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13.06.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Museums-Ufo in Bahnhofsnähe
VON THOMAS VIEREGGE
Marta Herford. Frank Gehrys neues Museum eröffnete Jan Hoet mit "Private Heroes".

B
ahnhofsgegenden sind üblicherwei se übel beleumundet. Nicht so in Herford, einer Provinzstadt in Ost westfalen und früher Zentrum der Möbel- und Textilindustrie. In den Mittelstreifen der Straße eingelassene silberne Versalien des Rilke-Gedichts "Der Ball" weisen den Weg zu einer neuen Attraktion, die weit über Herford hinaus strahlt und die Stadt auf die Landkarte der Kunstwelt setzt: das Museum mit dem augenzwinkernden Namen "Marta" ("M" für Museum, "Art" für Kunst und "A" für Ambiente).

Mit dem sich bizarr auftürmenden, in schlingernden Wogen auseinander laufenden Dachfirst, der wie eine Ansammlung von Schiffsschloten anmutet, hat US-Stararchitekt Frank Gehry unverkennbar seine Handschrift hinterlassen. Die Ähnlichkeit zu seinem Guggenheim-Museum in Bilbao ist frappant. Gehry bezieht allerdings auch heimische Materialien mit ein - die Fassade ist in charakteristischen roten Klinker gekleidet. Den Politikern hat das ambitionierte Projekt, inspiriert durch den späteren Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und als Belebung der Region gedacht, freilich keinen Lorbeer eingetragen: Zwei Oberbürgermeister wurden im Lauf der Bauzeit aus dem Rathaus gewählt. Die Kosten von 29 Millionen Euro haben die Bürger in Wallung versetzt. Wenige Wochen nach der Eröffnung sind sie nun dabei, sich auf den Fremdkörper einzulassen, der wie ein Ufo zufällig in Bahnhofsnähe gelandet ist.

Fremd war Herford auch Jan Hoet. Als der renommierte Ausstellungsmacher ("documenta 9") den Job des Direktors angetragen bekam, war er zunächst nicht ganz im Bilde. Der Belgier wähnte die Stadt in Schottland, nahm die Herausforderung, zeitgenössische Kunst auf der Kleinstadtbühne zu inszenieren, dann aber doch an. In seiner ersten Schau mit dem bezeichnenden Titel "(my private) Heroes" hat er deshalb auch seine Favoriten um sich gesammelt, gebündelt in einer "Wunderkammer", über die sich ein 22 Meter hoher Lichtdom wölbt: Ein Kuriositätenkabinett - von den Schnupftabakdosen seiner Großmutter über Flohmarkt-Trouvaillen bis zu Modellen der belgischen Modeschöpferin Ann Demeulemeester.

Ein privates Pantheon, eine persönliche Heldensaga, in dem Hoet seinen Assoziationen freien Lauf lässt. Das gelbe Tour-de-France-Trikot hat in der Ausstellung ebenso seinen Platz wie Joseph Beuys, Warhols Marilyn-Serie oder die ikonografische Darstellung Marlon Brandos oder Che Guevaras. Er vereinigt so unterschiedliche Künstler wie Picasso, Magritte, Bacon und Beckmann. Und mit Martin Kippenbergers "Selbstporträt in Unterhose" blitzt eine ironische Brechung des Geniekults auf.

Hoet geht es um einen zeitgemäßen Heldenbegriff, also auch um den Anti-Helden und all die Unholde, die die Geschichte bevölkern. Als Medienkritiker stößt er sich vor allem an der entwertenden Omnipräsenz des Starkults. Als Kronzeugen führt er Philosoph Walter Benjamin an: Es gebe keine Helden mehr, nur noch Heldendarsteller. Aber Hoet kann dieser Beliebigkeit einiges abgewinnen, die Grenzen verwischen eben: "Helden sind heute weniger Heilige und Propheten als vielmehr Menschen und Künstler, die im Glauben an sich selbst und ihre eigene Größe ihre egomanische Tragik, ihre Selbstüberschätzung und Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen - der Held in seiner Widersprüchlichkeit zwischen Macht und Zerbrechlichkeit."

Zwischen Glorifizierung und Zertrümmerung bewegt sich auch die Ausstellung. Am Ende hat er Jonathan Meeses Installation über die Grauen des Kriegs platziert: einen Militärjeep, vollgestopft mit Dingen des Alltags, und billiger Reklame - Transistorradios, Waschmittel, Konservendosen. Und wie beiläufig ragen aus dem Chaos abgerissene Gliedmaßen heraus.

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