Erblicken, erkennen, Atmosphäre erspüren!

30. September 2009 | 12:35 | | Hedwig Kainberger
Durch die Kunst sei Salzburg “ein bisschen eine andere Stadt gewordene“, sagt Walter Smerling.
Hedwig Kainberger
Es begann im Furtwänglergarten mit Anselm Kiefers “A.E.I.O.U.“. Nun wird in der Domkrypta mit Christian Boltanskis “Vanitas“ der achte von zehn Meilensteinen errichtet. Über sein Befinden auf diesem zehnjährigen Weg befragten die SN den künstlerischen Leiter der Salzburg Foundation, Walter Smerling.

SN: Wie passt die unterirdische Domkrypta zu dem Konzept der Salzburg Foundation, Kunst auf öffentliche Plätze zu bringen?
Smerling: Die Krypta ist ein fast öffentlicher Ort, der bisher nicht zugänglich war. Unsere Allianz mit der Kirche hat ermöglicht, dass ein über Jahrzehnte verschlossener Raum wieder sichtbar gemacht wird. Das ist in dieser historisch gewachsenen Stadt ein besonderes Unterfangen. Zudem hat der Künstler, Christian Boltanski, auf diese Idee sofort positiv reagiert.

SN: Wie fügt sich die neue Kunst in den alten Kirchenraum?
Smerling: Das wird sehr spannend. Die katholische Kirche hat in der Geschichte eine große Rolle in der Förderung der Kunst gespielt. Sie war in den vergangenen Jahrhunderten ein bedeutender Auftraggeber für Künstler und hat oft auch deren wirtschaftliche Existenz gesichert. In diesem Fall drehen wir das etwas um: Hier fördert die Kunst die Kirche.

SN: Wie denn das?
Smerling: Die Kirche hat die finanziellen Mittel nicht mehr. Sie hat sich zwar die Freilegung der spätromanischen Krypta gewünscht, aber konnte sie nicht realisieren. Durch unser Ansinnen, dafür einen Künstler zu suchen und dessen Kunstwerk zu finanzieren, kam der Anstoß zur Sanierung der Krypta. Wir fanden einen privaten Sponsor, der für die Sanierung den Viertelanteil der Kirche finanziert. Und wir sind dankbar, dass Land und Stadt Salzburg und das Bundesdenkmalamt mitwirken.

SN: Wieso ein Werk Christian Boltanskis?
Smerling: Christian Boltanskis hat sich mit Geschichte sowie mit existenziellen Fragen unserer Herkunft, unseres Daseins und der Vergänglichkeit auseinandergesetzt hat. Er hat dies bereits in vielen Kunstwerken gezeigt, und er wird es im Jänner und Februar 2010 im Grand Palais im Paris darlegen. Er stellt manch unangenehme Fragen über Leben und Tod. Die beantwortet er zwar nicht, aber er rüttelt auf, darüber nachzudenken.

Seine Ausstellungen wie demnächst jene in Paris oder New York sowie seine Auszeichnungen wie der “Praemium Imperiale“ von 2006 zeigen den Stellenwert dieses französischen Künstlers, dessen Ruhm von Jahr zu Jahr zunimmt. In Salzburg darf Christian Boltanski bei diesem sakralen Thema in der Krypta nicht fehlen.

SN: Erstmals ist die Credit Suisse heuer nicht Hauptsponsor des “Kunstprojekts Salzburg“. Warum?
Smerling: Das Aussteigen der Credit Suisse ist mir unverständlich. Alle bisher beteiligten in der Credit Suisse haben dieses Projekt euphorisch verkündet. Ich kann nicht nachvollziehen, warum sie jetzt auf der Zielgeraden aussteigt.

Nach wie vor ist die Credit Suisse ein erfolgreiches Unternehmen. Wir warten bis heute auf eine nachvollziehbare Antwort.

SN: Sie betreuen jetzt acht Jahre das “Kunstprojekt Salzburg“. Was hat dies Ihrer Einschätzung in Salzburg bewirkt?
Smerling: Die Wahrnehmung von Kunst hat sich gewandelt. Beispiel Makartplatz: Wo Tony Craggs “Caldera“ steht, sind mehr Menschen denn je, die einander treffen, das Kunstwerk betrachten und darüber reden. Das zeigt, dass etwas wahrgenommen wird. Oder: Tausende Fotos von Stephan Balkenhols “Sphaera“ auf dem Kapitelplatz belegen, dass sich neue Blicke aufgetan haben.

Nicht nur das Interesse, auch die Unruhe ist gewachsen. Es gibt mehr Auseinandersetzungen als früher, Für und Wider zeitgenössischer Kunst werden öfter angesprochen. Mit Markus Lüpertz’ Skulptur steht vor der Markuskirche ein Objekt, das die Streitkultur in Salzburg entwickelt hat.

Durch Kunst im öffentlichen Raum ist die Stadt ein bisschen eine andere geworden.

SN: Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung die Wahrnehmung nicht nur in, sondern von Salzburg geändert?
Smerling: Früher redete man über die Stadt der Musik, der barocken Architektur, der wunderbaren Landschaft, der Festspiele. In diesen Dimensionen gilt Salzburg längst als Weltstadt. Doch seit einigen Jahren werde ich immer öfter auf den “Walk of Modern Art“ angesprochen. Vor allem das Kiefer-Haus ist fester Bestandteil der Salzburger Kulturszene geworden, die ein internationales Publikum anzieht, das sich für bildende Kunst interessiert.

SN: Sie schildern jetzt nur Positives. Im vorigen Sommer haben Sie die Umgebung des Kiefer-Hauses – parkende Autos, Volkskultur-Engel und Gastgartentische – kritisiert. Sie sagten im SN-Interview: “Ich bin entsetzt! Das ist die Diktatur der Unsensiblen und der Kulturbanausen.“

Smerling: Die Hoffnung ist der Triumph über die Erfahrung. Und ich hoffe auf die Wirkung der Kunst. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Hoffnung nicht unberechtigt ist: das zunehmende Interesse an Führungen zu den Kunstwerken, die nicht endenden Diskussionen.

Zu meinen Erfahrungen mit dem Kiefer-Haus: Es geht nicht darum, dass wir von der Salzburg Foundation intolerant gegenüber der Wünsche der Salzburger wären. Vielmehr geht es um eine würdevolle Behandlung des Werkes. Und die hat im Fall von Anselm Kiefers “A.E.I.O.U.“ aus meiner Sicht in diesem Sommer nicht gegeben.

Ich finde die Vermischung von Kunst und Gastgarten nicht in Ordnung. Denn Kunst sehen bedeutet: Erblicken, geistig erkennen, genau hinschauen, Atmosphäre erfühlen! Für diese Art von Wahrnehmen muss man auch Voraussetzungen schaffen. Die sind jedenfalls nicht gegeben, wenn man ein Kunstwerk mit Bierschaum umgibt.

SN: Also sind Sie doch entsetzt über die Salzburger Borniertheit?
Smerling: Nein. Für Kunst braucht man einen langen, langen Atem. Kunst funktioniert nicht wie ein Automat, in den Sie oben etwas reinschmeißen und unten ein Stück Erfahrung herausziehen.

Außerdem: Die Tatsache, dass das Kiefer-Haus versetzt wurde, weil sich über 100 Salzburger in einer Bürgerinitaitive dahintergestellt haben und gesagt haben: “Wir spenden etwas, wir tun etwas, um dieses Kunstwerk zu erhalten“, war schon erfreulich. Ich will nicht alles schönreden, aber insgesamt sehe ich das positiv.

SN: Was planen Sie für nächstes Jahr?
Smerling: Ein neuntes Kunstwerk für den “Walk of Modern Art“. Welchen Künstler wir einladen, wird der Vorstand der Salzburg Foundation im Herbst beschließen.

Zudem werden wir im Sommer 2010 – also temporär – Skulpturen von Bernar Venet auf dem Krauthügel aufstellen (siehe Kasten). Erzabt Bruno Becker von St. Peter hat dies vor Kurzem genehmigt.

SN: Und danach?
Smerling: Unser Rahmen sind zehn Jahre. Dieses Konzept haben wir mit “Vanitas“ zu 80 Prozent realisiert. Zusätzlich zu den zehn Kunstwerken gibt es noch die Vision der “Art box“. Das wäre ein Kubus mit etwa 1000 Quadratmetern neben dem Museum der Moderne auf dem Mönchsberg.

Dort würden drei bis fünf Schlüsselwerke von jedem der zehn Künstler des “Walk of Modern Art“ als Dauerleihgaben präsentiert. Einen Sponsor dafür ist gibt es, aber über Genehmigung und Konzeption dieses Baus sind wir noch in Gesprächen. Bis Mai 2010 müsste klar sein, ob es gelingen wird.

Stahlskulpturen auf dem Krauthügel

Auf der Wiese um das Henkerhäuschen im Nonntal sollen ab Pfingsten 2010 einige Wochen lang sechs bis zwölf Stahlskulpturen des französischen Künstlers Bernar Venet aufgestellt werden, allerdings nicht dauerhaft, sondern temporär. Initiator ist die Salzburg Foundation und deren künstlerischer Leiter Walter Smerling. Die Finanzierung des Projekts ist durch einen Mäzen gesichert.

Bernar Venet, geboren 1941, stammt aus Château-Arnoux in Südfrankreich. Er lebt in New York sowie in Le Muy in Südfrankreich. Er unterrichtete Kunsttheorie an der Sorbonne in Paris, komponierte Musik und produzierte Filme. Seit seinem Studium an der Schule für gestaltende Kunst in Nizza ist er bildender Künstler, hat sich allerdings auch mit Bühnenbild und Ballett befasst. Er nahm an der “documenta 6“ (1977) in Kassel und der Biennale Venedig (1978) teil. Obwohl er auch in Malerei, Zeichnung, Design und Fotografie versiert ist, wird er vor allem als Bildhauer wahrgenommen. Seit den Achtzigerjahren schafft er imposante Skulpturen aus Stahl, einige davon waren heuer während des Sommers in Venedig. Sie würden nächstes Jahr in Salzburg zu sehen sein. Bernar Venet wurde mehrmals mit Skulpturen auf öffentlichen Plätzen beauftragt, etwa in Köln (1999), Paris (am Triumphbogen, 2002), Nizza und Luxemburg (2003) sowie New York (2004).

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