Salzburger Nachrichten am 27. Juli 2005 - Bereich: kultur
Hau drauf,Lockvogel

Willkommen in der Menasse-Show: Plädoyer für eine Rede zu den Festspielen als unverzichtbares Unterhaltungs- und Provokationsinstrument.

BERNHARD FLIEHERSALZBURG (SN). "Kulturen aber, als Ornamente, als schöne Hinnahme dessen, was ist, bedeutet nichts, es dockt nur überall an." Robert Menasse hat bei den Festspielen angedockt. Nicht ganz. Aber doch. Er muss halt durch die Hintertür eines marketingstrategisch großen Coups von Museumschefin Agnes Husslein. Er zieht ein durch das Spalier der Fotografen und Klatscher als Triumphator an Hussleins Seite. Wir sind Lockvögel, Baby!

PRO Der Redner müsse, so Peter Sloterdijk im Jahr 2001 in Salzburg, als es noch eine Festspielrede gab, einen "fairen Anteil an der Lächerlichkeit übernehmen", die "den überlieferten Denkweisen anhaftet". Der Redner ist Teil des Spektakels. Er steht in der Reihe der Verkäufer und hofft, die Schlange vor seinem Standl an Ideen, Weltsichten und Verschränkungen ist die längste. Also verkauft Menasse, was er seit langem anzubieten hat.

Er poltert gegen die Aufkündigung eines gesellschaftlichen Konsenses an, der aus den Krisen des 20. Jahrhunderts geboren wurde, um "für wachsende Gerechtigkeit bei der Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums zu sorgen". Die Schuldigen? Selbstsüchtige Unternehmer und eine vor ihnen in Ohnmacht erstarrende Politik. Er polemisiert gegen die EU. Er schlendert durch das Klischee der satten Festspiel-Society. Er geißelt die "Verblendung", dass gerade jene, "die wirtschaftlich von Kunst unmittelbar profitieren, sich immer wieder als kunst- und geistfeindlich erweisen". Zigfach gehört? In der Argumentation nicht immer schlüssig? Ja und? Wer auf dem politischen Parkett erfindet sich denn nicht sein Weltbild zu Recht? Die Show sind wir, Baby! Er rechnet (zu Gunsten seiner Sicht der Dinge) die Umwegrentabilität der Festspiele gegen fehlendes Geld bei den Unis auf. Alles hängt zusammen. Ohne Kultur kein Leben, und weil alles Kultur ist: Ohne Kultur nichts. "It's all one song", sagt Neil Young. Wo - wie bei Festspielen - Selbstdarstellung statt Selbstreflexion stattfinde, könne dieser Blick aufs Ganze nicht erfolgen. Eine erlösende Wahrheit ist das nicht.

Aber wer hätte die erwartet? Wer hierher kommt, will - ebenso wie die, die anderswo zuhören - freigesprochen werden, von der Last selbst nachdenken zu müssen. So ereignete sich die Menasse-Show. Seine Rede erfüllt jenen Sinn, der den Rede-Verhinderern abhanden gekommen ist. Sie provoziert, schießt übers Ziel, legt Wunden offen. Sie entlässt uns nicht einfach. Als Existenzberechtigung liegt ihr zu Grunde, dass sie - wenn auch Teil des großen Spektakels - von ihren Konsumenten nicht so leicht wie Oper, Theater oder ein Popsong zur bloßen Unterhaltung, zum schön anzuhörenden Ornament degradiert werden kann.