Sonderbeilagen

Kunst und Konkurrenz

03.03.2007 | SN
Eine Salzburger Kunsthistorikerin hat sich mit einem bisher kaum beachteten Aspekt des Künstlerdaseins auseinander gesetzt. JUSTIN STAGL

K ünstler mögen einander als Brüder ansehen oder nicht einmal ignorieren. Meist aber messen und reiben sie sich aneinander, in aller Freundschaft, im Wettstreit um Ruhm und Geld bis hin zum Kampf auf Leben und Tod. Bisher haben weder die Kunstgeschichte noch die Kultursoziologie diesen Aspekt des Künstlerdaseins ausreichend gewürdigt. Renate Prochnos Buch schließt hier eine Lücke. Es lässt die Vielfalt der Formen von Konkurrenz unter bildenden Künstlern anhand von Fallstudien anschaulich werden.

Mit jemandem konkurrieren heißt auch sich mit ihm vergleichen: Spiele ich überhaupt in derselben Liga? Bin ich schlechter, gleichwertig oder besser als er? Gelingt es mir, mit ihm gleichzuziehen, ihn zu überbieten, hinter mir zu lassen? Von Apelles, dem berühmtesten Maler der Antike, ist außer ein paar Anekdoten und Bildbeschreibungen nichts erhalten. Diese aber werden seit der Renaissance immer wieder aufgegriffen und variiert. So können die Nachgeborenen wenigstens ihre Satisfaktionsfähigkeit mit dem unerreichbar gewordenen Vorbild dartun. Eine Ausschreibung stiftet dagegen eine Konkurrenzsituation zwischen Lebenden und ungefähr Gleichrangigen. Der Sieger, im Falle der Baptisteriumstüren von Florenz war es Ghiberti, kann seinen Erfolg im Nachhinein als epochale Richtungsentscheidung ausrufen, der Unterlegene, hier Brunelleschi, seinen Misserfolg durch Intriganz wegzuerklären suchen.

Herausragende Einzelne konkurrieren gleichsam von selbst miteinander, werden dazu gedrängt oder auch im Nachhinein von der Kunstgeschichtsschreibung um des dramatischen Effekts willen zu Rivalen erklärt.

Auch der Zeitfaktor spielt hier mit: Sind es Gleichaltrige oder Ältere und Jüngere? Ein hoch produktiver Wetteifer fand zwischen ca. 1420 und ca. 1435 zwischen Robert Campin und Jan van Eyck statt. Ob die Meister sich getroffen haben, weiß man nicht, doch mittels ihrer Werke trugen sie einen Dialog aus, wo der eine die Neuerungen des anderen aufgriff und sich anverwandelte: eine der produktivsten Episoden der Kunstgeschichte überhaupt. Eine ähnliche, diesmal sicher freundschaftliche Konkurrenz verband die Schwäger Mantegna und Giovanni Bellini; wir verdanken ihr zahlreiche Gegenbilder.

Künstlerkonkurrenzen können auch auferlegt sein. Leonardo und Michelangelo, die eigentlich nicht wetteiferten, da ihre Talente komplementär waren, wurden von der florentinischen Signoria dazu genötigt. Im selben Jahrhundert löste die kunsttheoretische Diskussion über die wechselseitigen Vorzüge der Malerei und Bildhauerei zahlreiche Werke und neue Kunstgriffe aus, durch die das eine oder das andere bewiesen werden sollte. Bei Leonardo und Michelangelo kam noch der Generationenunterschied dazu. Stets haben jüngere Künstler älteren nachgeeifert. Ein besonders kompetitiver Maler war van Dyck. Mit seinem Lehrer Rubens führte er einen lebenslangen einseitigen Wettbewerb und sucht jedes Meisterwerk Rubens' sogleich zu übertrumpfen. Zugleich wetteiferte er mit dessen aristokratischem Lebens- stil. Bei seinem Englandaufenthalt verdrängte er die ihm nicht gewachsenen Konkurrenten Mytens und Johnson bei der obersten Schicht von Auftragsgebern. Bei Rubens sollte ihm das nicht gelingen: Überarbeitet und erschöpft starb er ein Jahr nach seinem Lehrer.Zünfte: gezähmte Konkurrenz Konkurrenz ist der Kunstwelt eingeschrieben und insofern "natürlich". Man kann sie zu domestizieren suchen wie bei den Zünften, die ihren Mitgliedern ein auskömmliches Leben und gute Qualitätsprodukte garantieren, freilich zu Lasten der Eigeninitiative und Kreativität hoch Begabter. Die "Salons" des 17. bis 19. Jahrhunderts dagegen suchten die Konkurrenz zwischen Einzelnen anzufeuern, aber auch zu steuern und im Staatsinteresse zu kontrollieren; hier trat mit der Zeit Lähmung durch Überfüllung ein. Renate Prochno bringt noch weitere Beispiele aus dem 18. bis 19. Jahrhundert, alle lebhaft und anschaulich geschildert und sorgfältig dokumentiert. Rühmenswert sind die präzisen, sprachmächtigen Bildbeschreibungen. Das Buch deckt vielleicht nicht alle Konkurrenzformen und Epochen ab, doch ein erstaunlich breites Spektrum. Ein großer Wurf!Der Autor ist Professor am FB Politikwissenschaft und Soziologie.

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