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07.09.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Gulasch gab's täglich - im Wirtshaus der Großmutter
VON HANS WERNER SCHEIDL
Ungarn-Flüchtlinge in der Wiener Vorstadt. - Sehr sporadische Erinnerungsskizzen eines Schulbuben aus Gersthof.

Eines schönen Tages waren sie da. Mitten in der Gaststube des Gersthofer Wirtshauses. Junge Leute, Familien, Kleinkinder. Sie froren, es war schon Anfang November 1956. Die Großmutter musste vom Pfarrer nicht lang überredet werden, ein paar Flüchtlinge in ihrem Lokal in der Herbeckstraße zu verköstigen. Sie fragte nicht weiter, wie lang sie die ungebetenen Gäste speisen sollte, Gulasch gab's bei ihr sowieso jeden Tag. Die Neuankömmlinge waren von der Pfarre in einer kleinen Pension untergebracht worden, die heute noch existiert: Ecke Witthauergasse/Hockegasse. Lang werde es nicht dauern, hieß es: Die meisten Flüchtlinge würden nur kurz in Wien bleiben und gleich weiter in den wirklich "goldenen Westen" auswandern. Amerika, Kanada, Australien. Für Gersthofer Ureinwohner eine schauerliche Vorstellung. Waren gerade erst einige aus sibirischen Straflagern in die Heimat zurückgekehrt. Nicht alle. Um die wurde noch gebangt, gebetet.

Am Stammtisch waren die Ereignisse im benachbarten Ungarn das Gesprächsthema. Die Radio-Nachrichten hielten sämtliche Gäste in ihrem Bann. Und einmal pro Woche pilgerten die Erwachsenen in jene beiden Kinos, die rund um die Uhr die neuesten Wochenschaufilme aus Ungarn zeigten. Denn Fernsehen gab's noch nicht. Das "O.P." (Ohne Pause) war am Graben, das "Nonstop" im Messepalast Ecke Mariahilfer Straße. Und wer den neuesten Streifen schon gesehen hatte, erzählte es am Stammtisch in all jenen schauerlichen Facetten, die der (vergebliche) Volksaufstand des Nachbarvolks mit sich brachte.

Otto Pammer hieß der Kameramann, der für "Fox Tönende Wochenschau" in Budapest unterwegs war. Seine Filmdokumente, die damals rund um die Welt gingen, sind heute gefragter denn je.

Die Welle der Hilfsbereitschaft - auch in Gersthof - mag mehrere Ursachen gehabt haben, denn gar so selbstverständlich war sie ja nicht. Eine davon war sicher Dankbarkeit, dass einen das Schicksal vor einer ähnlichen Not verschont hatte.

Die Kinder - erst recht natürlich die Erwachsenen - konnten sich noch sehr gut an die Zeit der Besatzungsmächte erinnern. Natürlich war es im Westen Wiens eine milde Form der Bevormundung, denn die "Amis" gehörten zu der angenehmen Sorte. Die Alsegger Straße Richtung Bischof-Faber-Platz war in Höhe der Wallrißstraße mit einem Schlagbaum abgeriegelt, der Stacheldraht wirkte zwar martialisch, sollte aber eher die neugierigen Schulbuben abschrecken, die nachmittags stundenlang auf die tollen Lastautos Marke "GMC" und die flotten kleinen Jeeps gafften.

Diese Besatzer war man vor einem Jahr endlich losgeworden. Das Schicksal hatte es gut mit den Österreichern gemeint; es hatte ihnen eine Teilung des kleinen Landes erspart und der Ostteil kam nicht unter die sowjetische Knute wie das Nachbarland Ungarn. Dankbarkeit für so viel welthistorisches Glück spielte also mit, als die patriotischen Ungarn ihre Konterrevolution probierten.

Was den Kindern freilich verborgen blieb, haben erst viel später die Historiker nachgezeichnet: Dass nämlich das viel gerühmte "goldene Wienerherz" nur eine Zeit lang so heftig für diesen Flüchtlingsstrom pochte. Irgendwann begann das Raunzen, wie lange man noch so viele hungrige Mäuler werde durchfüttern müssen. Wo man doch selbst sehen müsse, wie man über die Runden komme.

Die Großmutter erlebte diese Phase nicht mehr. Sie hatte geholfen, so gut es die alte Frau mit 72 noch konnte. Dann legte sie sich zum Sterben. Und das Wirtshaus wurde geschlossen.

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