Belvedere-Orangerie zeigt Alfred Hrdlicka:
"Schonungslos! Die frühen Marmorskulpturen"
Das Reibeisen der Kunstpolitik
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Die Ausstellung zeigt etwa Alfred Hrdlickas "Haarmann-Fries" aus dem
Jahr 1966/67. Foto: Angelina Siegmeth-Hrdlicka/Belvedere, Wien
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Als Alfred
Hrdlicka 1988 in Zeiten des wilden Kolumnenkrieges gegen Hans Dichand
und Hans Nimmerrichter zu seiner Lieblingsfarbe befragt wurde, entschied
er sich – es könnte nicht anders sein – für Rot. Von dieser Wandfarbe
sind nun 17 Marmorskulpturen bis etwa 1970 eingerahmt und mittig mit
einer schwebenden Trennwand in der Orangerie des Belvedere akzentuiert –
fast eine minimalistische Lösung à la Donald Judd.
Den Namen hätte der kämpferische Vertreter fleischlicher
Figürlichkeit im Sinne eines Rubens oder Géricault wohl gar nicht gerne
gehört, denn Gegenstandslosigkeit galt ihm als zu bekämpfender
"Astralzinnober". Doch als Präsentationsform für seine vielen Leidenden,
meist nach antiker Vorgabe des geschundenen Marsyas oder Michelangelos
"Sklaven" gestreckte Menschen, ist sie auch als Kontrast perfekt
gewählt. "Ich bin ein gebranntes Kind meiner Zeit", hatte der 1928
geborene Künstler Alfred Hrdlicka sein Aufwachsen in Austrofaschismus
und Nazidiktatur beschrieben: Sein Vater wurde als Kommunist verhaftet,
er selbst trat der KPÖ 1945 bei und wegen des Ungarnaufstandes 1956
wieder aus; das soziale Engagement blieb. Damals kämpfte er nach der
Akademiezeit und einem Malerei- und Bildhauereistudium bei Gütersloh,
Dobrowsky und Wotruba mit Fritz Martinz, Rudolf Schönwald, Georg Eisler
und Hans Escher für die Etablierung eines neuen Realismus.
Gegen Filzokratie und Medienfaschismus
Der Auftritt mit Martinz 1960 in der Zedlitzhalle war ein Skandal –
zu nahe lagen "sozialistischer Realismus" und auch der Realismus der
Nazizeit, und so traten erstmals Kritiker massiv gegen ihn auf. Die
parallel zu Grafik und Malerei entstehenden Skulpturen erlitten ein
ähnlich heftiges mediales Echo: Das 1967 enthüllte Renner-Denkmal am
Ring zog in ewig gestrigem Jargon eine "Liga gegen entartete Kunst" nach
sich. Der Angegriffene wusste sich mit Wort und Tat zu wehren.
Hrdlickas "Gekreuzigter", sein wohl bekanntester Torso von 1959,
wurde von Werner Hofmann für den Skulpturengarten des Museums des 20.
Jahrhunderts angekauft. Bald wird dort zumindest die Bawag-Leihgabe
"Johannes der Täufer" wieder stehen. 1964 vertrat Hrdlicka Österreich
auf der Biennale in Venedig, in der Folge wurden ihm Professuren in
Stuttgart, Hamburg, später in Berlin und Wien angeboten, 1968 folgte der
Staatspreis.
Er verfolgte seine wütende Kunstpolitik gegen "Filzokratie und
Medienfaschismus" auch als Anerkannter weiter, seine "(...) Vorliebe für
Prostitution und Herstellung von Pornographie (.. .)" zog zuweilen
Gerichtsverhandlungen nach sich. Die Denkmäler gegen Faschismus und das
Holzpferd gegen den "Gedächtnisschwundler" (Hrdlicka über Kurt Waldheim)
hielten die Demokratie in Dauerstress.
Debatten über Qualität waren nicht mehr möglich.
Nun stehen Massenmörder in der Orangerie neben Orpheus, Christus oder
dem Porträt Oskar Kokoschkas. Ihn verehrte Hrdlicka, weil er dem
Menschenbild nach 1945 verbunden blieb. Der "Störenfried aus Wien"
duldete neben seinem Realismus wenig – ob Malewitsch oder sein
Zeitgenosse Beuys, alle wurden von ihm als "Pseudoavantgarde" abgetan.
Weder die Ironie als "Originalität der Späten" (Rainer Metzger) noch
Hofmanns berechtigte Kritik an der Verkaufsserie kleinformatiger Bronzen
des "Straße waschenden Juden" aus dem Denkmalensemble vor der Albertina
konnte er annehmen. So markieren die frühen Marmorskulpturen auch das
Ende einer Ära.
Ausstellung
Alfred Hrdlicka. Schonungslos!
Alfred Weidinger
(Kurator)
Orangerie im Unteren Belvedere
bis 19. September
Printausgabe vom Mittwoch, 23. Juni 2010
Online
seit: Dienstag, 22. Juni 2010 16:58:24
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