Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Am End is ollas umasunst

Quer durch die Galerien
Das ist alles, was vom einzigen Berg, den Venedig je hatte, übrig ist. Modelle und Pläne. (Er war aber eh nicht echt, sondern von Hans Schabus.) Engholm Engelhorn Galerie

Das ist alles, was vom einzigen Berg, den Venedig je hatte, übrig ist. Modelle und Pläne. (Er war aber eh nicht echt, sondern von Hans Schabus.) Engholm Engelhorn Galerie

Von Claudia Aigner

Venedig, du Welthauptstadt des Taubendrecks und der Gummistiefel! Wo die Löwen fliegen und die Tauben zu den Fußgängern übergelaufen sind. In deiner Tierwelt ist das ganze Jahr über Karneval. Der König der erdverbundenen Fauna hat sich als Vogel verkleidet (diese Spezies nennt man Markuslöwe) und die Plebs der Lüfte hat auf dem Boden eine Diktatur der Tauben errichtet. Auf dem Markusplatz, der jetzt eine Fußgängerzone für Straßentauben ist.
Und die müssen schön langsam schwimmen lernen wie die Quietschentchen. Wegen dem berüchtigten Acqua alta. Weil die Touristen sie schon so gemästet haben, dass sie kaum noch abheben können und der Schwerkraft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.

Engholm Engelhorn Galerie: Bergsteigen

Und Österreich? Das ist das Land der Sessellifte und Schuhplattler, wo die Babys jodeln, wenn sie Hunger haben, und mit Mozartkugeln statt mit Schnullern geknebelt werden. Ach deshalb (ich meine, weil wir eine Gebirgsnation sind) hat der Hans Schabus ausgerechnet einen Berg in die Lagunenstadt gebracht. Als Symbol für die Republik der Almauftriebe. Um in der flachen Fremde mit den Höhenmetern anzugeben, die er daheim hat. Und hat das riesige Trumm, das Heimatgefühle weckt, kurzerhand in den Giardini auf den österreichischen Pavillon fallen lassen. Nein, eigentlich hat er den Klassizismus nicht erschlagen, sondern seinen Kunstberg schonend drumherumgebaut.

Und jetzt, wo die Biennale schon seit einem Monat aus ist, hat auch der Berg sein Haltbarkeitsdatum überschritten. Da kriegt man schon ein bisserl Angst, wenn eine Ausstellung, die sich als Nachruf mit diesem exterritorialen Stück Österreich befasst, heißt wie der Neujahrsvorsatz eines Pyromanen: „Alles muss in Flammen stehen.“ Und sogar die Einladungskarte ist leicht versengt. Eine gefährliche Drohung wie ein Streichholz in der Hand von Kaiser Nero.
Feuerzauber nach dem Rezept von Richard W.

Hat der Schabus sich womöglich mit einem fulminanten Alpenglühen verabschiedet, einem, das man mit dem Feuerlöscher wieder ausmacht? Hat er also Weinbrand über die Dachpappe geschüttet und seinen Berg flambiert?
Oder hat er einfach das Brennholz eingesammelt (im Innern bestand der Berg ja aus einem atemberaubend chaotischen System aus Stiegen, Stegen und Stützbalken, aus gut brennbarem Fichtenholz), um daraus nun, unter dem Stichwort „Nachnutzung“, irgendwo in einer feuerfesten Kammer einen kleinen, kontrollierten Weltenbrand zu erzeugen (nach dem Rezept vom finalen Feuerzauber in Wagners „Götterdämmerung“), der während der Öffnungszeiten im Asbestanzug zu besichtigen ist? Nein, anscheinend nicht.
Warum die Flammen im Ausstellungstitel sind, hat sich mir, ehrlich gesagt, nicht enthüllt. Zu sehen kriegt man vielmehr Modelle, Planzeichnungen (die zeigen, dass das Bretter-Tohuwabohu ein ausgeklügeltes Wegenetz ist, das zum Gipfelsieg hinaufführt und zu diversen aufklappbaren Luken, weil die Aussicht streng portioniert ist) und Inspirationsmaterial wie Karten vom Alpenverein oder alte Zeichnungen von Bergwerken oder von unglücklich purzelnden Bergsteigern, die am Turngerät „Berg“ gescheitert sind.
Ja, auch ich war im Berg, den man sogar mit Hauspatschen hätte besteigen können, war beim Indoor-Bergsteigen. Und wunderte mich nicht, dass dieses Monument der Vaterlandsliebe gar nicht mit Austrofolklore vollgestopft war. Zur vollen Stunde gingen halt nicht die Luken auf und Gretelfrisuren und Gamsbärte zeigten sich und die Glocknerbuam und Dobratschdirndln jodelten heraus.
Holarediria, holaregugu.

Paula reitet nicht den Bundesadler

Der Bergsteiger bekam nicht einmal eine Kuhglocke umgehängt und kein Hirte, pardon: Bergführer, trieb ihn dann hinauf. Und wenn man am Gipfel den Kopf durch die Luke steckte und über Venedig schaute, ist einem vorher kein Gipfelkreuz ausgehändigt worden, zum Schwenken. Mit der Inschrift, nein, nicht INRI, sondern AEIOU. Das Rätsel, das uns Friedrich III. hinterlassen hat, ein Mysterium der Menschheit wie die Scharrbilder von Nazca in Peru. Alles Erdreich ist Österreich untertan? Oder: Austria erit in orbe ultima? (Österreich ist so hartnäckig – wenn etwas übrig bleibt, dann die Nation der Sachertortenesser.)
Obwohl sich auf heiligen Bergen gern Offenbarungen ereignen, schwebte während meines Höhenrauschs nicht Paula von Preradovic zu mir herab (auf einer fliegenden Untertasse aus Augarten-Porzellan oder auf dem Bundesadler reitend), um mir geschlechtsneutrale Änderungsvorschläge für die Bundeshymne zuzuflüstern: „Ach, singts doch einfach ,Edelweiß’ aus ,Sound of Music’.“

Der Schabus mit seinem Entdeckergeist hat ein bisserl was von einem Endoskop: Er zeigt uns Wege, die man nie für möglich gehalten hätte. Nicht zuletzt hat er die Gewässer des Dritten Mannes in Wien durchsegelt mit seinem Einmannschinakel „Forlorn“. Das (und sein konsequentes Vorgehen) ist seine Stärke. Die ständige Erweiterung der Raumerfahrung. Die Transformierung eines vertrauten Raumes etwa. Durch das Gehen in vorher nicht da gewesene Richtungen. Und in Venedig hat er eben den Luftraum über dem Österreichpavillon für Fußgänger erschlossen.
Jetzt ist der Berg garantiert schon futsch. AEIOU – Am End is ollas umasunst.

Galerie Gerersdorfer: Im Weihnachtsbauch

Das Rezept von Vanillekipferln verändert man ja auch nicht leichtfertig. Weihnachten muss schmecken wie in der Kindheit. Vielleicht ist deshalb beim Paul Flora die Besetzungsliste so stabil: Harlekine und Pestärzte (in einem entrückten Venedig ohne nasse Füße und ohne Handys), Raben, Tiroler, Wagner und „existenzielle“ Menschen. Der Flora ist immerhin eine Institution wie das Christkind. Ein Weihnachtsangehöriger. Das „Flora-Schaun“ beim Gerersdorfer ist schon ein vorweihnachtlicher Brauch. Dem Flora wird noch einmal ein weißer Weihnachtsmannbart wachsen und ein Bauch voller Kekse.

„Der Streit um die Erstgeburt“: Henne und Ei argumentieren heftig, wen denn nun die Evolution als erstes ausgespuckt hat. Ein routinierter Zeichner, der unaufdringlich amüsiert

Quer durch die Galerien

Engholm Engelhorn Galerie
(Schleifmühlgasse 3)
Hans Schabus. Alles muss in Flammen stehen.
Bis 11. Jänner 2006
Di. bis Fr. 11 bis 18 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr

Galerie Gerersdorfer
(Währinger Straße 12)
Paul Flora. Grafiken.
Bis 24. Dezember
Mi. bis So. 11 bis 20 Uhr

Freitag, 09. Dezember 2005


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at