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Kunstberichte
Belvedere Wien: "Valie Export. Zeit und Gegenzeit" – Gleichberechtigung als künstlerisches Statement

Verdoppelte Bilder der Berührung

Valie 
Exports "glottis" ist auch Kontrapunkt zur barocken Umgebung 
der Belvedere-Räumlichkeiten. Foto: VBK/AnnA BlaU

Valie Exports "glottis" ist auch Kontrapunkt zur barocken Umgebung der Belvedere-Räumlichkeiten. Foto: VBK/AnnA BlaU

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Mit Schwerpunkt auf die großen Installationen der international bekannten Pionierin der Medienkunst verändert sich die barocke Raumflucht des Unteren Belvedere zuweilen irritierend. Hier wird Symmetrie gebrochen, werden neue Blickachsen geschaffen, und der Donnerbrunnen mit 32 Monitoren wandelt sich zu einer Schau in den Körper – zur "glottis", der Stimmritze, als Ursprung der Sprache, die durch Toninstallation integriert ist.

Seit 1967 nennt sich die 1940 geborene Künstlerin VALIE EXPORT – das Künstlerlogo vereint auch das Konzept, diesen Namen korrekt eigentlich nur in Großbuchstaben zu schreiben. Wie Joseph Beuys verwendet sie ihn auch als Stempel, wie er erweitert sie den Kunstbegriff seit den Sechzigerjahren, verbindet Performance und Film, erweitert Skulptur zur Rauminstallation, ist immer politisch wach.

Aber damit sind die Gemeinsamkeiten schon vorbei, denn die Situation der Künstlerin war damals wie heute geprägt von feministischer Orientierung, wobei der Kampf der frühen Jahre sich natürlich gewandelt hat. Eine Suche nach einer eigenen "weiblichen Ästhetik" hat sich mit den Texten der Philosophinnen Luce Irigaray und Judith Butler als falsche Abgrenzung erwiesen. Heute sieht man soziale Geschlechterbestimmung differenziert und gerade Exports Kunst bemüht sich um eine gleichberechtigte und geschlechtsneutrale Betrachtung der Dinge. So sehen wir die Stimmritze, deren Aussehen bei beiden Geschlechtern gleich ist, die sich dort formierende Sprache aber steht immer für die Frau, die sich mit ihrer Stimme Gleichberechtigung schafft.

Neben sozialen Bestimmungen sind "Zwangsvorstellungen" das Thema einer Installation in Form eines Bettes, das gleichzeitig zur Tür in schiefer Ebene zwischen zwei Fotografien an den Enden mutiert. Gedanken an Wien als Ort der Psychoanalyse und Traumforschung werden zum Raumbild. Glasscherben und Schlittschuhe verweisen auf die Aktion der Künstlerin von 1972, bei der es um psychische Wirkung durch das Tragen von Schlittschuhen im Schlaf ging. Dabei ist die Künstlerin auf einem Foto zu sehen, auf dem zweiten liegt eine Frau unter einem Bett. Weitere Denkebenen verweisen auf weibliche Erfahrungen, übersetzt in Metaphern von Eis und Glas als gefährlicher Bodenfläche, aber auch gefesseltes Dasein und Autoaggression.

Viele Arbeiten wie die Installation "Fragmente der Bilder einer Berührung" wurden für die Räume adaptiert oder, wie die 45 Monitore mit Nahaufnahmen einer ratternden Nähmaschinennadel "Die un-endliche /-ähnliche Melodie der Stränge" von 1998, auf spezielle Weise situiert. Beim Durchgehen kann man die Involvierung in diese Metapher auf Frauenarbeit in globaler Massenproduktion geradezu schmerzlich spüren.

Vielschichtigkeit im Ansatz

Alte Aktionsfotos wie die legendäre "Aktionshose: Genitalpanik" von 1969 oder die "Body Sign Aktion" mit Tätowierung eines Strumpfbandes von 1970 klären die Verschränkung von Körperkunst und neuen Medien, Film und Performance zum "Expanded Cinema", das die Künstlerin im Team mit Peter Weibel entwickelt hatte. Immer verbinden sich die Interessensgebiete Identität, Sprache, Körper und Gewalt, Zwang und soziale Codierung, Verdoppelung und Positionierung im Raum. Oft wählt Export die Hand als Motiv in ihrer doppelten Funktion von Strafen und Opferdasein – in Fortsetzung sind Strom und Öl als Materialien wichtig, auch Nadel und Schere als Extensionen der Hand.

Für die Vielschichtigkeit im konzeptuellen Ansatz wurden die Künstlerinnen in den 70er Jahren noch gescholten – man warf ihnen vor, "keine klare Linie" zu haben. Auch gab es die Bemerkung, Künstlerinnen würden die neuen Medien verstärkt nützen, weil sie in Malerei und Skulptur nicht reüssieren könnten. Heute ist Masche endlich eine Schwäche und Vielschichtigkeit, Doppelsicht und Agieren zwischen den Medien wesentlich in der Kunst. Es wird aber oft vergessen, dass die Generation der Künstlerinnen, der Valie Export angehört, diese Veränderung vollbracht hat.

Vor dem Haus – in der Blickachse zum Oberen Belvedere – erinnert im Garten die neue, vier Meter hohe Scherenskulptur "Doppelgängerin" an die Arbeiten im öffentlichen Raum, die sich mit dem Glaskubus unter der Stadtbahnbrücke auch in die Architektur Wiens einschreiben. Vieldeutigkeit als Programm ist mit dieser aktuellen Überschneidung älterer Werkideen und Filme, die meist den Körper der Künstlerin zeigen, bis hin zu Installationen mit politischem Impetus wie "Kalashnikov" von 2007 und der Verwendung grausamer Bildern aus dem Internet jedenfalls gewahrt.

Aufzählung Ausstellung

Valie Export: Zeit und Gegenzeit
Angelika Nollert (Kuratorin)
Unteres Belvedere
Bis 30. Jänner

Zur Person

Geboren 1940 in Linz als Waltraud Lehner, führt sie ab 1967 Valie Export als Künstlernamen. 1955 bis 1964, besuchte sie die Kunstgewerbeschule Linz und die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt Wien (Design). Valie Export gilt als Pionierin multimedialer und konzeptueller Erweiterung von Skulptur, Fotografie, Film und Performance. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen "Expanded Cinema" mit Peter Weibel, Manifest zu "Women’s Art" (1972), feministische Körperaktionen (ab 1969). Seit 1975 ist Valie Export auch als Kuratorin tätig, 2009 war sie Kommissärin der Biennale Venedig, wo sie Österreich 1980 mit Maria Lassnig vertreten hat. Sie war Teilnehmerin an der documenta 6 und 12. Valie Export hat und hatte Professuren in den USA und Deutschland.

Seit 2000 erarbeitet sie auch permanente Installationen im öffentlichen Raum – zuletzt präsentierte sie eine Installation im Foyer des Theaters an der Wien. 1996 erhielt sie den Skulpturenpreis der Generali Foundation, 1997 den Gabriele Münter Preis, 2000 den Oskar Kokoschkapreis, 2010 das Goldenes Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.



Printausgabe vom Samstag, 16. Oktober 2010
Online seit: Freitag, 15. Oktober 2010 16:49:00

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