



Das "Ideal der Proportion", an der Natur gemessen: Objekt aus Stahlblech (1995/2002) von Josef Pillhofer.

Wien - Den Begriff "abstrakt" hat Josef Pillhofer nicht besonders gemocht. Stattdessen sprach er lieber von "sehr reduziert", erzählt seine Tochter Susanna über den im Vorjahr im 90. Lebensjahr verstorbenen österreichischen Bildhauer. Dessen ohne das Wörtchen "abstrakt" nur schwer zu beschreibendem Werk widmet das Wiener Künstlerhaus seine aktuelle Ausstellung. Retrospektiv, aber nicht chronologisch blickt man auf Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Wotruba-Schülers.
Auf der von seinem ihm später freundschaftlich verbundenen Lehrer gelegten archaischen Basis und den Pariser Impulsen von Henri Laurens, Serge Poliakoff oder Constantin Brancusi aufbauend, prägte Pillhofer die heimische Nachkriegsmoderne sehr entscheidend.
Forscher, nicht Suchender
Ein Schaffen, das trotz aller Reduktion immer der menschlichen Figur verpflichtet war. Die tanzende, dem Realismus der Antike verbundene Bronzefigur ist also nicht Ausdruck seines Frühwerks, sondern die Arbeit des reifen, 60-jährigen Künstlers.
Ebenso das Römische Mädchen (1975-81): Die Gipsfigur dominiert jenen den intensiven Aktstudien Pillhofers gewidmeten Saal. Von allen Seiten hat er seine Modelle studiert, sie in ein Raster übertragen und Details wie das Drehen der Hüfte oder den über den Kopf gelegten Arm analysiert. Dominieren hier runde, weibliche Formen, sind es um 1950 in Kuben und Quader aufgelöste Liegende und Sitzende; zum einfachsten geometrischen Element reduzierte Figuren, in denen auch der Analytische Kubismus von Picasso spürbar wird. "Schau dir den Picasso an", pflegte Wotruba dem jungen Pillhofer zu sagen. Gedrungene Figuren aus zylindrischen Grundformen (1955) erinnern schließlich an sein Vorbild Henri Laurens.
Ihn als nach dem Ideal der Proportion (so der Titel der Ausstellung) Suchenden zu bezeichnen, würde ihm nicht ganz gerecht werden, korrigiert der Künstlerhaus-Präsident und langjährige Pillhofer-Freund Joachim Lothar Gartner seine eigene Einschätzung. Vielmehr sei er ein "Forscher nach dem Ideal der Proportion". Ein Ideal, das er immer wieder an der Natur - dem Akt, aber auch der Landschaft - gemessen hat. Denn für Pillhofer war der Prozess nie abgeschlossen: Er fand kein endgültiges Ideal, sondern "forschte" in der Tiefe weiter.
Man könnte also sagen, die Schau folge "Forschungsfragen", die Pillhofer immer wieder begegneten - einer Ordnung von formal Vergleichbarem. Lebendig wird das durch die Kombination von sich gegenseitig kommentierenden Medien, von Skulpturen, Collagen, Zeichnungen und Skizzen. In den Papierarbeiten, die für den Künstler weniger Hilfsmittel denn eigenständige Blätter sind, kristallisieren sich bildnerische Fragen heraus, etwa das Akzentuieren der Umrisse, das Kontrastieren der Massen oder das Vereinfachen der Form. Besonders dynamisch sind seine Tusche-Studien von Menschengruppen (1998), die nur noch aus einem Gerüst abgeknickter Linien bestehen. Über Knicke und Faltungen definiert sich auch die Gruppe der sogenannten "Blechskulpturen", die von 1950 bis 2002 immer wieder auftauchen und Titel wie Spanischer Stier oder Orkan in Manhattan tragen.
Ebenso wie die in Dialog präsentierten Collagen farbiger Flächen illustrieren sie Pillhofers Abstrahieren von Raumvorstellungen: Wie sich daraus jedoch konkrete Architekturen zusammensetzen könnten, zeigt das beeindruckende Modell Entwurf für eine Stadt von 100 Millionen Einwohnern. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 4. 2011)
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