehr offen das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens 1989 an jeweiligen Jahrestagen oder die Toten durch Baumängel im Zusammenhang mit eingestürzten Schulgebäuden während des Erdbebens 2008 in der Provinz Sichuan und die Unterdrückung der Tibeter.
Für Obrist ist dieser Blog Ais eine „soziale Plastik”, also Fortsetzung des Denkens von Joseph Beuys, der Künstler selbst sieht seine Vernetzung und Kollaboration mit Architekten und Künstlern weltweit allerdings mehr als aktualisierte Factory Andy Warhols und meint, durch den Blog „wurde ich zwangsläufig zu einer politischen Figur”. So radikal, wie er darin formulierte, entstand in Europa der Eindruck, der Künstler genieße den Schutz von zumindest einer wichtigen liberaleren Gruppierung in der Kommunistischen Partei Chinas. Sein Masterplan für das Stadion von Herzog & De Meuron in Peking, das „Vogelnest” für die Olympiade von 2008, davor die Organisation eines ersten Kunstraums in Peking mit „Chinese Art Archives and Warehouse”, Publikationen zur Gegenwartskunst in China und Mitwirkung an Jurys für Preise, verstärkten diese falsche Einschätzung. Seit Ai Weiwei, der 2004 erstmals verhaftet wurde, 2008 fast tot geschlagen wurde, weil er als Zeuge aussagen wollte, lässt sich sein mutiger Grenzgang richtig einschätzen. Im Jänner wurde sein Atelier in Shanghai abgerissen, er und seine Konten werden ständig überwacht. Damit ist klar: Ein politischer Aktivist soll durch Vorwurf eines Wirtschaftsdelikts (Steuerhinterziehung), „Außenseitertum” und „sexuelle Abartigkeit” (Vorwurf Bigamie) zum Schweigen verurteilt und am Reisen wie Kommunizieren mit dem Ausland gehindert werden.
Schon Vater war Dissident
Da die Öffnung übers Internet wichtiger Teil seiner künstlerischen
Methode ist, sollte die Aufmerksamkeit bleiben. Es fällt auf, dass über
Leben und Kunst Ai Weiweis wenig bekannt ist. Der Blick wird auf einen
Künstler gerichtet, dessen Vater schon Dissident war. Der bekannte
Dichter Ai Qing musste in Verbannung strafweise Toiletten putzen,
während man seine Bücher wegen Affinität zu französischer Literatur
verboten hatte, und ihn erst in den 80ern rehabilitierte. Der 1957 in
Peking geborene Allrounder Ai Weiwei, der Zeichnung, Fotografie,
Architektur, Skulptur, Video bis zu performativen Aktivitäten als
weltweiter Kommunikator mit seinem politischen Aktivismus verbreitet,
lebte mit seinem Vater während der Kulturrevolution in der Wüste Gobi.
Sechzehn Jahre bis zum Tod Maos musste er bleiben. Zurück in Peking
zeichnete der Sohn jahrelang, bekam seine Bildung über den
Intellektuellenkreis um seinen Vater und begann ein Studium auf der
Filmakademie. 1981 bis 1993 ging er nach New York, weil er es als
damalige Kunsthauptstadt erkannte, und studierte, neben vielen Brotjobs,
ohne Abschluss bei Sean Scully. Die Entdeckung der Dadakunst Marcel
Duchamps, Fluxus, Minimal- und Konzeptkunst, von Frank Lloyd Wright und
Ludwig Wittgenstein als Architekt waren prägend. Das Arbeiten mit der
Kamera löste das Zeichnen ab.
Fotografieren setzt Ai Weiwei mit Atmen gleich, weil die Möglichkeit der Beobachtung und Dokumentation seine wesentliche Strategie ist. Erst die Rückkehr nach China 1993 bestimmte seine wichtige Rolle als Künstler im erweiterten Feld von World-Art. Im Westen war Künstlerdasein als „Haltung” seit Duchamp nicht mehr neu. Er brachte das Neue in sein Land. In der Fotoserie „Study of Perspective” von 1995 bis 2003, die 2006 für das Essl Museum angekauft wurde, hält er den Mittelfinger gegen Sehenswürdigkeiten der ganzen Welt: „Deine Handlungen erschaffen deine Welt” war parallel Aufruf zu Protesten. Das Eintauchen prähistorischer Vasen in japanische Industriefarbe oder das im Video aufgezeichnete Zerschlagen eines Gefäßes der Hang-Dynastie wandeln den Fluxus-Zerstörungsakt in harte Geschichtskritik.
Die Provokation eines Kulturwandels durch Aufdeckung gelang ihm vor allem mit „Template” auf der Documenta 2007. Die Installation bestand aus alten Türen und Fenstern von abgerissenen Gebäuden Pekings. Ihre geordnete Form wurde durch einen Sturm zum Haufen; eine Wandlung, die Ai begrüßte, der zusätzlich 1001 Chinesen als „Fairytale”-Diskutanten involvierte. Beides machte ihn berühmt. Zum „Überkünstler”, wie heuer bei der Biennale in Venedig sein kritischer Kollege Wang Xiaosong bemerkte.
Er versuche sich immer wieder dem Gefühl der Selbstzufriedenheit zu entziehen, sagte der Künstler zu Obrist. Optimistisch beschreibt er uns alle als Zeugen eines rasenden Wandels von Geschichte, Widerstand gegen staatliche Willkür dürfe nur phantasievoll durch die Kunst passieren. Als das Internetportal Sina.com Ai Weiwei 2005 einlud, ein Art Tagebuch im Netz zu schreiben, war ihm bald klar, dass diese Erweiterung seine Methoden überall bekannt machen konnte: 100.000 lasen den Blog täglich. 2010 wurde medienwirksam ein Fels aus dem Erdbebengebiet in Sichuan auf den Dachstein geflogen - nicht sein bestes künstlerisches Statement.
Durchbrechen der Firewall
In den letzten sieben Jahren löste die Architektur das Zeichnen, die
Skulptur und den Blog ab. Mit seiner Firma Fake Design startete er 50
Projekte von Stadtplanung bis Design. Seit er 2004 im Baseler Schaulager
mit Herzog & De Meuron ausstellte, begann er eine Karriere als
Planer von Architektur, später holte er das junge Schweizer
Architektenteam HHF architects ins Boot. Derzeit entsteht in der
Geburtsstadt seines Vaters, Jinhua, im Süden Chinas, eine Modellstadt
aus Pavillons des internationalen Architektenkollektivs Ordos 100.
Die Kooperation mit Fake Design ist im raumfüllenden Modell im Kunsthaus Bregenz (bis 16. Oktober) zu sehen. Besonders wird die Verklammerung aller Künste im konzeptuellen Denken durch die Archiskulpturenserie „Moon Chest” von 2008 im obersten Stock vermittelt. Die Videos über den behördlichen Abriss seines Ateliers in Shanghai und der rasenden Veränderung Pekings 2003 zeigen, dass das Experiment und performatives Agieren in China angekommen sind - den kommunistischen Realismus löste damit nicht traditionell etwa abstrakte Malerei provinzieller Prägung ab, sondern Chinas Gegenwart übernimmt durch Ai den westlichen Pluralismus. Kunstwerke können auch nur Spuren, Fragmente oder selbst Abfall sein, die neuen Medien greifen rasant um sich, und auch wenn eine große Firewall das Internet nach wie vor begrenzt, kann mit Einzug von Methoden wie subversiver Kartografie nur optimistisch mit dem Künstler gehofft werden, dass die Veränderungen unaufhaltsam sind. Er wolle in Ruhe Bücher lesen und keine Kunst machen, sagte er noch kürzlich zu Obrist - ob sein Land und die Welt das zulassen?