Kassel. Was hat Kochen
mit Physik und Kunst zu tun? Sehr viel. Roger M. Buergel (44), Leiter
des diesjährigen Kunstfestivals Documenta, ortet Kunst auch am Herd.
Mit der Wahl eines Kochs als Stargast erweitert er den Kunstbegriff auf
spektakuläre Weise und setzt auf Alltagskultur. Im Restaurant "El
Bulli" des mit Weltruhm belegten spanischen Kochs Ferran Adrià sieht
Buergel ein Gesamtkunstwerk, dessen Kreationen in Topf und Pfanne wird
er in Kassel präsentieren. Das Besondere an Adrià: Er verbindet
Wissenschaft und Gourmetküche, kocht mit Physik. Das Ergebnis heißt
molekulare Gastronomie, geschaffen mit Destillierschlangen,
Temperatursonden oder Rotationsdampfern. Angeblich nutzt der
Spitzenkoch dabei Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft, sein Essen
ist also auch noch gesund. Guten Appetit!
Roger M. Buergel hat für seine Vorbereitungszeit das Bild des
Schwimmens gefunden: Erst ging es leicht, dann wurde es anstrengend,
und ab einem bestimmten Punkt zum Rausch. Jetzt hofft er, dass die
Documenta, "ein deutscher Bildungsmythos", wieder viele Menschen
anzieht, "die sich sonst nie Gegenwartskunst ansehen. Diese Besucher
brauchen tatsächlich die Vorstellung, dass Gegenwartskunst sich nicht
nur an ein Fachpublikum richtet, sondern mit Fragen arbeitet, die alle
betreffen", erläutert er.
Das Besondere an Buergel: Er geizt mit Künstlernamen. "Was soll da
eine Liste – ich bin doch kein Buchhalter!" verblüfft er die geneigten
Documenta-Pilger. So kann sich bisher niemand richtig vorstellen, wie
diese Ausstellung aussehen wird. "Mir erscheint das In-die-Welt-Stellen
einer documenta als der radikalste Schritt . . . Das ist ein Mysterium
. . . ein bisschen wie eine Revolution . . .", so Buergel weiter. Er
bezieht sich auf die Documenta von 1955, als der geniale
Ausstellungsmacher Arnold Bode den Zugereisten erstmals ein
(temporäres) Museum für Gegenwartskunst vorstellte. Buergel will zurück
zur Stunde Null, er will überraschen und definierten Sehweisen etwas
Neues entgegenstellen. Man darf gespannt sein auf den Knall der
Wundertüte.
Globaler Anspruch
Wir wissen, dass das Museum Fridericianum, die Neue Galerie, Schloss
Wilhelmshöhe, ein Einkaufszentrum und der neu geschaffene
"Aue-Pavillon" mit gläserner Haut bespielt werden. Es gibt keinen
kiloschweren Katalogbrocken, sondern nur eine handliche Werkliste mit
kurzen informativen Texten und Abbildungen. Buergel hat viel mit den
Einwohnern Kassels zusammen gearbeitet, vor allem in sozialen
Brennpunkten.
Noch nie waren die Leitmotive einer Documenta drei Fragen wie diese:
"Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun?"
Buergel dazu lapidar: "Die Leitmotive der Documenta deuten
Zusammenhänge an." Drei Magazine sollen das genauer erklären. Im ersten
Magazin schwärmt Buergel von der Documenta 5 und kündigt an, dass die
Documenta 12 Auskunft geben wird, "welche Werke und künstlerischen
Gesinnungen den Ausgangspunkt für das geben, was wir als Kunst der
Gegenwart bezeichnen". Da hat sich einer in den Rausch geschwommen.
Trotz Buergels Geheimnistuerei ist durchgesickert, dass der Reigen
der Kunstwerke von verzerrten arabischen Gitarrenklängen über
thailändischen Streupuder, ein Flüchtlingsboot aus Afrika,
Kriegsfotografie und Skulpturen bis zur künstlerischen
Auseinandersetzung mit Polit-Slogans reichen wird. Die Objekte sollen
nicht zu begrenzen sein auf geografische oder kunsthistorische Räume,
ihr Anspruch ist gesellschaftlich und global.
Die Documenta findet alle fünf Jahre statt, diesmal von 16. Juni bis 23. September, www.documenta.de.
Dienstag, 12. Juni 2007