Christine de Grancy im Gespräch

"So sehr ich das saubere und geordnete Leben in Wien liebe, muss ich immer wieder hinaus, um die kleine, überschaubare Dimension in mir selber zu sprengen.", so Christine de Grancy.


Die österreichische Fotografin spricht über die Notwendigkeit des Reisens und die Faszination des Orients.

Frage: Was bedeutet Reisen für sie?

Christine de Grancy: Ich weiß, dass ich in eine andere Welt eindringe. Ich möchte offen und möglichst vorurteilsfrei sein. Jede Begegnung ist eine Bereicherung und ich kehre meist als Beschenkte zurück. Ich hoffe, es gelingt mir das "Unheimliche" ein wenig heimisch zu machen. Ich verstehe meine Arbeit immer als Herstellung von Verbindungen. Unterwegs zu sein kann ja wie eine Droge wirken. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt damit umzugehen. Daheim überlege ich dann: was habe ich von der Welt verstanden, was möchte ich korrigieren. Ich muss eigentlich so oft in eine Gegend reisen, bis ich meine Arbeiten für rund, für abgeschlossen halte. Pakistan zum Beispiel ist noch nicht abgeschlossen.

Christine de Grancy / ©Bild: Toni Scholz
Christine de Grancy / ©Bild: Toni Scholz

Frage: Wie bringen sie die Leute dazu, sich porträtieren zu lassen?

Christine de Grancy: Man muss sich viel Zeit nehmen. Wenn die Menschen merken, dass man sich für sie wirklich interessiert, werden einem viele Türen geöffnet. Nach Pakistan bin ich aber nicht gefahren, um die Situation der Frauen zu beleuchten. Im Grunde glaube ich, dass einem die Dinge zustoßen, die einem zufallen sollen.

Frage: Gibt es nicht Momente, in denen sie die Frauen als unterdrückt oder gar der Menschenrechte beraubt erleben?

Christine de Grancy: Doch. Und im ersten Moment reagiere ich auch ganz westlich und durchaus froh, dass bei uns manche Entwicklungen für uns Frauen mittlerweile besser geraten. Aber erstens ist das sehr brüchig und bei uns schleichen sich neue menschenverachtende Dinge ein. So z. B. das Verhältnis zum Alter. Wie man ab 40 schon nicht mehr geliebt wird oder unser (Nicht-)Verhältnis zum Sterben. Ich glaube, da müssen wir schon vor unserer eigenen Türe kehren.

Frage: Worin besteht die Faszination, die der Orient, den sie ja mehrmals bereist haben, auf sie ausübt?

Christine de Grancy: Schon als Kind hatte ich eine gewisse Sehnsucht nach dem Orientalischen und habe immer einen solchen Radiosender - Radio Kairo hieß er, glaube ich - gehört. Einerseits faszinieren mich unsere westlichen Errungenschaften. Aber der Rhythmus, mit dem diese einhergehen, ein Rhythmus, der die Zeit besiegen will, ist nicht der meine. Der Orient hingegen trägt etwas in sich, das die Menschen mit der Zeit anders umgehen lässt. Dieser Umgang erscheint mir stimmiger mit dem, was das menschliche Wesen ausmacht.

Es zählen nicht nur Geschwindigkeit und Präzision im Leben. Da suche ich immer nach einer Balance. Als ich das letzte Mal bei den Tuareg in der Wüste war und den Sternenhimmel beobachtet habe, dachte ich: man fällt hier richtig in den Kosmos hinein. Die Menschen dort haben eine andere Weltsicht, von der wir noch etwas lernen können.

Tipp:

Christine de Grancy ist am Mittwoch, den 12. Juni, Gast in der Ö1 Sendung "Von Tag zu Tag" um 14.05 Uhr.

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