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Kirche und Kunst: Wie der Hrdlicka-Skandal entstand

10.04.2008 | 18:57 | ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Schönborns „Bedauern“ über die Schau im Dommuseum ist ein Kniefall vor der ultrakonservativen christlichen Lobby in den USA.

Er hat Otto Muehls „Apokalypse“ mithilfe eines Kübels Farbe neuinterpretiert, gegen Nitsch demonstriert und eine Mozartstatue in Salzburg mit Federn beklebt. In der Hrdlicka-Ausstellung „Religion, Fleisch und Macht“ im Wiener Dommuseum aber hatte der heute 82-jährige „Pornojäger“ Martin Humer offenbar ein Saulus-Erlebnis. „Ich wurde von Freunden aus den USA gebeten, die Ausstellung anzusehen und ihnen darüber zu schreiben und zu ,schimpfen‘“, schreibt er in einem öffentlichen Brief, der der „Presse“ vorliegt. Doch statt „moderner Schweinigeleien“ habe er im Dommuseum „beeindruckt“ das Werk eines „ringenden Menschen“ gefunden, „der auch Christus finden wird, wenn ihn die ,Bravlinge‘ nicht zu sehr ,verteufeln‘“.

Die über 1000 Protestmails, die der Direktor des Wiener Dommuseums Bernhard Böhler seit Anfang April bekommen hat, sind weniger freundlich. Die Briefe gleichen sich im Wortlaut, in der englischen Version liest man etwa: „Schande über Sie! Ich finde, Sie sollten zurücktreten. Ich schreibe Ihnen aus Amerika, um Sie wissen zu lassen, dass sogar Katholiken jenseits des Atlantiks tief verletzt sind.“ Die Mails richten sich vor allem gegen ein Bild, das längst nicht mehr zu sehen ist. Acht Tage nach der Eröffnung der Schau hatte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn am Gründonnerstag ein Bild daraus entfernen lassen: die Radierung „Leonardos Abendmahl, restauriert von Pier Paolo Pasolini“. Sie zeigt Jesus und die Apostel bei einer schwulen Orgie.

Wie konnte ein winziges Wiener Museum eine so massive internationale Kampagne verursachen, dass internationale Zeitungen wie „El Pais“ oder „Il Giornale“ darüber berichten? Der Schlüssel dazu heißt TFP: Die „Aktion Österreich braucht Mariens Hilfe“, auf deren Website sich die deutsche Version des Protestmails findet, ist ein Ableger der rechts-christlichen „Amerikanischen Gesellschaft für Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum“ (www.tfp.org), diese bietet online eine englische Protestmailvorlage an. Gegründet wurde die TFP 1960 in Brasilien vom Historiker und Politiker Plinio Corrêa di Oliveira, sie vereinigte Industrielle und von der Enteignung bedrohte Großgrundbesitzer. 1985 wurde sie von der Brasilianischen Bischofskonferenz wegen Personenkults und Irrlehren verurteilt.


Die Kreuzfahrer von heute surfen

Eine weitere Rolle spielte die Internet-Plattform Gloria TV, ein katholisches YouTube, wo jeder Benutzer nach Belieben Kurzvideos hineinstellen kann. Seit 28.April präsentiert hier ein englischsprachiges Video detailfreudig die beanstandeten Bilder. Verbreitet wurden die Informationen über rechtschristliche Webseiten, im deutschsprachigen Raum vor allem über kreuz.net.

Aus Kreuzfahrern sind Kreuz-Surfer geworden, dank Kardinal Schönborn sind sie diesmal siegreich. Eigentlich, erfuhr die „Presse“ aus kirchlichen Kreisen, wollte der Kardinal anfangs der Kritik trotzen, mit der Begründung, die Kirche sei anders als der Islam. Wenig später ließ er das „Abendmahl“ abhängen – um schließlich am Donnerstag öffentlich sein „Bedauern“ auszudrücken. Dommuseum-Direktor Böhler, gestern noch gesprächsfreudig, schweigt mittlerweile; wie man hört, auf Weisung von oben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2008)


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