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Kunstberichte

Documenta: Zurück zur Stunde Null

Alle fünf Jahre findet das Festival statt – und macht Kassel heuer wieder zum Zentrum für zeitgenössische Kunst
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- Listen von Künstlern? „Ich bin doch kein Buchhalter!“: Der Documenta-Chef Buergel und sein Modell der Kasseler Ausstellungshalle.  Foto: epa/Uwe Zucchi

Listen von Künstlern? „Ich bin doch kein Buchhalter!“: Der Documenta-Chef Buergel und sein Modell der Kasseler Ausstellungshalle. Foto: epa/Uwe Zucchi

Von WZ-Korrespondent Roland Mischke

Aufzählung Spitzenkoch Adrià ist Stargast bei der Documenta 12.
Aufzählung Kunstfestival läuft von 16. Juni bis 23. September.
bis 23. September.

Kassel. Was hat Kochen mit Physik und Kunst zu tun? Sehr viel. Roger M. Buergel (44), Leiter des diesjährigen Kunstfestivals Documenta, ortet Kunst auch am Herd. Mit der Wahl eines Kochs als Stargast erweitert er den Kunstbegriff auf spektakuläre Weise und setzt auf Alltagskultur. Im Restaurant "El Bulli" des mit Weltruhm belegten spanischen Kochs Ferran Adrià sieht Buergel ein Gesamtkunstwerk, dessen Kreationen in Topf und Pfanne wird er in Kassel präsentieren. Das Besondere an Adrià: Er verbindet Wissenschaft und Gourmetküche, kocht mit Physik. Das Ergebnis heißt molekulare Gastronomie, geschaffen mit Destillierschlangen, Temperatursonden oder Rotationsdampfern. Angeblich nutzt der Spitzenkoch dabei Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft, sein Essen ist also auch noch gesund. Guten Appetit!

Roger M. Buergel hat für seine Vorbereitungszeit das Bild des Schwimmens gefunden: Erst ging es leicht, dann wurde es anstrengend, und ab einem bestimmten Punkt zum Rausch. Jetzt hofft er, dass die Documenta, "ein deutscher Bildungsmythos", wieder viele Menschen anzieht, "die sich sonst nie Gegenwartskunst ansehen. Diese Besucher brauchen tatsächlich die Vorstellung, dass Gegenwartskunst sich nicht nur an ein Fachpublikum richtet, sondern mit Fragen arbeitet, die alle betreffen", erläutert er.

Das Besondere an Buergel: Er geizt mit Künstlernamen. "Was soll da eine Liste – ich bin doch kein Buchhalter!" verblüfft er die geneigten Documenta-Pilger. So kann sich bisher niemand richtig vorstellen, wie diese Ausstellung aussehen wird. "Mir erscheint das In-die-Welt-Stellen einer documenta als der radikalste Schritt . . . Das ist ein Mysterium . . . ein bisschen wie eine Revolution . . .", so Buergel weiter. Er bezieht sich auf die Documenta von 1955, als der geniale Ausstellungsmacher Arnold Bode den Zugereisten erstmals ein (temporäres) Museum für Gegenwartskunst vorstellte. Buergel will zurück zur Stunde Null, er will überraschen und definierten Sehweisen etwas Neues entgegenstellen. Man darf gespannt sein auf den Knall der Wundertüte.

Globaler Anspruch

Wir wissen, dass das Museum Fridericianum, die Neue Galerie, Schloss Wilhelmshöhe, ein Einkaufszentrum und der neu geschaffene "Aue-Pavillon" mit gläserner Haut bespielt werden. Es gibt keinen kiloschweren Katalogbrocken, sondern nur eine handliche Werkliste mit kurzen informativen Texten und Abbildungen. Buergel hat viel mit den Einwohnern Kassels zusammen gearbeitet, vor allem in sozialen Brennpunkten.

Noch nie waren die Leitmotive einer Documenta drei Fragen wie diese: "Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun?" Buergel dazu lapidar: "Die Leitmotive der Documenta deuten Zusammenhänge an." Drei Magazine sollen das genauer erklären. Im ersten Magazin schwärmt Buergel von der Documenta 5 und kündigt an, dass die Documenta 12 Auskunft geben wird, "welche Werke und künstlerischen Gesinnungen den Ausgangspunkt für das geben, was wir als Kunst der Gegenwart bezeichnen". Da hat sich einer in den Rausch geschwommen.

Trotz Buergels Geheimnistuerei ist durchgesickert, dass der Reigen der Kunstwerke von verzerrten arabischen Gitarrenklängen über thailändischen Streupuder, ein Flüchtlingsboot aus Afrika, Kriegsfotografie und Skulpturen bis zur künstlerischen Auseinandersetzung mit Polit-Slogans reichen wird. Die Objekte sollen nicht zu begrenzen sein auf geografische oder kunsthistorische Räume, ihr Anspruch ist gesellschaftlich und global.

Die Documenta findet alle fünf Jahre statt, diesmal von 16. Juni bis 23. September, www.documenta.de.

Dienstag, 12. Juni 2007


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