Feuilleton

Nicht ganz jugendfrei

03.03.2007 | SN

Jugendlichen unter 16 Jahren wird angeraten, die Ausstellungsräume nur unter Aufsicht der für sie verantwortlichen Erwachsenen zu besuchen. Ob das nun eine rührende Verkennung der gesellschaftlichen Realität oder einfach ein netter prickelnder Werbegag ist? Da sollte man die lieben Kleinen eher vor Talkshows oder Internetpornografie schützen.

Es ist halt so eine Sache mit dem Sex. Und es ist so eine Sache mit der Erotik. Was der große Unterschied ist, darüber diskutieren Theoretiker und Praktiker, Laien und Experten. Und was ist eigentlich Pornografie? Die Künstler sind da anders. Sie haben sozusagen die Lizenz zum Tabubruch. "Kunst ist niemals keusch", sagte schon Pablo Picasso, der es wissen musste. Im Kunstforum der BA-CA auf der Freyung im Wiener Zentrum ist nun die Ausstellung "Eros in der Kunst der Moderne" nicht nur der Versuch, die in Wien so ersehnte Quote herbeizuzaubern, sondern auch die Gelegenheit, sein Gefühl für Erotik zu schulen. Sex ist keine Kunst, Erotik schon, oder?

Die Begriffe verschwimmen in der Wahrnehmung, deshalb klärt ein Blick ins Wikipedia-Onlinelexikon die bewegenden Fragen: Was ist Sex, was Eros? Unter Sex (von lat. "sexus", "Geschlecht") versteht man die praktische Ausübung von Sexualität, heißt es. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Sex sexuelle Handlungen zwischen zwei oder mehr Sexualpartnern, insbesondere den Geschlechtsverkehr und vergleichbare Sexualpraktiken, in seltenen Fällen auch die Masturbation. Die Erotik bezeichnet ursprünglich die sinnlich-geistige Zuneigung, die man einem anderen Menschen entgegenbringt. Sie wird von Sexualität und Liebe insofern unterschieden, als Sex die trieb- und körpergesteuerte, Liebe die emotional-seelische und die Erotik die psychologisch-geistige Anziehung zu einer anderen Person bezeichnen...

Was nicht im Lexikon steht: Erotik entsteht im Kopf. Und so betrachtet macht diese Ausstellung den Besucher gleich zum integralen Bestandteil ihrer selbst.

"Eros in der Kunst der Moderne" wurde vorher in der Fondation Beyeler in Basel/Riehl gezeigt, in Wien wird die Ausstellung durch zahlreiche Werke erweitert. Zu sehen sind rund 200 Werke von 45 Künstlerinnen und Künstlern, vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Fast alle künstlerischen Medien der zeitgenössischen Kunst sind in der Ausstellung vertreten, die Malerei ebenso wie die Plastik, Film und Video neben Druckgrafik, Installation, Zeichnung und Fotografie.

Was einst ein Skandal war, gehört längst zum Kanon der Weltkunst. Das reicht von Tizian bis Velasquez, und sogar Michelangelo wurde "übermalt". Als Edouard Manet 1865 in Paris seine "Olympia" präsentierte, war das Salonpublikum geschockt, heute ist das Werk zum Maßstab höchster Kunst geworden. Manets Kurtisane ist zwar nicht in der Schau, dagegen die Pastellarbeit "La Toilette" mit anrührender zarter Erotik. Knallig und unverblümt dagegen ist etwa Tom Wesselmanns Pop-Art-Bild "Great American Nude #87" mit unverhohlener, rosa "markierter" Bereitschaft zur Paarung. Ohne Phallus oder Vagina kommt eine Eros-Schau natürlich nicht aus, und die heute 96-jährige Louise Bourgeois kommt gleich zwei Mal zum Zug. Ihr Latex-Gebilde mit dem ironischen Titel "Filette" hängt einerseits als phallische und zugleich weibliche Skulptur in der Schau, andererseits ließ sie sich 1982 von Robert Mapplethorpe mit eben diesem Stück unter dem Arm fotografieren. Der 1989 an Aids verstorbene Mapplethorpe ist darüber hinaus mit männlichen Szenen vertreten. Um bei der Fotografie zu bleiben, auch Helmut Newton ist dabei, der Meister der sorgfältigen Inszenierung kalter Ästhetik. Da ist Eva Schlegel anders, ihr Ölbild einer aufgeladenen Schönen ist in gewohnter Unschärfe "scharf".

Was wäre eine Eros-Ausstellung ohne die beiden Großmeister Gustav Klimt und Egon Schiele, die an der Spitze standen, als in Wien um 1900 der nackte Körper geradezu zur Obsession in der Kunst wurde? Neben einem großen Ölbild "Nuda veritas" sind es die Zeichnungen von Klimt mit selbstvergessen am eigenen Körper interessierten Frauen, die bezaubern, von Schiele besticht besonders ein Frauentorso in Rot. Mit viel Farbe sind die Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner oder auch Emil Nolde an ihre Fantasien gegangen. Düsteren Fantasien dagegen erlag Alfred Kubin, obsessiv ging Hans Bellmer an Ausformungen der Geschlechtlichkeit. Es geht lustiger auch. Henri Toulouse-Lautrec karikierte das Paris-Sujet mit einem Lustgreis, der genüsslich zwischen drei sich anbiedernden Dirnen zu wählen scheint.

Klassische Schönheit verströmen Edvard Munchs "Madonna" oder Alfons Muchas Blumenmädchen. Im Keller, dem so genannten Tresor, suggeriert die "Masturbierende Frau" aus Leuchtstoffröhren von Bruce Nauman leidenschaftliche Bewegung.Information: Eros in der Kunst der Moderne, 1. März bis 22. Juli, BA-CA Kunstforum; www.ba-ca-kunstforum.at.

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