Gerade Friedrich Kieslers avantgardistische Auffassung von Raum und Unendlichkeit und seine theoretischen Abhandlungen darüber sind in der zeitgenössischen Architektur, ob bewusst oder unbewusst, ein wichtiges Thema, und es ist ausgesprochen lohnend, heutige Standpunkte und Erkenntnisse mit jenen gegenzuschneiden und zu überprüfen, die bereits vor über 70 Jahren gedacht wurden.
Der 1890 in Czernowitz geborene Friedrich Kiesler war 35 Jahre alt, als er vom Architekten Josef Hoffmann beauftragt wurde, im Rahmen der Pariser Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes ein Ausstellungssystem für Theaterentwürfe und Bühnenmodelle zu entwerfen. Während die damals gezeigten Exponate in der Klamotte der Geschichte untergetaucht sind, ist die Tribüne, die sich Kiesler dafür ausdachte, zu einem Stück Architekturgeschichte geworden.
Dieter Bogner, der nun den Kiesler-Bereich für den Österreich-Pavillon in Venedig kuratiert, schreibt darüber: "Das von Kiesler entwickelte temporäre Ausstellungssystem, das er als "Raumstadt" bezeichnete, fand ein auch in Paris breites Presseecho und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer Architekturikone des 20. Jahrhunderts."
Die Installation befand sich in einem Raum des Pariser Grand Palais, er verwendete dafür schlichte Holzstäbe und horizontal sowie vertikal verlegte Flächen. Kiesler deklarierte die Konstruktion als Vision einer im Raum schwebenden Megastadt.
Dieter Bogner: "Die Konstruktion wurde vom Boden abgehoben als schwebende Installation in den weitgehend abgedunkelten, mit schwarzem Tuch ausgekleideten Raum gesetzt. Dadurch evozierte Kiesler den Eindruck eines unbegrenzten, "endlosen" Raums, ein zentrales Thema seines gestalterischen Schaffens."
Auf der Biennale wird diese Raumstadt nun zumindest in Teilen nachgebaut und wieder begeh- und erfahrbar gemacht.(uwo/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2006)