Kunstforum der Bank Austria: Werke von Karel Appel
Von Cobra und Art brut zum mystischen Wasser
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Die große Werkschau des heute über 80-jährigen Karel Appel
bringt berühmte Frühwerke eines der Hauptvertreter der Gruppe Cobra nach
Österreich und zeigt auch das zum Teil ungeheuer aktuelle Alterswerk eines
Malers, den Direktorin Ingried Brugger zu Recht den Jüngsten unter den
Alten (Wilden) bezeichnet. Bis 13. Oktober sind die monumentalen Formate
aus sechs Jahrzehnten und zahlreiche bunte Skulpturen in einer lockeren,
angenehmen Aufteilung verteilt worden; sympathisch gehängt, nicht
vollgeräumt und auch nicht langweilig geordnet. Spannend macht sich
gerade der Vergleich des frühen expressiven und der Art brut stark
verbundenen Werks mit den späten Akten oder Landschaften wie einer
wunderbaren Ansicht eines Heiligtums in den Japanischen Alpen. Das
schattenhafte Schwarz im Kontrast zu wenigen Buntfarben, Grau und Weiß
zeigt die Verbindungen, die es zwischen den wilden Malern verschiedener
Generationen und Länder gibt: Hier taucht gedanklich manche Komposition
von Lüpertz als Vergleich auf; manchmal spürt man auch, dass Baselitz
Annährungen suchte und in Österreich ist vor allem Peter Pongratz durch
seine Interpretation der Kinder- und Geisteskrankenkunst ein Verwandter
des 1921 in Amsterdam geborenen Appel, der mit Corneille, Constant,
Volvekamp u. a. 1948 schon die Gruppe Cobra (nach den Hauptstädten
Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam benannt) gründete. Picasso und
Mondrian sollten als Klassiker überwunden werden, die Merkmale der
absoluten Avantgarde waren daher jene neuen Orientierungen, aber auch
chaotischer Duktus, pastoser Malauftrag, Emotionalität und Experiment: Die
ersten "Wilden" wurden natürlich auch durch die Kunst der Naturvölker
außerhalb Europas inspiriert. 1950 zog Appel nach Paris; es gab
Ausstellungen mit Pollock, de Kooning, Dubuffet, Wols und Hartung, die in
Amerika, Frankreich und Deutschland ähnlich neue Positionen bezogen.
Musik, vor allem Jazz, gibt weitere Impulse, aus den USA kommt die
Pop-Kultur dazu, Alltagsgegenstände werden verwoben, Ginsbergs
Bildgedichte spielen eine weitere Rolle. Der Documenta-Beiträger
arbeitete auch für Filme, machte Wandgestaltungen und Ballette; seit 1990
ist die Skulptur wieder einmal vorrangig geworden, aber immer wieder kehrt
die wilde Pranke der Malerei zurück, nur eine Phase brachte in den
siebziger Jahren eine Art Beruhigung und die späteren Werke haben auch
zuweilen eine mystische Stille trotz der spontanen Grundstruktur - so auch
in den "Horses" von 1997. Akte wie abstrakte strichbetonte Anschauungen
der Natur beweisen eine gleichrangige Aufnahme des Spirituellen, denn
Appels Motto lautet: "Kunst ist die Verinnerlichung des Allmächtigen auf
dieser Erde." Parallel zur Ausstellung zeigt auch Appels Wiener
Stammgalerie Ulysses zahlreiche Werke aus dem Jahr 2002 auf meist weißem
Grund unter dem Titel "Mutation in Motion".
Erschienen am: 27.09.2002 |
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