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Ganz eigenartig
MODE  Neben der Wiener Musik könnte bald auch die Mode der Stadt international für Furore sorgen: 33 Modeschüler der Angewandten zeigen zum dritten Mal ihre Abschlussschau. Drei Nachwuchsdesignerinnen im Porträt. CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos)

Falter 23   Originaltext aus Falter 23/03 vom 04.06.2003

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Wenn alles vorüber ist, werde sie erstmal eine Woche durchschlafen, sagt Anna Aichinger. Die vergangenen Wochen hat sie nämlich durchgearbeitet, Entscheidungen getroffen und wieder verworfen, entworfen, genäht, Sounds gemixt und Fotos gemacht. Aichinger ist eine von vier Absolventen und insgesamt 33 Studierenden der Modeklasse der Angewandten, die am Donnerstag und Freitag ihre aktuellen Kollektionen präsentieren. Und zwar nicht mehr irgendwo als Showprogramm irgendeiner Studentenparty, wie es früher üblich war. Seit drei Jahren sind die Abschluss-Schauen der Modeklasse große gesellschaftliche Events. International renommierte Modeauskenner sitzen in Jurys und beurteilen die Arbeiten der Nachwuchsdesigner, neben stolzen Mamas und Papas zeigt sich auch das modeinteressierte Wien in Scharen.
Diesmal findet die Show in einer Halle im Arsenal statt. Postmilitärisches Sperrgebiet für eine Mode, die sich immer weniger an schon Bekanntem zu orientieren scheint, dafür aber versucht, Wien als eigenständigen Spielort des europäischen Designzirkus zu etablieren. Gucci und Prada gibt es ja schon anderswo.
Zwölf Outfits musste Anna Aichinger für das Diplom entwerfen und erarbeiten. Größe 34, weil das so üblich ist und die Vorführmädels entsprechend dünn sind. Aichinger ("ich bin eher der digitale Typ") entwirft am i-Book. Das ist weniger üblich, denn "viele Designer wissen noch nicht mal, wie man einen Computer startet". Sechs Jahre lang hat die 24-Jährige die Modeklasse besucht, war am Anfang der "einzige Teenager" in der Klasse. Als Nesthäkchen wurde sie wegen ihres Faibles für bonbonrosa Miniröcke und die Faschingsabteilung im Stoffhaus Komolka auch manchmal schief angeschaut. Mittlerweile trägt Aichinger aber schwarz, man verändert sich schließlich im Laufe seines Studiums. Auch die Kleider, die sie entwirft, sind meist dunkel, da sie sich so besser auf Schnitt und Silhouette konzentrieren könne, sagt sie. Das Grau, Schwarz und Weiß in ihrer aktuellen Kollektion seien für ihre Verhältnisse schon "sehr, sehr bunt". Da Aichinger im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen keine handwerkliche Ausbildung mitbrachte, sondern gleich von der Schule auf die Akademie kam, musste sie sich das Handwerkszeug selbst aneignen. Mit allen Konsequenzen: "In den ersten Jahren gabs halt einfach keine Ärmel."
Aichinger remixt für ihre Frauenkollektion "the dandy warlords" typische Materialien westlicher Männermode - Tweed, Flanell, Jeansstoff - mit den kunstvollen Drapierungsformen der Tuareg. "Das ist eine Matriarchat-gesellschaft, Frauen bestimmen bei den Tuareg, wo es lang geht, sie verwalten auch die Finanzen", berichtet die Diplomandin von den Recherchen. Gerade im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen und der Islamthematik schien ihr das Nomadenvolk interessant - nicht nur in gestalterischer Hinsicht: "Ich bin jemand, der eher den Spiegel liest, als die Vogue." Auch Bilder aus dem jüngsten Golfkrieg oder aus Afghanistan beeinflussten die kriegerische Kollektion. Highheels treffen Militarylook, der sich nicht plump durch Camouflage oder aufgesetzte Taschen ergibt, sondern durch den Schnitt. Die Strenge der geraden, fast bis zum Boden reichenden dunklen Mäntel, deren Schöße an den Füßen fixiert werden, hebt feminines Stöckelschuhwerk auf. "Ein machtvoller Sexappeal ist bei mir immer mit dabei, das entspricht einfach meinem Naturell", sagt Aichinger und schießt nach: "Ich würde sogar mit Highheels bergsteigen."

Auf den Berg zog es Kollegin Valerie Lange, doch nicht auf Stöckelschuhen. Eigentlich, sagt sie, gehöre sie nicht zu den Frauen, die sich mit Bergsteigen befassen. Lange, 26, studiert seit zwei Jahren auf der Angewandten, besuchte zuvor ein Jahr die renommierten Modeschule in Antwerpen, davor gabs ein BWL-Studium und das Modekolleg Michelbeuern. Für ihre Damenkollektion "Baumgrenze 2142 Meter" recherchierte sie also in den Bergen. Lange vermischt bergsportliche Elemente wie Jerseystoff, der große Bewegungsfreiheit bietet, oder Seiltechniken mit elegantem Schnitt und trickreicher Raffung: Kleider in Eisblau und Weiß, die Einblicke aufs Darunter freigeben, aber trotzdem elegant daherkommen. "Mich haben die kleinen, unscheinbaren Pionierpflanzen interessiert, ohne dass ich jetzt zu blumig gemustertem Stoff greife", erzählt Lange. Vielmehr ging es ihr darum, eine bestimmte Atmosphäre aufzubauen und daraus eine eigene Ästhetik zu schaffen. "Wenn man selbst halbwegs mitten im Leben steht, ist das nicht so abgehoben, wie es vielleicht klingt."
Stimmt. Denn Recherche steht immer am Beginn einer Kollektion. Das Recherchieren haben die Jungdesigner vor allem beim aktuellen Professor, dem belgischen Designer Raf Simons, gelernt. "Bei ihm habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, in Kollektionen zu denken. Meist bearbeitet man bei der Recherche dafür sowieso die Themen, die man gerade im Kopf hat", erzählt Aichinger. "Die Klasse ist dafür da, um sich Feedback und Reflexion zu holen, da bemerkt man dann auch selbst Fehler, die man gerne unter den Tisch fallen lässt." Wie man etwas machen muss, sagten einem weder Lehrer noch Mitstudenten, "aber man bekommt Anstöße".
Lena Knebl heißt eigentlich Martina Egger, will aber als Designerin nicht so heißen wie eine Biermarke und borgt sich deswegen den Namen ihrer Großmutter aus. "Jakob Knebl, mein Großvater, wäre auch eine Möglichkeit gewesen, die Leute zu verwirren", sagt sie. Aber womöglich verwirrt sie die Leute mit ihren Gender- und Geschichtscode-Spielereien ohnehin genug. Die 33-Jährige absolviert, nachdem sie jahrelang alte Menschen betreut hatte, zurzeit ein Doppelstudium. Neben der Modeklasse im 3. Jahr studiert sie Bildhauerei bei Heimo Zobernig. Die beiden Sparten trennt sie fein säuberlich voneinander: "Mode ist auch Kunst, aber mit Kurzzeiteffekt", meint Knebl. "Mit Mode lässt sich atmosphärisch etwas aufbauen, was definitiv nicht für die Ewigkeit gedacht ist."
Atmosphärisch-ironisch befasst sie sich für ihre aktuelle Kollektion "Mond im 5. Haus" mit dem Thema Esoterik, Kate Bush und den Achtzigerjahren: "Ich habe keine Angst vor Retro, ich glaube auch nicht, dass man noch etwas entwerfen kann, was noch nie da war." Dabei fungieren nicht Achtzigerjahre-Revival und neonfarbene Coolness als Ideengeber, sondern Schlabberpulli und Aubesetzung. Atmosphärisch natürlich. Und eher ungewöhnlich. Knebl spielt mit längst verdrängten Codes, suchte sich zu Beginn der Kollektionsarbeit grauenhaft kitschige Phantasy-Airbrushmotive zusammen. Entsprechend heftig sind auch ihre Entwürfe: Grobmaschiger Häkelpullover - Seide statt Jute -, darunter sackartige Kleider aus weichen fließenden Stoffen in Naturfarben. The return of the Öko-Look: "Mir ist Humor schon wichtig", sagt die Designerin, und alles ist wieder gut. In der Modeszene werde so etwas schon verstanden. "Du bewegst dich in gewissen Kreisen, da erkennt man die Codes. Natürlich hat nicht jeder denselben Humor, das wäre ja auch wieder sehr seltsam." Wie jemand aussieht, könne man als Designer nicht beeinflussen, was die Leute tragen jedoch schon. Zum Beispiel eine Jutetasche.
Die Korrekturen, das Infragestellen durch Professor Raf Simons empfindet Knebl - wie auch ihre Kolleginnen - als wichtigen Ansporn. "Da gibt einem wer seine Erfahrungen weiter, der schon sehr weit ist", sagt sie. "Das ist eine große Chance, mit einem großen Designer zu arbeiten, der trotzdem nicht abgehoben ist."

In Wien wird nicht nur in der Modeklasse eigenständiges Design gemacht, das sich von dem aus Mailand oder Paris unterscheidet. "Es ist doch nicht notwendig, dass es noch einen Yves Saint Laurent aus Wien gibt", sagt Lena Knebl. "Bei elektronischer Musik aus Wien hat es auch funktioniert. Ich würde mir dieses Selbstbewusstsein auch bei der Wiener Mode wünschen." Die Beispiele der Wiener Designer Wendy & Jim oder des Labels Fabrics Interseason zeigen, dass für den Wiener Stil durchaus Nachfrage besteht: Wiener Mode, nicht als Mitspieler in Paris oder New York, sondern als ganz eigenartiges Design. Internationale Preise, Stipendien und Publikationen für den Wiener Nachwuchs bestätigen das.
So ähnlich begann vor einigen Jahren der große Modezirkus in Belgien. Mit Ausbildungsstätten, wo der Unterschied zwischen Schneidern oder Basteln und Designen von tragbarer (also verkaufbarer) Mode klar ist, Institutionen, die wirtschaftlich und gesellschaftlich die Mode vorantreiben, und einem gesteigerten Interesse am Thema ist Wien auf gutem Weg zur nächsten Modestadt Europas. Die Veranstaltung im Arsenal, mit internationaler Jury und Hunderten Zuschauern, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
Modeklasse-Absolventin Anna Aichinger weiß übrigens noch nicht , wie es weitergeht nach dem Studium: "Ich muss sicher noch viel Erfahrung sammeln", meint sie. "Vielleicht gründe ich auch gemeinsam mit jemandem ein eigenes Label." Doch jetzt wird erstmal geschlafen. Eine Woche lang.

Show 2003 Angewandte, 5. u. 6. Juni, 3., Franz-Grill-Straße 6, Arsenal, Objekt 227, Karten (10/15 Euro inkl. Katalog), Reservierung bis 4. Juni, Tel. 711 33 24-62, http://www.modeklasse.at/

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