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Galerie im Taxispalais Innsbruck 11.8.2001 -
7.10.2001
Das Verhältnis der westlichen Kunstwelt zur
afrikanischen Gegenwartskunst ist dabei, in seine dritte Phase zu
treten. Nachdem die konsequente Ignoranz im Laufe der neunziger
Jahren vom Modell der gut gemeinten, häufig aber paternalistisch und
exotisierend verfahrenden »inclusive art exhibition« ersetzt wurde,
zeichnet sich nun eine beruhigtere Ausstellungspraxis ab, die an
bestimmten Problemstellungen und einzelnen KünstlerInnen
interessiert ist, ohne sie von vorneherein unter Kriterien der
Differenz zu handeln. Der in Cotonou (Benin) lebende Georges Adéagbo
ist eines der besten Beispiele für ein neuerdings möglich gewordenes
emanzipiertes Agieren afrikanischer KünstlerInnen im internationalen
Kunstbetrieb. In Adéagbos Fall dürfte dies auch durch die
situationsbezogene und selbstreflexive Methodik seiner Arbeit
begünstigt sein, die es nicht erlaubt, ein künstlerisches Produkt
unter einem bestimmten Etikett zu vermarkten. Adéagbo-Ausstellungen
setzen die persönliche Anwesenheit des Künstlers zum Zweck der
Recherche vor Ort und der installativen Verknüpfung hier gesammelter
Materialien mit Auszügen aus jenem Grundrepertoire voraus, das
Adéagbo im Laufe einer langjährigen Praxis des Sammelns und
Arrangierens erarbeitet hat. Die Macht der (westlichen) Händler,
Sammler und KuratorInnen in Bezug auf die Beschreibung, Definition
und Darstellung des »Afrikanischen«, deren Verzerrungen so oft von
den betroffenen ProduzentInnen beklagt werden, lässt sich durch eine
Praxis relativieren, in der der Künstler selbst Funktionen des
Sammelns, des Interpretierens von Objekten und Situationen übernimmt
und – wie Adéagbo – zum Auftraggeber für Dritte wird. In diesen
methodischen Zügen schlagen sich aber auch inhaltliche Fragen
nieder, die über Verschiebungen im Repräsentationsge füge
postkolonialer Kunst hinausgehen und sich auf Geschichte und
Gegenwart interkultureller Wahrnehmung erstrecken. So bezieht sich
ein Großteil der von Adéagbo für verschiedene Projekte in Evidenz
gehaltenen Materialien auf westliche Afrika-Bilder in Wissenschaft,
Kunst und Massenkultur. Diese werden in den Installationen mit jenen
Dokumenten gemischt, die sich Adéagbos quasi kulturanthropologischen
Forschungen am Ort der Ausstellung verdanken. Im Innsbrucker Fall
sind das etwa antiquarische Bücher über die »Sitten der Völker«, das
»Wilde Afrika«, Bildbände über »ferne Länder« etc., die mit
Tirol-Büchern, einer Publikation über den »Deutschen Wald« oder
alten Ausgaben des »Tiroler Bauernkalenders« konfrontiert werden und
so eine parallele Sicht auf imperialistische Konstruktionen von
Andersheit und ideologisch geladene Heimat-Versicherungen erlauben.
Dass derartige Gegenüberstellungen bei Adéagbo nie offen didaktisch
geraten, liegt an der Vielzahl und Diversität von Objekten, die
einzelne konzentriertere Momente umgeben und diese in ein Spektrum
möglicher Relationen fassen. Natürlich ist es an sich ein Punkt, als
Afrikaner den ethnografischen Blick auf die Hansi-Hinterseer-Kultur
zu richten und auf diese Weise den Reduktionismus der umgekehrten
Perspektive bloßzustellen. Doch Adéagbo reduziert die Bilder und
Objekte – Plattencover, Holzschnitzereien, Zeitungsartikel usw. –
nicht auf die regional oder ethnisch gedeutete Achse kultureller
Differenzen, sondern kreuzt diese mit solchen von
High-and-Low-Differenzen innerhalb Mitteleuropas oder Westafrikas.
So bildet die Geschichte des Sozialismus, als zentraler
Emanzipationsbewegung von eineinhalb Jahrhunderten, die in Form
kopierter Artikel die Mittelzone der Wände füllt, das Rückgrat
dieser Ausstellung. Dieser »Mainstream« wird konterkariert sowohl
von partikulareren Manifestationen politischer und kultureller
Selbstermächtigung als auch von Dokumenten einer industriell
hergestellten »Volkskultur«, die sich entweder als
anti-emanzipatorische Gegenströmung oder aber als
Kompensationsmoment für emotionale Leerstellen in den
rationalistischen Gesellschaftskonzepten lesen lässt. Adéagbo lässt
hier bewusst Interpretationsspielräume offen. Seine »Archäologie der
Motivationen« – so der treffende Titel der zur Ausstellung
erschienenen Publikation – fördert aus beinahe allen Schichten von
Kultur und Gesellschaft Sedimente von Identifikationsbegehren und
Phantasien der Grenzüberschreitung zutage, wobei die Grenzen
zwischen relativ harmloser Idolatrie (Skifahrer, Musikanten) und
politischen Führerkulten fließend erscheinen. Gelegentlich mögen
auch die Grenzen zwischen Bezugsvielfalt und Zufälligkeit in
Adéagbos Materialakkumulationen fließend erscheinen. Was dem
entgegenwirkt, sind Verdichtungen, die immer wieder punktgenau
bestimmte Widersprüche artikulieren, wie etwa dort, wo ein Artikel
über eine von Abschiebung bedrohte nigerianische Flüchtlingsfamilie
neben Ankündigungen diverser kultureller Afrika-Events in Österreich
zu stehen kommt.
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