18.03.2003 13:01
Verweisungsfrohe Bilderwelt
Die
Prager Szene präsentiert sich dank des Engagements des Kunstvereins "rotor" als
"Balkan-Konsulat" in Graz
Der Kunstverein "rotor" setzt sein Engagement als
"Balkan-Konsulat" fort: Nach der St. Petersburger präsentiert sich nun,
ausgewählt vom tschechischen Biennale-Venedig-Kommissär Michal Kolecek, die
Prager Szene in Graz.
Graz - Interferenz! Sucht man nach der jedwede Kunstexpertise sinnfällig
schmückenden Krönung, kommt man nicht um so ein Wort herum. Oder, etwas
verstaubter mittlerweile, aber immer noch nicht gänzlich abgesagt:
Intertextualität! Hauptsache Inter.
Und mithin ward, was modern ist, vom
noch Modernerem geschieden. Getrennt steht also stille Autarkie, die praxisnahe
Auslotung der künstlerischen Eigenmittel im Rahmen des Rahmens, von
zwischentextlicher Beziehung, welcher Art auch immer. Eigentlich schon seit
etwas mehr als 30 Jahren: Da hat es wieder so richtig angefangen mit barockem
Sinnbild, will meinen mit gesellschaftskritischen Modellen anti-autonomer Kunst,
mit dem Eindringen und Einschreiben von Sprache in die Kunst, mit politischem
Kalkül.
Wo nicht selbst Gefährt in fremde Wasser, wird formalästhetisches
Begehren fortan besser weiträumig umschifft, wird mit Beschlagnahme, Überlappung
oder Fragmentierung gleich bestraft. Und der Betrachter wird, eh er sich's
versieht, zum Leser mit beschränkter Haftung stilisiert. Das passt auf vieles
wenn nicht alles irgendwie, seit langer Zeit am besten allerdings und auch noch
ohne eingebauten Lust-Verlust auf all das, was Tschechiens Biennale-Kommissär
Michal Kolecek in Grazer Kunstverein rotor als zweiten Teil der
Ausstellungsserie Balkan Konsulat im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms
präsentiert.
Vorbei ist es mit starrer Raumaufteilung, mit Wänden, die
sich zwischen Welten schieben und damit klar umgrenzte, für sich und mit sich
selbst zufriedene Einheiten zeugen, über die dann Schildchen passten, auf denen
schwarz auf weiß, gerechtfertigt in jedem Fall, ein Titel stünde - wie etwa
"Alltag", "Küche" oder eben "Kunst". Statt dessen mengen sich
Entgrenzungsstrategien ein. Am einfachsten mittels Neuzuordnung via Sticker:
Welch ein Anliegen ließe sich damit nicht leicht verkürzt doch sicherlich
präzise neben jedes Knopfloch heften?
Oder via Applaus aus der Konserve:
So lässt sich jedes Zimmer als Konzertsaal denken. Oder via Nachstellung: So
werden Kriegsschauplätze über Monitor hereingespielt, das büroräumliche Umfeld
getreu nach ihrem Vorbild arrangiert, bevor das verschaltungsfromme Display
selbst, mit ehrlichem weil klassischem Handwerkszeug konfrontiert, als
Katzenspreu sein Ende findet. Nur vermeintlich plakativ stellt sich solch
Alltagskolonialisierung beim Grazer Schauspielhaus auf einem Billboard
beziehungsweise im Standard (museum in progress) ein.
Zwei
Autogesichter, ein Skoda und ein VW, lächeln dort verlockend wie zu
Werbezwecken, bezeugen damit aber nicht mehr nur erfolgreiche Fusion, sondern
wollen, als Bildnis solid gebauter Mobilität, schon auch an einst erzwungene
Umsiedlungen erinnern.
Interferenzen bestechen aber selbst das
unschuldigste Motiv (Fußgängerzonen sind davor beileibe nicht gefeit), höhlen es
oft wörtlich aus bis hin zur Fadenscheinigkeit, die sich, an Nägeln orientiert,
zart raumgreifend behauptet, bevor der Zweck (zu verweisen, um wieder zu
verweisen) die Mittel ihrer Duldung heiligt. Man muss nur genau hinschauen, nach
dem Stachel der Bestechung suchen, um hinter die Verflechtungen zu kommen. Was
dabei zuweilen übrig bleibt, ist die pure Lesefreude. (DER STANDARD,
Printausgabe, 18.3.2003)