| Salzburger Nachrichten am 09. August 2003 - Bereich: kultur
Von der Freiheit der Kunst
Wie gehen wir mit dem öffentlichen Raum um? Wie frei oder wie unfrei ist die Kunst in Salzburg? Das waren Fragen einer Salzburger Diskussion.
SALZBURG (SN). Wer angenommen hat, die Affäre mit der Penis-Skulptur auf dem Max-Reinhardt-Platz sei schon wieder halb vergessen und die Erregung abgeklungen, sah sich angesichts einer von SN-Redakteur Werner Thuswaldner moderierten Diskussion darüber, was die Kunst darf, am Donnerstag in der ARGEkultur in Salzburg gründlich getäuscht. Die geäußerte Empörung bezog sich nicht auf die Skulptur der Gruppe Gelatine, wohl aber auf die Art, wie der Fall von der Poltik, aber auch vom Rupertinum gehandhabt worden ist. Bürgermeister Schaden rechtfertigte sich damit, dass er von den Veranstaltern hereingelegt worden sei. Sie hätten für die Bewilligung eine harmlose Skizze eingereicht und dann etwas völlig anderes verwirklicht. Schaden wurde dafür stark kritisiert. Die Frage, ob er, hätte er gewusst, was geplant war, mit Verbot reagiert hätte, beantwortete er ausweichend. Es müsse Rücksicht auf das Empfinden verschiedener Bevölkerungsgruppen genommen werden. Muslime hätten zum nackten Körper eine sehr skrupulöse Haltung. Diese Art von Minderheitenschutz wurde dem Bürgermeister nicht abgenommen. An seiner Stellungnahme entzündete sich die Frage, warum denn die Politik in Sachen Kunst entscheiden solle. Festspielintendant Ruzicka zitierte den entsprechenden Artikel der österreichischen Verfassung, der die Freiheit der Kunst garantiert. Der Meinung eines Richters aus dem Publikum, wonach der Paragraf genügen müsste, um das Agieren von Künstlern sicherzustellen, wurde heftig widersprochen. Weil der öffentliche Raum ja jedem gehöre, müsse es für seine Verwendung Regeln geben. Wolfgang Lorenz, Intendant der Kulturhauptstadt Graz, sagte, dass ein Beirat, der eher die Interessen der Künstler als jene der Politiker vertritt, hilfreich sein könne. In Graz bewähre sich diese Einrichtung. Er kritisierte die Salzburger Aktion als völlig misslungen. Sie habe mit lauter Verlierern geendet. Verloren hätten die Künstler, Agnes Husslein als Leiterin des Rupertinums und die Politik. Der Schaden für Salzburg sei evident. Die Vorgangsweise sei dilettantisch gewesen, keine Spur von Professionalität des Managements.
Kunstaktion mit vielen freiwilligen Mitspielern
Jemand, der behauptete, die Gruppe "Gelatine" genau zu kennen, erklärte, dass das Konzept die zu erwartenden Reaktionen der Politiker bis ins Detail vorausberechnet hätte. Alles sei dann exakt nach Plan abgelaufen und die Politiker hätten die in sie gesetzten Erwartungen voll erfüllt. Die Blamage sei Teil des Konzepts gewesen. Ein Psychologe sprach von den Ängsten, die eine Plastik wie der Penis-Held speziell beim männlichen Teil der Bevölkerung auslöse. Es würden Ängste geweckt, die in Aggression umschlagen können. Salzburg habe aus vorangegangenen "Kunstskandalen" nichts gelernt, hieß es in der Diskussion. Das Klima wurde hierorts als extrem konservativ und kunstfeindlich beschrieben. Die katholische Kirche trage das Ihre dazu bei. Ruzicka erinnerte daran, dass auch die Festspiele das Thema "Freiheit der Kunst" beschäftige. Darüber sei im Zusammenhang mit der "Fledermaus"-Inszenierung von Hans Neuenfels ein Prozess geführt worden, der zu Gunsten der Festspiele endete. Aber auch Stefan Herheims Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" von Mozart in diesem Jahr lasse Diskussionen dieser Art aufleben. Gibt der Anspruch für die "Freiheit der Kunst" den Regisseuren der Festspiele vollkommen freie Hand? Der Regisseur komme mit einem Konzept an, sagte Ruzicka. Es habe schon den Fall gegeben, dass bei extremer Abweichung ein klares Wort des Intendanten notwendig geworden sei.
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