Venedig, du Welthauptstadt des Taubendrecks und der Gummistiefel! Wo
die Löwen fliegen und die Tauben zu den Fußgängern übergelaufen sind. In
deiner Tierwelt ist das ganze Jahr über Karneval. Der König der
erdverbundenen Fauna hat sich als Vogel verkleidet (diese Spezies nennt
man Markuslöwe) und die Plebs der Lüfte hat auf dem Boden eine Diktatur
der Tauben errichtet. Auf dem Markusplatz, der jetzt eine Fußgängerzone
für Straßentauben ist.
Und die müssen schön langsam schwimmen lernen
wie die Quietschentchen. Wegen dem berüchtigten Acqua alta. Weil die
Touristen sie schon so gemästet haben, dass sie kaum noch abheben können
und der Schwerkraft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.
Engholm Engelhorn Galerie: Bergsteigen
Und Österreich? Das ist das Land der Sessellifte und Schuhplattler, wo
die Babys jodeln, wenn sie Hunger haben, und mit Mozartkugeln statt mit
Schnullern geknebelt werden. Ach deshalb (ich meine, weil wir eine
Gebirgsnation sind) hat der Hans Schabus ausgerechnet einen Berg in die
Lagunenstadt gebracht. Als Symbol für die Republik der Almauftriebe. Um in
der flachen Fremde mit den Höhenmetern anzugeben, die er daheim hat. Und
hat das riesige Trumm, das Heimatgefühle weckt, kurzerhand in den Giardini
auf den österreichischen Pavillon fallen lassen. Nein, eigentlich hat er
den Klassizismus nicht erschlagen, sondern seinen Kunstberg schonend
drumherumgebaut.
Und jetzt, wo die Biennale schon seit einem Monat aus ist, hat auch der
Berg sein Haltbarkeitsdatum überschritten. Da kriegt man schon ein bisserl
Angst, wenn eine Ausstellung, die sich als Nachruf mit diesem
exterritorialen Stück Österreich befasst, heißt wie der Neujahrsvorsatz
eines Pyromanen: „Alles muss in Flammen stehen.“ Und sogar die
Einladungskarte ist leicht versengt. Eine gefährliche Drohung wie ein
Streichholz in der Hand von Kaiser Nero.
Feuerzauber nach dem Rezept
von Richard W.
Hat der Schabus sich womöglich mit einem fulminanten Alpenglühen
verabschiedet, einem, das man mit dem Feuerlöscher wieder ausmacht? Hat er
also Weinbrand über die Dachpappe geschüttet und seinen Berg flambiert?
Oder hat er einfach das Brennholz eingesammelt (im Innern bestand der
Berg ja aus einem atemberaubend chaotischen System aus Stiegen, Stegen und
Stützbalken, aus gut brennbarem Fichtenholz), um daraus nun, unter dem
Stichwort „Nachnutzung“, irgendwo in einer feuerfesten Kammer einen
kleinen, kontrollierten Weltenbrand zu erzeugen (nach dem Rezept vom
finalen Feuerzauber in Wagners „Götterdämmerung“), der während der
Öffnungszeiten im Asbestanzug zu besichtigen ist? Nein, anscheinend nicht.
Warum die Flammen im Ausstellungstitel sind, hat sich mir, ehrlich
gesagt, nicht enthüllt. Zu sehen kriegt man vielmehr Modelle,
Planzeichnungen (die zeigen, dass das Bretter-Tohuwabohu ein
ausgeklügeltes Wegenetz ist, das zum Gipfelsieg hinaufführt und zu
diversen aufklappbaren Luken, weil die Aussicht streng portioniert ist)
und Inspirationsmaterial wie Karten vom Alpenverein oder alte Zeichnungen
von Bergwerken oder von unglücklich purzelnden Bergsteigern, die am
Turngerät „Berg“ gescheitert sind.
Ja, auch ich war im Berg, den man
sogar mit Hauspatschen hätte besteigen können, war beim
Indoor-Bergsteigen. Und wunderte mich nicht, dass dieses Monument der
Vaterlandsliebe gar nicht mit Austrofolklore vollgestopft war. Zur vollen
Stunde gingen halt nicht die Luken auf und Gretelfrisuren und Gamsbärte
zeigten sich und die Glocknerbuam und Dobratschdirndln jodelten heraus.
Holarediria, holaregugu.
Paula reitet nicht den Bundesadler
Der Bergsteiger bekam nicht einmal eine Kuhglocke umgehängt und kein
Hirte, pardon: Bergführer, trieb ihn dann hinauf. Und wenn man am Gipfel
den Kopf durch die Luke steckte und über Venedig schaute, ist einem vorher
kein Gipfelkreuz ausgehändigt worden, zum Schwenken. Mit der Inschrift,
nein, nicht INRI, sondern AEIOU. Das Rätsel, das uns Friedrich III.
hinterlassen hat, ein Mysterium der Menschheit wie die Scharrbilder von
Nazca in Peru. Alles Erdreich ist Österreich untertan? Oder: Austria erit
in orbe ultima? (Österreich ist so hartnäckig – wenn etwas übrig bleibt,
dann die Nation der Sachertortenesser.)
Obwohl sich auf heiligen
Bergen gern Offenbarungen ereignen, schwebte während meines Höhenrauschs
nicht Paula von Preradovic zu mir herab (auf einer fliegenden Untertasse
aus Augarten-Porzellan oder auf dem Bundesadler reitend), um mir
geschlechtsneutrale Änderungsvorschläge für die Bundeshymne zuzuflüstern:
„Ach, singts doch einfach ,Edelweiß’ aus ,Sound of Music’.“
Der Schabus mit seinem Entdeckergeist hat ein bisserl was von einem
Endoskop: Er zeigt uns Wege, die man nie für möglich gehalten hätte. Nicht
zuletzt hat er die Gewässer des Dritten Mannes in Wien durchsegelt mit
seinem Einmannschinakel „Forlorn“. Das (und sein konsequentes Vorgehen)
ist seine Stärke. Die ständige Erweiterung der Raumerfahrung. Die
Transformierung eines vertrauten Raumes etwa. Durch das Gehen in vorher
nicht da gewesene Richtungen. Und in Venedig hat er eben den Luftraum über
dem Österreichpavillon für Fußgänger erschlossen.
Jetzt ist der Berg
garantiert schon futsch. AEIOU – Am End is ollas umasunst.
Galerie Gerersdorfer: Im Weihnachtsbauch
Das Rezept von Vanillekipferln verändert man ja auch nicht
leichtfertig. Weihnachten muss schmecken wie in der Kindheit. Vielleicht
ist deshalb beim Paul Flora die Besetzungsliste so stabil: Harlekine und
Pestärzte (in einem entrückten Venedig ohne nasse Füße und ohne Handys),
Raben, Tiroler, Wagner und „existenzielle“ Menschen. Der Flora ist
immerhin eine Institution wie das Christkind. Ein Weihnachtsangehöriger.
Das „Flora-Schaun“ beim Gerersdorfer ist schon ein vorweihnachtlicher
Brauch. Dem Flora wird noch einmal ein weißer Weihnachtsmannbart wachsen
und ein Bauch voller Kekse.
„Der Streit um die Erstgeburt“: Henne und Ei argumentieren heftig, wen
denn nun die Evolution als erstes ausgespuckt hat. Ein routinierter
Zeichner, der unaufdringlich amüsiert
Quer durch die Galerien
Engholm Engelhorn Galerie
(Schleifmühlgasse 3)
Hans Schabus.
Alles muss in Flammen stehen.
Bis 11. Jänner 2006
Di. bis Fr. 11
bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr
Galerie Gerersdorfer
(Währinger Straße 12)
Paul Flora.
Grafiken.
Bis 24. Dezember
Mi. bis So. 11 bis 20 Uhr
Freitag, 09. Dezember
2005