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Biennale: Im Garten Eden der Kunst

05.06.2009 | 19:07 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Endlich eine spannende, Freude machende Biennale-Ausstellung, die verzaubert, aber nicht zudröhnt.

Beginnen wir im üppigen venezianischen Theater Goldoni, irgendwann, irgendwo zwischen Tag und Nacht, mit der Uraufführung der Künstleroper „No Night, No Day“. 41 Minuten lang elektronische Musik gepaart mit abstrakten Visuals auf der Kinoleinwand. Wohl nur wenige der Anwesenden, bis auf die einladende Francesca Habsburg, würden diese Dauer in einem der Pavillons oder in einer Videokoje durchhalten. „Boring“, gähnte dann auch ein ganz unhöflicher Knabe gleich am Anfang laut in den Saal. Aber trotzdem ergreifen nur wenige die Flucht, mit heiß umkämpften Premierenkarten ausgestattet und auf Theatersessel gebunden lässt man sich dann doch auf dieses superartifizielle Dolby-Surround-Kino-Experiment ein, auf das durch den Saal rotierende Quietschen, Rauschen, Zirpen, Klimpern, Wummern der Soundkomposition des in Wien lebenden Deutschen Florian Hecker. Und auf das getrennt von der Musik und doch im Einverständnis untereinander entstandene Formenspiel des walisischen Künstlers Cerith Wyn Evans.

 

Kosmische Strahlung

Langsam kippt man hinein in dieses Spektakel, versucht sich zurechtzufinden, erkennt in den körnigen dunklen und lichten Massen, die sich ineinanderschieben, neu formieren, verschwinden, auftauchen, sich zu verschiedenen Formen konzentrieren, plötzlich Wolken, Wasseroberflächen, Übermalungen von Arnulf Rainer oder Blicke durch Mikroskope auf Urlebensformen. So ganz kann der angekündigte „Sprung in die vollständige Abstraktion“ eben nie funktionieren, immer assoziiert sich dieses menschliche Hirn rettende Strohhalme zum Überleben in unbekannten Welten zusammen. Wobei es einem diese spezielle Künstlerwelt besonders schwer macht im berauschenden Konzert der „Weltenmacher“, das Biennale-Kurator Daniel Birnbaum gemäß seinem Motto dieses Jahr auf der schönsten und glamourösesten Bühne für zeitgenössische bildende Kunst dirigiert.

Im langen Schlauch des Arsenals und im verschachtelten Ausstellungspavillon in den Giardini reiht sich eine Künstlerwelt an die nächste, jede bekommt dabei großzügig Platz zum Atmen, man flaniert von einem Zauber zum nächsten, entdeckt hier einen alten Meister wieder, entdeckt dort einen völlig neuen Namen.

Der Auftakt allein ist berückend: Goldene Fäden scheinen im Raum zu schweben, scheinen eine geheimnisvolle kosmische Strahlung sichtbar zu machen. Es ist die Rekonstruktion einer Installation der 2004 verstorbenen brasilianischen Künstlerin Lygia Pape, seit den frühen 50er-Jahren eine Vorreiterin für Kunst, die mit dem Publikum in direkte Interaktion tritt. Worauf man in das opulente, ebenfalls golden verbrämte Spiegelkabinett eines zweiten Altmeisters taumelt, Michelangelo Pistoletto. Auch hier wird der Betrachter aufgesogen, sieht sich selbst, sucht sich selbst in riesigen venezianischen Spiegeln, auf einer Seite des Raumes sind sie heil, auf der anderen zerborsten.

 

Schimmerndes Latex

Es sind derartige prekäre poetische Momente, die man auf dieser Biennale-Schau zu lieben beginnt: Die golden schimmernde Latexwand, die sich mächtig vor einem aufbaut und doch nur Zivilisationsabfall ist, nämlich der Staub, den Jorge Otero-Pailos von einer Wand des Dogenpalastes abgezogen hat, ebenfalls ein Kulturerbe, wenn auch ein nicht absichtlich entstandenes. Natalie Djurbergs „Garten Eden“ ist eine der aufwendigsten Installationen, mit seinen monströsen Paradiesgewächsen aus Ton, die an die fleischfressende Riesenpflanze aus „Little Shop of Horrors“ erinnern.

Mitten in dieser unheimlichen Wildnis laufen drei der aufwendigen, von Tonfiguren bevölkerten Animationsvideos der jungen schwedischen Künstlerin Djurberg, in denen sie auf provokante Weise unterbewusste Ängste und Triebe um Sex, Macht und Tiere abhandelt. Nur im Dunklen existiert die geheime Welt, die Chu Yun für uns entdeckt hat, das blinkende Leben elektronischer Haushaltsgeräte, zu einer Art Skyline zusammengestellt.

Mit nur 90 Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt und einem kulinarischen Thema gelang Birnbaum eine außergewöhnlich gelungene Biennale-Schau, nicht so langweilig wie vor zwei Jahren, nicht so feministisch wie vor vier und nicht so megaloman wie vor sechs Jahren. Ein ausgewogenes und versöhnliches Panoptikum zwischen unterschiedlichsten Ausdrucksformen, zwischen Kunst und Publikum, aber auch zwischen Lehrer- und Schülergenerationen.


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