Salzburger Nachrichten am 22. Juli 2006 - Bereich: Kultur
Das Bild als rätselhafte Partitur

Jan Voss hat für die Salzburger Festspiele 2006 die Illustrationen geschaffen - Der Künstler im Gespräch GUDRUN WEINZIERL

GUDRUN WEINZIERL INTERVIEW Zierliche Geschöpfe, oft insektenhafte Wesen, ein Flugzeug, ein Baum, ein Pfeil oder ein Tisch in Blau, Rot, Grün und Schwarz, mit Tusche flüchtig auf Papier gebracht - sie weisen heuer auf Opern, Schauspiel und Konzerte der Salzburger Festspiele hin.

Mit Jan Voss wurde nach Walter Pichler und Mimmo Paladino zum dritten Mal ein bildender Künstler eingeladen, Programm und Plakate der Salzburger Festspiele zu gestalten. Eine Ausstellung in der Galerie Academia mit Collagen, Objekten und Zeichnungen erweitert derzeit außerdem den Blick auf das Schaffen des deutschen Künstlers, der seit vier Jahrzehnten in Paris lebt. Sie haben als Illustrator unter anderem mit Peter Handke zusammengearbeitet und speziell in Frankreich mit vielen Literaten Bücher gemacht. Für die Salzburger Festspiele haben Sie vierzig Illustrationen geschaffen. Was bedeutet für Sie der Begriff des Illustrators? Voss: Eine Beziehung der Kunstformen untereinander ist immer gegeben, aber sie ist locker. Illustration verstehe ich nicht als Bebilderung und Visualisieren eines Textes. So kann man auch nicht direkt von einem Medium ins andere übertragen. Die Illustration setzt das Zusammentreffen zweier Medien voraus. Mehr noch ist es für mich ein sehr subjektives Aufeinander-Zugehen zweier Personen, eine freundschaftliche, schöne Geste, mit der eigenen Arbeit die Arbeit des anderen zu reflektieren. Was und wen treffen Sie in der Kooperation mit den Festspielen, treffen Sie die Musik, treffen Sie Mozart? Voss: Es war Peter Baum, der zu der Einsicht kam, ich wäre in diesem Jahr der geeignete Mann, mit meinen Arbeiten den Auftritt der Festspiele zu begleiten. Zu Mozart habe ich eine Beziehung wie zu anderen großen Komponisten auch, er ist also nicht der herausragende Favorit in meinem Kunstverständnis. Ich will Assoziationen an Harmonie, Dissonanz, an Farbklänge nicht überstrapazieren.

Wenn man eine Partitur vor sich sieht, ist sie außer Inhalt auch ein optisches Ereignis. Diese Art der Optik, die Reihung gibt es auch in meinen Bildern: alle Einzelstimmen sind untereinander angeordnet und man kann mit einem Blick eine ganze Seite erfassen. Die senkrechten Striche stehen auch wie Abgrenzungen einzelner Klänge da. Oft sagt man mir, dass meine Bilder an Partituren erinnern.Wer es versteht eine Partitur zu lesen, weiß wie die Komposition klingt. Ihre künstlerische Arbeit bleibt rätselhaft. Ist sie lesbar? Voss: Das "Bauen", Konstruieren, Komponieren in meiner Arbeit kann gegensätzlich zur kompositorischen Arbeit in der Musik sein. Meine Bilder sind autonom, sie sind eine Addition vieler kleinteiliger, einzelner Formen. Man darf ein Bild nicht niederkämpfen, um es verstehbar zu machen, um es zu einem Ganzen gerinnen zu lassen. Mich interessiert das Unmittelbare. Die Perfektion, lange Planung, vorausschauende Kalkulation sind nichts für mich. Der Dialog zwischen dem Betrachter und dem Bild soll immer wieder angeregt werden.Gibt es bei aller Vielfalt Ihrer Ausdrucksformen auch Regeln? Voss: Das große Problem ist, dass man die Spannung aufrechterhalten muss, die Arbeit darf nicht langweilig werden. Läuft Arbeit routinemäßig ab, wäre mir beim Zeichnen oder Malen langweilig, würde das der Betrachter sehr schnell spüren. Eine wichtige Regel ist für mich, immer mehrere Arbeitsplätze im Atelier zu haben, damit ich an mehreren Blättern oder Objekten gleichzeitig arbeiten kann. Wenn ich an einem Bild nichts mehr finde, das weiterzuarbeiten lohnt, gehe ich beispielsweise zu einer Holzskulptur und von der vielleicht weiter zu einer Collage. Jedes Mal wenn sich eine Technik ändert, springt bei mir auch wieder der Funke an.