Es ist wundervoll, Sie zu treffen – ich habe Ihnen etwas mitgebracht, weil Sie sich in Ihrer neuen Serie „Jack Freak“ so extensiv mit der britischen Flagge beschäftigen, der nationalen Identität – ein kleines Stück österreichischer Identität: Mannerschnitten, kennen Sie sie?
Gilbert & George: Oh, wie nett von Ihnen, nein, kennen wir nicht!
Haben Sie denn überhaupt ein Bild von Österreich?
George: Wir kennen weder den Namen des Kanzler noch den des Präsidenten.
Gilbert: Wir kennen „Sound of Music“, Mozart... und „Stille Nacht“.
Als Sie das Bild für die Einladungskarte der Ausstellung in der Galerie Ropac auswählten, „Carry on“ – was sich auf Jesus bezieht, der im Hintergrund das Kreuz trägt –, wussten Sie also nicht, dass Sie sich hier in traditionell katholischen Gefilden bewegen?
Gilbert: Doch, das wussten wir schon. Aber eigentlich war das Bild die Wahl von Thaddaeus Ropac.
George: Wissen Sie, der katholischen Kirche ist es sehr wichtig, immer weiterzumachen. Sie möchte Nichtgläubige stoppen, sie will, dass man gehorcht. Dabei sind sie Kriminelle, Massenmörder und Lügner.
Im Mittelalter vielleicht.
George: Nein, heute! Die Kondom- und Sexpolitik lassen die Zahl der Selbstmorde und körperlichen Attacken enorm steigen.
Haben Sie auf die englische Staatskirche auch so eine Wut?
Gilbert: Die englische Kirche war nie so dogmatisch. Aber wir glauben sowieso an Darwin. Es ist unglaublich – gerade erst fand man heraus, dass nur 40 Prozent der Menschen an Darwin glauben! Und in Amerika noch weniger.
Die Kirche bewegt sich nun einmal sehr langsam, sehen Sie keine Verbesserung?
George: Erst unlängst sagte sie, dass Nichtkatholiken ungenügend seien, dass Popmusik ein Vehikel für das Böse sei und gleichgeschlechtliche Beziehungen falsch.
Gilbert: Deshalb mögen wir sie nicht. Atheisten bringen niemanden um.
Ein anderes Bild heißt „Burn in Hell“.
George: Die Mullahs sagen immer, dass man in der Hölle schmoren wird, wenn man nicht gehorcht.
Manche sagen, wir haben die Erde, was brauchen wir die Hölle.
George: Ach, das Leben ist doch eine Party verglichen mit dem, was danach kommt. Wir mögen es hier.
Woher wissen Sie das?
George: Weil Gott uns ein Hirn zum Denken gegeben hat.
Trotz Hirn von Gottesgnaden gibt es in den vergangenen Jahren aber eine Renaissance des Religiösen.
Gilbert: Ja, unglaublich! Viele aus der englischen Kunstszene sind Nouveau Christians geworden.
George: Wir verstehen das nicht.
Und Sie beide sind Atheisten?
Gilbert: Nein, säkulare Christen.
Und ich dachte, Sie glauben nicht an Gott, sondern an die Kunst.
George: Wir glauben an die Macht der Kultur.
Auf der anderen Seite sind Sie politisch aber recht konservativ eingestellt, Sie sind bekennende Thatcher-Fans.
Gilbert: Wir glauben an den freien Markt. Ohne ihn existiert keine Kunst.
Sie existierte viele Jahrhunderte ohne ihn!
George: Die Künstler waren unterdrückt, noch nie waren sie so frei wie heute. Vor Margaret Thatcher waren alle Künstler Lehrer.
Sie haben nie unterrichtet?
George: Wir wurden nie gefragt, wahrscheinlich wollten Sie uns keine Studenten anvertrauen... zu Recht. (Lacht.) Heute hätten wir keine Zeit mehr dafür.
Sie sind heute sehr populär, erfolgreich – ihr Credo „Kunst für alle“ haben Sie fast erfüllt. Wie die Beatles, die heute ein unglaubliches Revival erleben. Hilft es uns denn in der Krise, britisch zu sein?
Gilbert: Ach, wir verwenden die englische Flagge doch nur, weil sie so viel bedeutet – in Afghanistan verbrennen sie sie, aber jeder Salzburger Student, der nach London kommt, kauft sich einen Union-Jack-Hut.
Und für Sie, was heißt die Fahne für Sie?
George: All das. Wir sind nicht anti-establishment, nicht kritisch, sehen alles absolut positiv. Selbst wenn man den Union Jack in Schwarz-Weiß sieht, erkennt man ihn sofort. Immerhin haben wir ein gutes Design.
Da können wir mit unserem Rot-Weiß-Rot nicht mithalten, fürchte ich.
George: Dann besorgt euch doch eine andere Flagge!
Machen Sie doch eine für uns! Sie denken also positiv über Nationalismus?
Gilbert: Nicht über Nationalismus, über Herkunft, über Wurzeln. Wir mögen zum Beispiel kein Fußball... aber Fußballspieler. (Lacht.) Wir stehen dem Leben einfach positiv gegenüber. Die meisten Künstler sind zu kritisch.
Wenn Sie so positiv sind – mit Ausnahme der katholischen Kirche – wo sehen Sie uns dann in zehn, 20 Jahren?
Gilbert: Ach, die jungen Leute sind doch so nett heute. Bis auf Afrika, das voll von kleinen Diktatoren ist...
George: Die Welt war noch nie so privilegiert. Wir haben so viele gesellschaftliche Veränderungen gesehen – als wir studierten, in den 70er-Jahren, war London ein völlig anderer Ort, sehr isoliert; die sexuelle Revolution war verboten, es gab keine Kunstszene.
In meiner Generation scheint man die 70er ja dann zu idealisieren.
George: Wirklich? Wir sind damals im Hydepark als „Living Sculptures“ gestanden, und die Leute gingen an uns vorbei zum Rolling-Stones-Konzert, sie dachten, wir seien Messias, und befragten uns über Sex und andere Dinge.
Glauben Sie, die Leute stehen Ihrer Kunst heute auch so offen gegenüber?
George: Aber sicher! Gerade erst haben wir eine 82-Jährige getroffen, die uns gratuliert hat zu unserer Kunst, vor allem liebt sie die Naked-Shit-Pictures, weil sie sie dazu brachten, aufrecht zu sitzen und offener zu denken. Das ist das Geheimnis von Kunst, des Lebens – offener zu denken.
Letzte Frage: Beatles oder Stones?
George: Wir hören keine Musik.
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