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KunstHausWien: Bernhards Österreich, Hundertwassers Paradiese - Fotografien von Erika Schmied

Das Paradies und das Auge Gottes

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Der eine war so etwas wie ein berüchtigter Gewohnheitsraunzer, der seine österreichische "Heimat" fortwährend verbal . . . pardon: anzuka . . . äh: anzukoten pflegte, also sein Nest beschmutzte (und sich dabei kein Blatt Klopapier vor den Mund nahm), der andere ging, nebenbei bemerkt, auf die selbstgebastelte, streng ökologische Humustoilette. Ja, darf man die Köpfe von den zweien überhaupt auf ein gemeinsames Plakat geben? Wieland Schmied: "Hat mich erinnert an den alten Doppeladler."
Wie auch immer: Die dazugehörige Ausstellung im KunstHausWien (bis 31. August) heißt jedenfalls "Bernhards Österreich, Hundertwassers Paradiese". Nach den stimmungsvoll unaufdringlichen Fotoserien von Erika Schmied.
Thomas Bernhard ("Da kann man nichts machen. Sie kriegen einen Namen, der heißt Thomas Bernhard, und den haben sie lebenslänglich") und Fritz Stowasser, selbsternannter Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, sind sich zwar irgendwann persönlich über den Weg gerannt, waren sich aber anscheinend nicht ganz geheuer. "Hundertwasser war leider auch ein Ignorant, d. h. er hat wenig gelesen." Das kam jetzt aus dem Mund von Wieland Schmied, der für den bei Knesebeck erschienenen Fotoband "Hundertwassers Paradiese" den Essay verfasst hat und dem gegenüber der "Kapitän Regentag", der halt den gedruckten Thomas Bernhard einfach nicht zur Kenntnis genommen hat, bekannt haben soll: "Du, dein Freund ist kein sehr tiefer Mensch." Ein kaum zu verzeihender Lapsus. Gut, Bernhard hat sich selbst und sein Werk ja zum Beispiel auch als sehr (oder zumindest relativ) lustig eingestuft: "Wenn mir fad ist, oder es ist irgendwie eine tragische Periode, schlag' ich ein eigenes Buch von mir auf, das bringt mich noch am ehesten zum Lachen."
So, jetzt kommt einmal der Paradiesgärtner Hundertwasser dran ("Das Paradies ist ja da, wir machen es nur kaputt"), der in seinem Leben Anstrengungen fast wie am dritten Tag der Schöpfung unternommen hat, nämlich mehr als 150.000 Bäume gepflanzt und sich den Salat selbst ausgestochen hat: Der hat seine Paradiese, von denen er meist mehrere gleichzeitig besaß, immer ziemlich gut vor der Öffentlichkeit versteckt. Und sich selbst dort drinnen irgendwo quasi dick in die Natur eingewickelt, die er ins Kraut schießen hat lassen und wo seine Häuschen wild von der Botanik umwuchert waren. Es hat meist nicht mehr viel gefehlt und man hätte sich mit dem Buschmesser einen Pfad zu seinen Domizilen schlagen müssen.

Erika Schmied auf Hundertwassers Spuren

Erika Schmied hat sich trotzdem wie Indiana Jones oder Rambo, freilich nur mit einem Fotoapparat bewaffnet, durch den Dschungel gekämpft. Und atmosphärestarke Beweise geliefert, dass der "Gegenspieler des rechten Winkels und der Eintönigkeit", der sozusagen bei der Knusperhexe Architektur studiert hat, selbst in keinen verspielten Knusperhäuschen gewohnt hat. Sondern vorsintflutlich, also ohne Wasseranschluss. Und wie vor Edison hat er gelebt, folglich ohne Glühbirnen. Überhaupt ohne Strom.
Etwa in seinem ersten Gemäuer (1957 von seinem ersten regelmäßigen Geld als Künstler erworben), der "La Picaudiere", einem alten Bauernhof am Rande der Normandie ("Maler sein ist kein Hungerleiderberuf, man kann sich davon ein Haus kaufen"). Und wenn seine Nachbarn mitbekamen, dass er wieder im Lande war, wieder in Hörweite, lauerten sie ihm mit ihren hungrigen Motorsägen auf, ließen sie in der Ferne provokant und zur Rodung entschlossen aufheulen, auf dass der Hundertwasser herbeigesaust käme, um den Bäumen durch "Lösegeldzahlungen" das Leben zu retten. Das hieß "Naturfreikauf".
Und obwohl Hundertwasser, als die Fotos entstanden sind, bereits tot war (er starb im Februar 2000 im Pazifik, an Bord der "Queen Elizabeth 2" - Wieland Schmied: "Eigentlich ein schöner Tod, aber man könnte sagen: Ein schöner Tod, aber hätte auch zehn Jahre später sein können"), ist seine Aura doch überall anwesend: Der Arbeitstisch in der Normandie ist noch gedeckt, in der Hahnsäge im Kamptal im Waldviertel stehen die Kaffeehäferln herum, im Garten Eden (nein, nicht im originalen aus der Bibel, sondern in jenem Eden in Venedig, das von einem gewissen Frederic Eden angelegt wurde) steht die Tür vom Gärtnerhaus offen. Und das mehr oder weniger stille Örtchen in der Picaudiere sieht aus, als hätte Hundertwasser sich gerade erst erhoben. Von seiner Humustoilette (ein Topf mit einer Art Klobrille und der Aufschrift "Kulturpolitik" - und da, um es häuslfraulich auszudrücken, schiss er offenbar drauf). Denn wie "romantisch spartanisch" sein Wohnstil auch gewesen sein mag und wie sehr er auch den Versuchungen der Zivilisation widerstanden hat (dem Lichtschalter und dem Wasserhahn), wenigstens das Klo war innen. Und wachsen kann man ihn heute noch sehen: "wiederauferstanden" als Tulpenbaum (der aus seinem Grab in seinem 190-Hektar-Dschungel in Neuseeland wächst und den er von unten her düngt). So sehr Naturbursch war er nicht einmal zu seinen Lebzeiten. Hundertwasser (prophetisch): "Ich freue mich schon darauf, selbst zu Humus zu werden."
Dass die, die nicht mehr sind, dennoch noch daheim sind, diesen Eindruck zu erwecken, gelingt Erika Schmied auch in ihrer Bernhard-Serie. Das liegt wohl auch am Schwarzweiß. Da sieht das Licht gleich viel mystischer aus. Wenn es zum Beispiel in die Krankenhausgänge und Sanatorien fällt, wo der Dichter versuchte, von einer Rippenfellentzündung zu genesen, sich aber stattdessen bei den andern Patienten mit Tbc infizierte. Auch das Arbeitsamt in der Schießstattstraße 4 in Salzburg hat Erika Schmied in der echten Geografie aufgetrieben, wo Bernhard dereinst plötzlich eingekehrt ist, als er wie Rotkäppchen, aber in völliger Eigenregie vom Weg abkam (konkret: vom Schulweg ins Gymnasium) und dann zwar nicht vom bösen Wolf gefressen wurde, aber immerhin vom "Keller" (dem Lebensmittelgeschäft des Karl Podlaha).

Suche nach Bernhards Originalschauplätzen

Die Fotografin hat eben die Schauplätze von Bernhards autobiografischen und sonstigen Büchern in der Realität gesucht ". . . und habe immer alles gefunden, ob's ne Kiesgrube war oder was auch immer". Sogar das "Auge Gottes", das Lokal, wo "Die Billigesser" speisen. Erika Schmied: "Ich hab' gedacht: Das is sicher erfunden." Aber nein, es lockt den Gaumen in der Nussdorfer Straße im Neunten. Und voller Scham muss ich zugeben, dass mir, als gebürtig patriotischer Kärntnerin, die Mühle am Fuß jenes Hügels, auf dem die Burg Hochosterwitz nur so vor Uneinnehmbarkeit strotzt, zuvor nie aufgefallen ist. Und das, obwohl ich mindestens 528-mal (oder so) unerschrocken und von den 14 hundsgemeinen Toren unbehelligt hochgestiegen bin und dann im Hof der uneinnehmbaren Burg meinen Triumph mit einer Brettljause gefeiert habe. (Bernhard nennt die Burg Hochosterwitz allerdings, etwas verstörend, "Hochgobernitz". Naja, der Roman heißt ja "Verstörung".)

Erschienen am: 20.08.2003

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bullet KunstHausWien: Bernhards Österreich, Hundertwassers Paradiese - Fotografien von Erika Schmied

bullet MAK: Messe für zeitgenössische Kunst

bullet Secession: Mary Heilmann, N. Brunner und M. Ziegler

bullet Festival "Der Neue Heimatfilm"

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