DIE ZEIT


Feuilleton 15/2002

Die Kunst im Chaos

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Wohl keine andere Metropole kennt härtere Gegensätze als Lagos. Sie ist Fluch und Faszinosum zugleich und hat nun auch die documenta angelockt

von Hanno Rauterberg

Dann stehen wir und bleiben stehen. Nichts ruckelt, und nichts rührt sich mehr, was eigentlich nichts Besonderes ist in Lagos, einer Stadt, in der es fünf Ampeln gibt, doch 15 Millionen Menschen, alle ständig unterwegs, voller Ungeduld drängend, eilend, schiebend - so lange, bis sie sich fürchterlich verkeilt haben, bis der Stau die Ruhelosen kurz zur Ruhe zwingt. Unser Stau aber ist anders, ein großes Rätsel der Bewegungslosigkeit, das sich auch nach einer halben Stunde noch nicht entwirrt. Wir stehen, stehen in schwerer Luft, 35 feuchtheiße Grad lösen uns auf. Rechts sehen wir, wie gerade einer Ziege der Kopf abgesäbelt wird, von links donnert uns infernalische Musik entgegen, ein Getöse, das die Lautsprecher fast zum Bersten bringt. Dazu blubbert unser Motor und überhitzt sich.

Lagos kann auch kühl sein, im Garten des Goethe-Instituts sogar lieblich. Man sitzt unter einem Dach aus dickfleischigen Blättern, schaut hinaus in die Weiten der Lagune, spürt die Brise und fühlt sich wie in Venedig. Wird es einem irgendwann zu warm, geht man hinein in den kleinen Vortragssaal, der erfüllt ist vom Brummen der Kältemaschinen und manchmal vom Eiseshauch der Theorie. Vor ein paar Tagen trafen sich hier Wissenschaftler aus aller Welt, geladen von Okwui Enwezor, dem Leiter der Großkunstausstellung documenta, die erst im Juni beginnen wird, doch jetzt schon zum großen Nachdenken einlädt über Gerechtigkeit, Demokratie und Globalisierung. Nach Lagos ist man gekommen, um über Lagos zu sprechen und über drei andere afrikanische Metropolen, die meist als Menschenschlucker beschrieben werden, als unrettbare Orte der Anarchie und des Chaos. Um diese Wahrnehmung zu wandeln, um die Chancen im Chaos und die Kraft der Anarchie zu belegen, hat sich der Kongress versammelt. Vorsichtshalber aber, um das Gedankengebilde nicht durch zu viel Realität zu gefährden, tagt man hinter schwarzen Gardinen und im kleinen Kreis der Geladenen - im blickdichten Klimakasten.

Der Traum von einer besseren Welt

In unserem Auto erhitzt sich derweil die Wirklichkeit noch weiter. Wir stehen mitten in einem gigantischen Ersatzteillager, ringsum türmen sich die Zündkerzen zu großen Bergen, die Wände der Verkaufsbuden sind tapeziert mit Lenkrädern und Rücklichtern, im Straßenstaub liegen öltropfende Motoren. Quer durch die würgende Enge streifen die Straßenhändler, hawkers nennt man sie, Habichte, die sich auf die Festsitzenden stürzen, um ihre Sonnenbrillen, Erdnüsse, Unterhosen und Gartenscheren loszuschlagen. Für sie bedeutet der Stau Bewegung, von ihm leben die fliegenden Verkäufer, doch auch die anderen Menschen der Stadt brauchen diese Momente, in denen nichts mehr geht. Lagos, die Unendliche, die unentwegt Menschenmengen anzieht, die sich binnen 20 Jahren verfünffachte und für keinen Planer und keinen Theoretiker mehr zu durchdringen ist, Lagos, die Auseinanderstrebende, in der es Fischer gibt, die noch in Pfahlhäusern leben, und in Sichtweite ein paar Milliardäre, die in Manhattan-gleichen Hochhäusern residieren, Lagos, die verzweifelt Widersprüchliche, braucht den Stau, denn dieser schenkt ihr etwas Verbindendes. Egal, ob man hinter den getönten Scheiben einer Limousine sitzt oder sich in einem dieser rostzernagten VW-Bulli-Taxis festklammern muss - der slow-go lässt sich von niemandem umfahren, er ist ein unvorhersehbares Anfallsleiden, das alle trifft. Nicht über das Wetter spricht man, sondern vom Stau, und wer im Stau sitzt, erzählt sich von der Stadt, von ihrer Ruchlosigkeit, ihrer Gewalt.

Dann hört man, dass es irgendwo da draußen Märkte geben soll, auf denen sie mit Menschenfleisch handeln. Oder dass manche Polizisten nachts ihre Maschinenpistolen an die Unterwelt verleihen, um ihr kärgliches Gehalt aufzubessern. Gern gibt man sich diesen Gruselgeschichten hin, wohl wissend, dass sie nur erfunden sind. Andererseits, warum sollten sie nicht stimmen? Wo doch neulich erst die Polizisten zwei Tage lang streikten und prompt überall eingebrochen wurde? Wo jeder irgendeinen kennt, dem am helllichten Tage die Waffe vorgehalten und das Auto entwendet wurde? Wo manchmal Leichen am Straßenrand liegen, tagelang, bis sie aufplatzen oder platt gefahren werden, weil niemand anzuhalten wagt, denn jeder, der beim Toten gesehen wird, gilt bei der Polizei als verdächtig und wird festgenommen? Warum sollte das Unwahrscheinliche in Lagos nicht wahrscheinlich sein?

Zu den alltäglichen Widersinnigkeiten gehört auch, dass jeder weiß, dass diese Stadt eigentlich ein Ort des Wohllebens sein könnte. Nigeria ist reich an Gold, Eisen, Zinn und vor allem an Erdöl. Der Staat verdient gut an der Förderung, doch merkwürdigerweise versickert das Geld, wird aufgezehrt von korrupten Beamten oder technikgläubigen Großprojekten. Lagos baute drei Müllverbrennungsanlagen, in keiner wurde je ein Feuer gezündet; mächtige Verkehrsleitsysteme entstanden, von Siemens geplant, heute stehen sie verrottet im Autogewimmel - als verwitternde Zeichen für eine Mangelwirtschaft ohne Mangel. Alles gibt es in dieser Stadt zu kaufen, doch zugleich verdienen die meisten Menschen nur einen Euro am Tag, was für kaum mehr als zwei Brote reicht. Viele leben im Dunst der brennenden Müllhalden und in den Bleischwaden der Autos, ohne fließendes Wasser, und wenn sie Strom haben, dann fällt er oft aus - so wie überall in Lagos, das sich wohl schon deshalb keine Ampeln anschafft. Öffentliches Eigentum wird ohnehin kaum geachtet, denn viele wohnen halb auf der Straße, kaum geschützt von Planen oder rostigem Wellblech, und betrachten Brückengeländer, Verkehrsschilder, Straßenlampen als etwas, das privatisiert gehört, das sich zersägen und zu Öllämpchen oder Kochtöpfen umformen lässt. Selbst die mächtigen Autobahnbrücken, die fly-overs, auf denen man sich (wenn einmal nichts staut) der Armut enthoben fühlt, werden in Markt- und Wohnplätze verwandelt, es nisten unter den Stelzen quirlige Autowerkstätten, Frisiersalons, Schlachtereien. Man sieht diese Orte und begreift, dass der Staat jede Idee von Ordnung hat fahren lassen, er kümmert sich nicht um die Rente, stellt keine Briefkästen auf und keine Telefonzellen, schert sich kaum um Krankenhäuser oder um Schulen, von denen manche Fabrikruinen ähneln, alle Fenster sind zersplittert, ungehindert kann der Lärm der achtspurigen Straße hineintosen. Nicht selten sitzen 150 Kinder in einer Klasse, es gibt keine Schulbibliothek und nur unterbezahlte Lehrer, die sich und ihre Schüler aufgegeben haben.

Und doch ist Lagos keine Stadt der Verzweifelten, die Enge verengt nicht die Gemüter. Ungebeugt gehen die Menschen, entspannt und aufrecht, wiegend der Schritt, mit den Armen weit ausholend - ein Gang voller Selbstbewusstsein, das Kraushaar zu Miniaturskulpturen gewunden, die Gewänder frohfarbig, der seidige Damast rein und geglättet, so als gehörten ihre Körper gar nicht in diese staubigen Gassen, als seien sie erhaben, dem Unzumutbaren entrückt. Selbst wenn sie auf eines dieser Motorradtaxis steigen, klammern sie sich nicht an den Fahrer oder an irgendwelche Griffe, sondern sitzen ganz aufrecht - man könnte meinen, sie spürten die buckelige Kurverei gar nicht und ruhten völlig in sich, sie befänden sich auf einer hohen inneren Warte, von der sie manchmal gar verachtend auf ihre Mitmenschen hinabblicken. In diesem Kleinstkosmos regiert so etwas wie ein Gesetz der Makellosigkeit, auch der liebevollen Schönheit, wie man sie auf den zusammengezimmerten Tischchen sieht, auf denen die Kleinsthändler ihre Waren feilbieten. Kunstvoll arrangieren sie Flaschen und Dosen, bauen aus Orangen verwegene Dreierstapel und aus Kartoffeln raffinierte Pyramiden.

Außerhalb dieser engen Privatzone indes herrscht aufgeregte Unbedingtheit: Da wird gestikuliert, geschrien, manchmal auch gekämpft, denn statt der Lethargie verfällt man in dieser Stadt lieber der Raserei. So wie jetzt, da wir immer noch feststecken mit unserem Auto, und die Händler drum herum es nicht mehr ertragen können. Der Stau entzieht ihnen die Kunden, grad als hätte jemand bei einem Kaufhaus sämtliche Türen verrammelt. Und deshalb schwingt sich nun einer zum Dirigenten auf und zwingt die Fahrer mit Fortissimo-Gesten, ihre Wagen ein paar Zentimeterchen zurück- und zur Seite zu kurbeln, begleitet vom anschwellenden Geplärr der Hupen, stechend und unbarmherzig. Weit in der Ferne taucht plötzlich der Grund auf für all das Stehen: Ein uralter Lastwagen, im Gepäck einen Container, zwängt sich zwischen den Büdchen hindurch, haarscharf vorbei auch an unserer Wagentür - eine Anlieferung wohl für irgendeinen der Stände. Wer kennt schon Lieferzeiten in Lagos?

Dabei sind die Straßen manchmal tatsächlich leer, nachts etwa, wenn eine dichte Dunkelheit über der Stadt liegt und viele sich nicht mehr aus ihren Häusern trauen. Aber auch an Sonntagvormittagen kann man beruhigt fahren, dann haben sich die meisten Menschen zum Gottesdienst versammelt. Nirgends auf der Welt werden derzeit mehr Kirchen gegründet als in Nigeria, überall sieht man große Tafeln mit weiß gewandeten Geistern, mit Regenbögen oder energisch blickenden Predigern. Es gibt in Lagos fast keine Kinos, nur ein großes Theater, dafür aber werden halb verfallene Lagerhäuser zu Gemeindesälen umgerüstet, oder man baut gleich etwas Neues, so wie die Winner-Church, eine Christenkonfession, die sich eine Idealstadt errichtet hat - mit Tankstelle, Restaurant, Bank, Universitätscampus und einer Kirche, die man stolz die größte Afrikas nennt. Erst muss man die mächtigen Mauern passieren, die das Canaan-Land umfassen, dann steht man in kaum fasslicher Weite. Die Enge des Alltags, seine Ärmlichkeit, weicht einer Verschwendung an Raum und dem satten Grün des Rasens. Hier parken die Autos in Reih und Glied, die großen Busse, mit denen die Gläubigen herangefahren werden, sind nicht zerbeult und zerfallen, sie leuchten in peniblem Weiß - eine bessere Welt.

Von dieser künden von fern schon die Lautsprecher, aufputschende Wechselreden von Prediger und Gemeinde dröhnen hinaus ins Land, die Menschen in ihren Bann ziehend. Dann steht man mittendrin, hört ein ungeheures "Amen!" aus 50 000 Kehlen, spürt, wie die Schall- und Glaubenswelle alle mitreißt, fortspült, hinaufhebt in die Sphären enthemmter Begeisterung.

Von außen erinnert die Großkirche entfernt an eines dieser Einkaufszentren an ostdeutschen Autobahnen, ein aus drei Kirchenschiffen zusammengeflickter Riesenstern, in dessen Mitte die Bühne des Pastors steht. Und tatsächlich gleicht seine Verkündigung auch vertrauten Konsum- und Glücksschlachten, es sind in Amerika erlernte Verheißungsfloskeln, die jedem Wohlstand versprechen, der nur tief genug glaubt und innig genug spendet. Man versammelt sich im Namen eines Gewinnergottes, der vor allem die Kirchenobersten mit Gewinnen versorgt. So sagen es zumindest viele, mit Hass in den Augen - und übersehen, wie viel hier bei aller Fragwürdigkeit doch getan wird für Kranke und Alte, wie wichtig die Regeln und Rituale der Kirchen sind, gerade in einer Stadt, die alles Formale ins Informelle auflöst und Verlässlichkeit nicht kennt.

Diese Planlosigkeit ist für die meisten ein Fluch, und gleichwohl - noch einer dieser Lagos-Widersprüche - gilt sie vielen auch als Faszinosum. Es zieht sie in diese Stadt, sie verlassen ihr ärmliches Dorfdasein, die engen Stammes- und Glaubensregeln (gerade im islamischen Teil Nigerias) und halten Lagos für Freiheit. Gar nicht unähnlich fühlen sich auch die versammelten Theoretiker im Goethe-Institut von dem Offenen, dem Unvorhersehbaren angelockt, wie Ameisenforscher beugen sie sich über den wimmelnden Haufen, rätselnd, wie die dort unten sich eigentlich zurechtfinden. Rem Koolhaas etwa, berühmt als Architekt und nonchalanter Dogmenbrecher, reiste schon vor vier Jahren nach Lagos, begeistert von der Tragik und der Vorläufigkeit der Stadt, die ganz ohne das ästhetische Wollen der Architekten auskommt und alle europäischen Vorstellungen vom Masterplan auslöscht. Im Stechschritt, eine gelbe Plastiktüte in der Hand, durchmaß er die Slums, besuchte die Märkte und entdeckte, dass sich auch im Verworrenen noch Regeln finden, dass selbst auf den Riesenmärkten sich Ordnungen entwickeln, sogar eine selbst ernannte Gerichtsbarkeit - auch wenn man nie weiß, ob dort nicht nur die Gesetze des Dschungels exekutiert werden, die stets den Stärkeren im Recht sehen und die Schwächeren der Willkür ausliefern.

Heute erzählt Koolhaas fast gelangweilt von Lagos, die Stadt habe doch viel von ihrer Unbezähmbarkeit verloren, die Armut werde aus dem Blickfeld geschafft, Einkaufszentren griffen um sich, Straßen und Plätze würden aufgehübscht. Aus seinen Worten spricht die Arroganz einer Avantgarde, die überall Normalisierung wittert und einmal entdecktes Terrain für langweilig hält. Dennoch hat Koolhaas Recht: Neuerdings gibt es staatliche Programme, die Kinder vom Betteln ab- und zur Arbeit im Park anhalten sollen. Neuerdings fegen Frauen in kirschroten Kitteln mit Reisigbesen die Ränder der Autobahnen. Neuerdings werden einige Verkehrskreisel mit gelben Blümchen bepflanzt, mit Brücken und bunten Zierkugeln geschmückt - eine Million Euro ist dies der Stadt wert. Und neuerdings gründen sich Bürgervereine, kleine NGOs, die auf noch mehr Veränderungen drängen. Endlich müsse aufgeräumt werden, sagen die einen, Lagos solle wieder zum afrikanischen Venedig werden. Die anderen stehen eher ratlos vor dem Wirrwarr, so wie die meisten Planer auch, wissen sie doch sehr genau, dass es mit dem Aufräumen nicht getan ist und auch nicht mit dem Abräumen der Blechbudenstädte. Würde man die Leute umsiedeln, drängten andere nach - rasch wären die Lücken wieder gefüllt.

Erfüllungsgehilfen der Mächtigen

Was also lässt sich tun, wenn man mehr will als nur städtebauliche Kosmetik? Koolhaas verbietet sich selbst alle Ratschläge, er will nicht in die alte Rolle des weisen weißen Mannes schlüpfen, der den Afrikanern den Weg zeigt. Und so wäre es an den Architekten in Lagos, sich zu rühren - die meisten aber verstehen sich nur als Erfüllungsgehilfen der Macht, so wie eines der größten Büros der Stadt, das außer Grundrissen noch Speiseeis verkauft und eine Radiostation betreibt. Doch es gibt auch Jüngere, Koku Konu zum Beispiel, der mit einigen Freunden die CIA gegründet hat, die Creative Intelligence Agency, um auf eher spielerische Weise die Trübnisse der Stadt zu durchforschen. Zum Beispiel denken sie über das Pinkeln nach: Weil es keine öffentlichen Toiletten gibt und jeder sich entleert, wo er gerade steht und geht, haben sie ein neues Urinoir-System ersonnen, allerdings keines mit Spülung, Klopapier und weißen Kacheln, weil dies nur von wenigen Menschen angenommen würde, widerspräche es doch ihren Gewohnheiten. Statt die Leute zu erziehen, schauen Konu und der CIA lieber genau hin, beobachten, dass es unter den Brücken feste Orte des Schlafens, Essens, Spielens, Urinierens gibt. Und sie entwickelten aus dieser Beobachtung eine kleine, bescheidene Lösung - eine vorläufige Form größerer Hygiene aus Stellwänden und Sickergruben.

Es ist dies ein sorgender Realismus, der wenig nur ausrichtet und die großen drängenden Fragen nicht stellt, der Korruption und Ungerechtigkeit nicht hinterfragt. Und doch braucht Lagos diesen Realismus - viel mehr als die schreckensverliebten Apostel des Untergangs oder die furchtlosen Idealisten, die den Moloch zur Zukunftsstadt des 21. Jahrhunderts verklären. Lagos, der Großen, kann wohl nur ein Wandel im Kleinen helfen. Nur so mag alles, was feststeckt, wieder an Bewegung gewinnen.


Die documenta in Lagos

Eigentlich hat ja die Kunstausstellung documenta ihr Revier in Kassel. Doch Okwui Enwezor, ihr diesjähriger Leiter, treibt es hinaus in die Welt: Um vor Beginn der Großschau (Start: 8. Juni) die Horizonte der Westeuropäer zu weiten, um für die Kunst eine meist ausgeblendete Wirklichkeit zu erschließen, lud er zu vier Plattformen, unter anderem nach Indien, in die Karibik und nun in die nigerianische 15-Millionen-Stadt Lagos. Enwezor, der heute in New York lebt, stammt aus Nigeria - doch wollte er den Theorie-Kongress nicht als Rückkehr feiern. Weder die Stadt noch ihre Kunst schienen ihn besonders zu interessieren. Die große Künstlerdiskussion blieb eigenartig. Ob es so etwas wie afrikanische Malerei noch gebe, wie man sich zu einer eigenen Moderne durchringen und den Fallstricken eines kolonial geprägten Selbstbildes entkommen könne - auf alle diese Fragen der Versammelten antwortete der Kurator nur ausweichend und dunkel. Er, der immerzu von Kommunikation, von Dialog und Diskurs spricht, begnügte sich mit ein paar knappen Sätzen, wünschte sich dann, die Band möge bitte sein Lieblingslied spielen, und noch bevor die meisten Gäste gegangen waren, zog er sich zurück ins Hotel. Ähnlich blieb auch vielen anderen Kongressteilnehmern verborgen, wie sehr es in Lagos brodelt und vibriert. Sie stellten sich lieber auf ihre Plattform, statt sich dieser Stadt zu stellen.