MAK-Ausstellungshalle: Zaha Hadid
Radikale Perspektiven -neue Techniken -gebaute Utopien
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Sie ist seit den achtziger Jahren internationale
Stararchitektin mit dem Image eines Pop-Stars: Zaha Hadid, geboren 1950 in
Bagdad, Studium in London an der renommierten Architectural Association,
an der sie vor ihren Lehrstühlen in Harvard, Chicago und Wien auch
unterrichtete. Nach Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas und Elia Zenghelis hat
sie seit 1979 auch ihr eigenes Büro parallel zu anderen Aktivitäten.
Ehemals als Zeichnerin und Entwerferin bekannt und für
Ausstellungsarchitekturen beliebt, gelang ihr mit dem Bau der "Feuerwache"
im Vitra Desig-Center in Wheil/Rhein 1993 auch in der Praxis der
Durchbruch. Mittlerweile ist sie von der Planerin vorzugsweise utopisch
geltender Projekte zur ausführenden Architektin geworden. Von den großen
Komplexen zeigt das MAK in seiner Schau "Zaha Hadid. Architektur" bis 17.
August das Science Center Wolfsburg (in Bau), das Zentralgebäude von BMW
für Leipzig, die 2002 fertig gestellte Bergisel-Schanze in Innsbruck, das
Rosenthal Center for Contemporary Art in Cincinnati, Ohio, den
Straßenbahn-Terminus Hoenheim in Straßburg u. v. a. Doch nicht nur
Modelle und Planskizzen, sondern auch "Major Paintings" machen die
planerischen Repräsentationsformen dieser Architektur aus,
multiperspektivische Projekte, die mittels Computer erstellt werden und
mit Licht und Schatten wie mit der Farbverteilung ausgeklügelt spielen.
Die langsame Genese von utopisch anmutenden (zuweilen kristallinen, aber
auch organisch abgerundeten) Entwürfen bis zur ersten Konkretisierung im
Modell und dann die großen Fotos der Ausführung bzw. der fertigen Bauten,
können in eigens angepassten, meist in Schrägen und Überhängen
verlaufenden Einbauten nachvollzogen werden; eine verwirrende Enge dieser
diagonalen Fluchten (Schluchten sozusagen) lässt zwar die Dynamik dieser
Vorgangsweise erkennen, allerdings wäre es noch besser mit weniger
Anhäufung von Projekten gelungen: So entsteht der Eindruck, dass wie in
einer Retrospektive auch jeder Wettbewerb gezeigt werden soll. Im
Mittelpunkt steht das Raumexperiment "Ice-Storm", das natürlich sofort an
die romantischen, gescheiterten Eiswelten eines berühmten
Caspar-David-Friedrich-Gemäldes gemahnt, dabei sind aber die Ecken dieser
Kunststoffwohnwelt aus 8 Tonnen, 7 Meter Höhe und 300 Quadratmeter Fläche
raumschiffartig abgerundet, Rudolf Steiner, Hermann Finsterlin, Bruno
Taut, die sechziger Jahre mit Archigram u. a. sind ebenso in diese
Wohnhöhlen integriert, die Platz für kleine Schaufenster mit Kaffeeservice
oder Filmleinwände mit Bühneninszenierungen der Künstlerin und ein Bett
neben vielen, eher unbequemen Sitzen bieten. Trotz Radikalität und
bahnbrechende Erweiterung sind die Utopien der Sechziger nicht weit,
selbst Kieslers "Endless House" kommt in Erinnerung. Wir sind noch nicht
so viel weitergekommen, auch wenn Zaha Hadid vieles aufgebrochen hat und
scheinbar unmögliche Kombinationen in Form und Materialien möglich macht -
als Teppiche kommt bei ihren Bildern aber wieder die Ästhetik des
Bauhauses und die Nachkriegszeit in den Sinn. Trotzdem ist die Architektin
ohne Zweifel die derzeit interessanteste Vernetzerin von Hybridisierung
wie wir sie seit den manieristischen Kunstströmungen kennen (auch
Cambiaso, Vignola, Piranesi oder Athanasius Kircher tauchen da im
Gedächtnis auf). Selbst ihr Katalog (im Hatje Cantz Verlag) muss schräg
sein: die rechte Kante fällt von oben nach unten ab wie die künstlichen
Risse und Stürze von Bauteilen eines Giulio Romano.
Erschienen am: 15.07.2003 |
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