Glücklich lachend hält die junge Frau reife Weintrauben empor, das Sonnenlicht strahlt auf ihrem Gesicht. Das Schwarz-Weiß-Foto ist in Untersicht aufgenommen, was seinen gloriosen Charakter verstärkt. In jüdischen religiösen Schriften werden die Kinder Israels oft mit einem Weinstock verglichen, der sich gut verwurzelt emporranken und reiche Ernte bringen soll. Die israelische Künstlerin Yael Bartana hat das symbolträchtige Foto nach einer Vorlage aus den Dreißigerjahren geschossen. Ihre Serie „The Missing Negatives of the Sonnenfeld Collection“ bezieht sich auf die Darstellung des Aufbaus Israels, bei dem die Landwirtschaft zentral war. Wo die Berliner Fotografen Herbert und Leni Sonnenfeld in der Zwischenkriegszeit optimistische Pioniere zeigten, setzt Bartana in ihren subversiven Remakes arabische Modelle ein.
Fast ihr gesamtes Schaffen dreht sich um ihre Heimat Israel. In ihren prägnanten Videos greift sie Szenen aus dem Alltag auf, die symptomatisch für die spezielle politische Situation des Landes sind. Für ihre neuesten Arbeiten begab sie sich erstmals auf eine Zeitreise: Die Ausstellung in der Engholm Engelhorn Galerie dreht sich um historische zionistische Propaganda, deren Symbolsprache und Darstellungsmittel Bartana analysiert und zugleich unterwandert.
Zerstörte Häuser
Im Zentrum steht der Kurzfilm „Summer Camp“, der 2007 auf der Documenta in Kassel zu sehen war. Bartana zeigt darin die Aktivitäten der Widerstandsorganisation „Israeli Committee Against House Demolitions“, in der sich Juden und Palästinenser gemeinsam engagieren. In der Anfangssequenz streift die Kamera über ein Gelände voll Bauschutt: die Reste zerstörter palästinensischer Häuser auf israelisch besetzten Gebieten. Begleitet von sinfonischer Musik erscheint eine Gruppe von Leuten, beginnt nach kurzer Ortssichtung mit Bauarbeiten. Rege Hände schupfen Ziegel, die Mischmaschine dreht sich zum hämmernden Sound der Orchestermusik. In Windeseile entsteht aus dem Geröll ein neues Haus. Nur der Militärjeep, der am Ende des Videos zu sehen ist, verheißt nichts Gutes: In der Realität werden diese illegal errichteten Gebäude bald wieder abgerissen.
Hier verbindet Bartana propalästinensischen Aktivismus mit der Ästhetik zionistischer Propagandafilme. In der Galerie läuft auch ihr Ausgangsmaterial, der 1935 im Sowjetstil gedrehte Propagandafilm „Arbeit“ von Helmar Lerski, der den Aufbau Israels bewerben sollte. Von ihm übernahm Bartana nicht nur stilistische Elemente, sondern auch den hymnischen Soundtrack. Für ihre Wiener Schau hat sie auch eine Schallplatte produziert: Man hört die euphorische Musik aus den Dreißigerjahren – eingespielt mit arabischen Instrumenten.
Bis 8.Jänner. Engholm Engelhorn, Wien 4, Schleifmühlgasse 3
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