BERnHARD FLIEHERSALZBURG (SN). Wenn bei Rodney und Rebecca das Telefon läutet, herrscht Depression. Überhaupt ist die Stimmung nicht gut. "Geh nicht ran", sagt Rebecca. Sie weiß, dass es wieder jemand von Reeves Collection ist. Geld wollen die. 27.000 Dollar, verzinst mit 18 Prozent.
Rebecca und Rodney haben kein Geld. Sie haben Zwillinge, abgebrochene Studien, leben in Chicago, fretten sich durch. Rebecca produziert Duftmäuse, was kaum Geld bringt. Rodney wollte einst über musikalische Stimmungssysteme während der Reformationszeit dissertieren, war dafür lange in Deutschland, trat dort als Clavichord-Spieler auf und kaufte zu seinem 40. Geburtstag ein Clavichord bei "Early Music" in Edinburgh. Nur bezahlt hat er es nie zur Gänze. Und jetzt wird es eng mit Reeves Collection. Er beginnt zu spielen.
Pulitzerpreisträger Jeffrey Eugenides hat die Erzählung "Early Music" im Oktober 2005 im Magazin "The New Yorker" veröffentlicht. Für die Reihe "Dichter zu Gast" der Salzburger Festspiele entstand eine Übersetzung. Mit Peter Simonischek, der Teile davon las, gelang am Dienstag ein für Lesungen unüblich kurzweiliger Abend in der Großen Aula der Universität. Denn mit Eugenides und Simonischek lasen zwei Künstler, die einen Text zum Klingen bringen.
Diese "Early Music" klang nicht nur nach dem mathematisch fein ausgeklügelten, komplexen System der Musikstücke von Bach, Müthel oder Sweelinck, mit denen Wolfgang Brunner am Clavichord die Lesung begleitete. Der Klang dieser Musik, dieser Erzählung dreht sich auch um die romantische Vorstellung (und um deren Unmöglichkeit) etwas Bedeutsames festzuhalten, ein Früher in Gegenwart und Zukunft auszudehnen.
Die Forschung nach einem Früher, nach Momenten, die - womöglich - wert sind festgehalten zu werden, weil sie eine Art wahrhaftigen, zeitlosen Klang besitzen, treibt auch Thomas Demand an. Den deutschen Fotokünstler hat Eugenides in seiner Funktion als Kurator der Reihe "Dichter zu Gast" nach Salzburg eingeladen. Die beiden kennen einander aus Berlin. Thomas Demand sucht den Klang nicht in Buchstaben oder Noten, sondern in Fotoarbeiten. Dabei geht er einen ebenso aufregenden wie aufwändigen Weg. Er recherchiert die Geschichten hinter alltäglichen Bildern. Im besten Fall haben die Bilder mit Ereignissen zu tun, die vielen Menschen bekannt sind, denen eine kollektive Welterfahrung zu Grunde liegt. Demand stellt die Szenen der Fotos nach, indem er sie - meist in Originalgröße - aus Papier nachbaut. Dann werden die Modelle fotografiert. Diese Fotos, bisweilen ergänzt um Details, die auf dem Original fehlen, sind in einer Ausstellung zu sehen. Es gehe ihm um "jenen Punkt in der vergehenden Zeit, an dem sich Signifikantes ereignet und nur durch die Fotografie festgehalten werden kann".
Höchst amüsant erzählte er in einem Vortrag am Dienstagnachmittag in der "SalzburgKulisse" über seine Arbeit "Yellowcake", die während der Festspielzeit im "Haus für Mozart" zu sehen ist. Seine Recherchen brachten ihm außergewöhnliche Begegnungen in der Botschaft des Niger in Rom. Da trat Erstaunliches ein: "Die Simulation von Vorgängen wird so lange hin- und hergereicht, bis sie reale Auswirkungen hat", sagt Demand. "Yellowcake" basiert auf einem Bericht über einen - wie sich herausstellen sollte vom italienischen Geheimdienst erfundenen - Einbruch in der Botschaft des Niger. Danach tauchten gefälschte Botschaftspapiere auf, mit denen dem Irak Uranstaub ("Yellowcake") angeboten wurde. Aus diesen längst als Fälschung enttarnten Papieren bastelte die CIA an einem Angriffsgrund auf Bagdad. "Meine Arbeit ist Fake, die auf einem Fake basiert", sagt Demand. Und dennoch hat es Auswirkungen: Als er, bevor er die Arbeit heuer bei der Biennale in Venedig (bis 7. Juli) zeigte, noch einmal in der Botschaft des Niger vorsprach, war die Botschafterin von seiner Kunst-Geschichte gar nicht erfreut.









