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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
09.05.2004
20:40 MEZ
Von Markus Mittringer und Claus Philipp
 
Foto: Markus Mittringer
Nur keine Außenansichten zeigen. "Landschafts- fotografie, das ist praktisch immer Kitsch!" Oswald Wiener (68) in seinem Refugium bei Mariazell.

Foto: Oswald Wiener/Galerie Charim
„4./5. Oktober 2003 daheim“, ab Dienstag, 12. Mai in der Wiener Galerie Charim: Oswald Wiener hat sein Haus in Kanada aufgenommen. Wie es aussieht, weiß man als Ausstellungsbesucher nicht. Man sieht: Hier lebt ein Künstler. Man sieht: Er lebt wie alle anderen auch, vielleicht ein bisschen extremer. Man sieht: Hier wird gebügelt. Man sieht: Den Aufnahmen steht die Absicht vor, keine Kunst zu machen. Wie sagt nämlich Oswald Wiener: „Die Verkunstung geht mir auf die Nerven. Im Vergleich zur Kunstfotografie möchte ich meine Bilder tiefer hängen.“

Aussichten nach Nirgendwo
Oswald Wiener bereitet die Rückkehr aus dem Exil vor. In der Galerie Charim gibt er Einblick in sein "Daheim"

Der legendäre "Auslandsösterreicher" und Dichter Oswald Wiener bereitet die Rückkehr aus dem Exil vor. In der Wiener Galerie Charim beweisen demnächst seine Fotos, dass Kanada ein "Daheim" sein kann. Dass ein Geheimnis am besten in seiner Preisgabe aufgehoben ist.


Wien/Maria Zell - Und winkt zum Abschied leise: "Schreibt's kan Bledsinn." Oswald Wieners Exil ist derzeit das Mariazeller Land. Er ist zu Gast. Vielleicht für immer. Jedenfalls aber wird er Dawson City aufgeben müssen, sein Haus in der Mitte von Kanadas Nirgendwo am Klondike River, in dem er sich fast 20 Jahre lang akribisch eine Heimat zurechtgebastelt hat. In das er ausgesiedelt ist, nachdem feststand, dass der Alltag als Exilregent in Berlin einfach unglaublich anstrengt.

Weil: Die Mitarbeit in Günter Brus' schastrommel, dem heute zum nationalen Legendenschatz zählenden "zen- tralorgan der österreichischen exilregierung", war nicht sättigend. Die hektografierten Gedanken gemeinsam mit Brus waren es auch nicht. Seinen Job als Chefprogrammierer bei Olivetti hatte er längst aufgegeben. In der Jazzband Jesus Christbaum hat er schon mit Konrad Bayer gespielt.

Und coole Manifeste verfasst. Und mit H. C. Artmann gegen die Wiederbewaffnung Österreichs demonstriert. Und er war auch schon der jüngste der Wiener Gruppe. Und über Fragen der theoretischen Kybernetik ist er 1960 zu Möglichkeiten von deren praktischer Anwendung gekommen. Und im Jahr seines Exilgangs ist Die Verbesserung von Mitteleuropa erschienen.

Also wurde (er) Wiener Wirt in Berlin. Seine Lokale hießen Mantala, AxBax und Exil. Dort war er Gastgeber und Gast, Einkäufer und Koch, Discjockey und Kritiker, ging ebenso spät zu Bett, wie er tagtäglich früh zum Grünmarkt aufbrechen musste. Dort war er der Oswald Wiener, dort gab er einen, den das Geschäft mit Kunst und Revolution zur Flucht genötigt hat, einen Staatsfeind, eine Figur, einen Auslandsösterreicher.

Jagdvorstellungen

Oswald Wiener sitzt in einem Jagdhaus mit Jägerzimmer. Unter Letzterem muss man sich ein Chorgestühl mit Ausnehmungen für Gewehrkolben und nachtkästchen-ähnlichen Kombüsen für Bluthunde vorstellen. Ersteres sieht genauso aus, wie man es sich vorstellt, dass einer der Stahl-Krupps sich ein Semmering-taugliches Jagdhaus vorgestellt hätte. Einer dieser Krupps ließ die Fantasie dann tatsächlich in Holz und Stein fassen. Ein Freund Oswald Wieners (auch eine Legende) gewährt ihm dort Quartier. Eine Tafel warnt am hausfernen Tor zum Gut vor dem scharfen Hund. Oswald Wiener aber ist milde gestimmt.

Oswald Wiener erzählt. Oswald Wiener widerspricht allen Warnungen. Oswald Wiener zeigt Bilder. Er hat sie in Kanada gemacht. Es sollen "Schnappschüsse" sein. Amateuraufnahmen aus seinem selbst befestigten Binnenland.

Geburtstag war. Sein Geburtstag. Und am Tag darauf der von Ingrid, seiner Frau. Und klar war auch, dass ein Leben in Kanada, im Abseits der Welt, dort, wo ein Flugzeug als Volkswagen gilt, irgendwann enden könnte.

Und so hat Oswald Wiener sein Haus fotografiert, ist an diesen beiden Tagen, die ihm vielleicht erstmals bemerkenswert erschienen, durch die Räume gezogen, um festzuhalten, was dort so in Verwendung ist, was sich dort so angesammelt hat - in den Jahren, in denen jedes Buch mit unglaublichen Lieferzeiten bestellt werden musste. In den Jahren, wo die Entdeckung von Thonet-Stühlen bei einem Trödler im einzigen größeren "Kaff" im Yukon Territory für seltene Abwechslung sorgte. In den Jahren, wo der Einkauf flugwetterabhängig und die Wasserversorgung zweitgeneratorgestützt war. In den Jahren, als Oswald Wiener zum Gaudium der verstreuten paar Einheimischen zum Spaziergang stets Bärenabwehrspray und Flinte mit sich trug.

Der Heimwerker

Auf keinem der 340 Fotos ist der "saubere und geruchsfreie" Zweitgenerator zu finden. Zufall. Pech. Je nach Sichtweise. Von keinem der Fotos sieht man repräsentativ nach außen. Absicht. In einer der Kisten, die der simulierte Schnappschuss des Ästhetikprofessors getroffen hat, lagert die Fachkamera, mit der die Aufnahmen nicht gemacht wurden. Dafür haben kommende Biografen eindeutige Beweise zur Hand, dass im Haushalt Wiener in Zewa-Softies-Taschentücher geschnäuzt wurde. Dass Wiener das Zubehör für seine Elektronikbasteleien von Conrad bezieht. Dass funktionierende Haustechnik im Learning-by-doing-Verfahren installiert werden kann, und dann letztendlich so anschaulich ist, wie das Otto-Motor-Modell aus der Fahrschule.

Was wir schon immer über Oswald Wiener wissen wollten, zeigt der uns so intim wie nie zuvor nicht. Wir sehen die Künstlerbrille aus dem Kubinhaus von Zwicklett, repräsentiert durch den Steinguttopf englischer Marmelade. Wir sehen Sigmund Freuds Couch, repräsentiert durch eine Federzuglampe. Wir sehen ein Bügeleisen und wittern der Poetenschweiß. Wir versinken in unglaublichen Polstermöbeln, während wir mit Oswald Wiener vor dem Hintergrund eines Billardtisches im Herrentrakt eines Jagdschlosses Speckbrote essen. "Finster ist es hier", sagt er, und legt Schallplatten auf. Mindestens drei der Fotos zeigen das Klo in Kanada. Auf einem sieht man Flaschen mit Bindemittel der Marke Artisan. Oswald Wiener weist darauf hin, wie absurd es denn sei, in einem Haus in Kanada auf eine an die Treppe gepinnte Reproduktion eines Renaissancedenkmals zu stoßen: "Den Giordano Bruno kennt dort keiner."

In seinem Arbeitszimmer im Mariazeller Land lässt sich unter Manuskripten der Elektronikbaukasten "Experimente ohne Vorkenntnisse" finden. Der bietet 150 Experimente. Eines davon wird wohl der gegenständliche Besuch sein. Frage: "Sind diese Fotos nicht auch sentimental?" Antwort: "Ich bin sentimental. Aber nicht rührselig." (DER STANDARD, Printausgabe vom 8./9.5.2004)


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