Link: www.mumok.at

Wien - Chinesische Gegenwartskunst boomt. Wer irgendwie finanziell mitkann, zeigt die Stars, die gestern noch keine waren, oder eben chinesische Ware (entstanden von den 80er-Jahren bis heute), von der er hofft, einer der Auktionsgiganten wird sich demnächst schon ihrer annehmen, durch die firmeneigenen Netzwerke zum Aufbau von Ruhm und Preis schleusen und in der anschließenden Auktion ein Rekordergebnis einfahren. Ein paar Millionen Euro kann das bringen.
Die Großsammler chinesischer Zeitgenossenschaft, Guy und Miryam Ullens, eröffnen nächste Woche ihr privates Museum im Zentrum von Pekings Kulturbezirk. Gut 5000 Quadratmeter groß ist das Ullens Center for Contemporary Art (UCCA). Die Eröffnungsschau soll mit gut 1500 Exponaten bestückt werden.
In Wien versucht Edelbert Köb eben einen Einblick in die jüngere Generation. In Kooperation mit dem National Art Museum of China (Namoc) präsentiert das Mumok auf respektablen 2000 Quadratmetern einen Einblick in die aktuelle Kunst Chinas.
Über 200 Arbeiten, alle aus den letzten fünf Jahren, sollen eine jüngere Künstlergeneration repräsentieren und einen Einblick in die unüberschaubare ästhetische Vielfalt der Kunst des wirtschaftlich enorm aufstrebenden Landes geben. Edelbert Köb und Namoc-Direktor Fan Di'an wählten 27 Künstler aus, die alle in China leben und arbeiten. Alle begannen sich ab den 90er-Jahren an westlichen Einflüssen neu zu orientieren - bisweilen erscheint das vor allem anderen als marktstrategische Maßnahme. Gezeigt wird ein dem Westen verständliches und entgegenkommendes kritisches Bild der gesellschaftspolitischen Realität in China zwischen Kommunismus und Wirtschaftsliberalismus.
"Facing Reality" sprengt nicht nur die üblichen Dimensionen von Sonderausstellungen im Mumok, die Ausstellung greift mit zwei großen skulpturalen Arbeiten auch in den Außenraum des Museums ein. Auf der Mumok-Fassade bewegen sich überlebensgroße Figuren wie Aliens von Wang Janwei im Gleichschritt hinauf und hinunter. (Man erinnert sich, dass Erwin Wurm vor nicht allzu langer Zeit die Fassade des Museums als Kunstschauplatz eröffnet hat.)
Schwein mit Zweig
Auf dem Vorplatz des Museums verweist Chen Wenling's Skulptur eines riesigen Schweins, dem ein Pflaumenblütenzweig aus dem Rücken wächst, auf die Schau, in der vor allem "Realistisches" zu finden ist - mit Vorliebe grellbunt, von brachialem Humor und multimedialer Ausgelassenheit. Verweise auf die eigene Tradition, etwa jene der Landschaftsmalerei oder des sozialistischen Realismus finden sich verwoben in Animationen wieder, oder tauchen - digital verfremdet - in der Fotografie auf. Der beißende Zynismus der frühen Jahre ist einem forcierten Spieltrieb gewichen. Fang Lijun, Yue Minjun und Zhang Xiaogang gelten als wichtigste Vertreter einer Auffassung von Realismus, der Reibung zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen gesellschaftlicher Liberalisierung und politischer Ohnmacht in nahezu europäisch akademischer Malmanier thematisiert.
Yue Minjun's Stereotypen des grinsenden glatzköpfigen Chinesen sind ebenso wie die Familienporträts von Zhang Xiaogang und die kosmologischen Malereien von Fang Lijun zu Markenzeichen chinesischer Gegenwartskunst stilisiert worden. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2007)