Salzburger Nachrichten am 22. Juli 2006 - Bereich: Kultur
Wenn die Bühne Kunst wird

Mit dem zweiten Teil der Ausstellungstrilogie "Les grands spectacles" bespielt in diesem Sommer das Museum der Moderne seine Räume auf dem Mönchsberg.

karl harbsalzburg (SN). Als Agnes Husslein für das neue Museum der Moderne auf dem Mönchsberg eine Trilogie von Festspielausstellungen mit dem Titel "Les grands spectacles" andachte, durfte man sich angesichts der Umtriebigkeit der ehemaligen Direktorin zunächst erwarten, dass dieser Zyklus seinem Namen Ehre machen würde. Despektierlich ausgedrückt: Kunst als theatralisches Rambazamba. Schon die Kuratoren Margrit Brehm und Roberto Ohrt unterliefen 2005 mit einem labyrinthisch-vielschichtigen Konzept zum Thema Kunst und Massenkultur allfällige eventmäßige Erwartungshaltungen.

Hussleins Nachfolger Toni Stooss hat nun den "Spektakel"-Titel übernommen, aber mit den Kuratorinnen Eleonore Louis und Elisabeth Kamenicek ein völlig eigenständiges Konzept entworfen. Die Sommerausstellung, die heute, Samstag, eröffnet wird, konzentriert sich auf das etwas vage formulierte Motto "Kunst auf der Bühne".

Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart wird dabei an Hand ei-ner materialreichen Fülle an Bil-dern, Grafiken, Fotos, Skulpturen, (hauptsächlich dokumentarischen) Videos, Bühnenmodellen und gefilmten Aufführungen zu zeigen versucht, wie sich im Laufe des Jahrhunderts bildende Künstler den Raum der Bühne eroberten.

Die Avantgarde wollte die illustrierende Bildwelt des 19. Jahrhunderts verlassen und sowohl den Theater- wie den Bühnenraum revolutionieren. Der Guckkasten wurde obsolet, der Raum "dynamisiert", mit neuen Medien wie Film oder Projektionen in seinen Dimensionen erweitert. Kühne Entwürfe für "Raumbühnen" sprengten vielfach die herkömmlichen Vorstellungen, abstrakte Szenerien lösten naturalistische Illusionshaltungen ab.

Als die Körperkunst auf der Bühne Einzug hielt Mit diesem Aufbrechen starrer Formen und Gegebenheiten ging Hand in Hand die Entwicklung einer "körperlich" definierten Darstellungskunst. Folgerichtig wird dem modernen Ausdruckstanz viel Raum gegeben, der sich mit den choreografischen Revolutionen der Ballets russes in Paris (Serge Diaghilev) entwickelt. Die Künstler des Bauhauses waren experimentelle Vorreiter für die Grenzüberschreitungen von Theater und Kunst, Bühne und Raum. Das Marionettenspiel wurde essenziell zur neuen "erweiterten" Kunstform. Neue technische Möglichkeiten eröffneten auch für Künstler neue Perspektiven.

Die dritte Ebene der enzyklopädisch wirkenden Ausstellung ist in der Hauptsache den Salzburger Festspielen und speziell den Versuchen gewidmet, hervorragende Künstlerpersönlichkeiten für die Bühne zu gewinnen. Dokumentiert sind - zum Teil mit noch nie gezeigtem Material - Wotrubas Sophokles-Architekturen, Jean Tinguelys Maschinerien für den barocken "Cenodoxus", Roberto Longo und sein "Lucio Silla", Immendorffs "Rake's Progress".

Reizvoll ist die Zusammenschau von Oskar Kokoschkas Bühnen- und Kostümentwürfen zu Mozarts "Zauberflöte" von 1955 und Karel Appels bunter "Zauberflöten"-Welt, wie sie der vor kurzem 85-jährig verstorbene "Cobra"-Maler 1995 für Amsterdam ersonnen hat. Sie wird in diesem Sommer für eine Neuinszenierung im Großen Festspielhaus wiederbelebt.

Gerade dieser additiv zusammengestellte Teil der Ausstellung macht besonders deutlich, dass es den Kuratorinnen und Gestaltern nicht darum gegangen ist, spektakulär aufzutrumpfen, sondern eher auf die "stillen Sensationen" zu achten. Die Schau kommt souverän und ruhig daher, sie mag auf den ersten Blick sogar etwas akademisch oder blutleer wirken in der kleingliedrigen Raumabfolge wie in der Unaufgeregtheit und Ruhe der Hängung und Stellung.

Blickfänge für das Außergewöhnliche muss man eher suchen, als dass sie ins Auge sprängen. Man findet sie beispielsweise in raren Tanz- und Tänzerstudien, die aus dem (viel zu unbekannten) Salzburger Derra de Moroda Dance Archive ans Licht des Museums gekommen sind, in den Darstellungen derRaum- und Theaterarchitekturen Friedrich Kieslers, in den Marionetten von dem Österreicher Richard Teschner oder dem Schweizer Otto Morach aus dem Umkreis des Bauhauses oder in einem herrlich verspielten Video von Alexander Calder. Der Meister der Mobiles baute 1961 entzückend poetisch, hinreißend beweglich "Calder's Circus" auf und spielt verschmitzt das Kind im Manne. Diese 19 kostbaren Minuten sollte man sich nicht entgehen lassen.

Schlingensief hält sich noch bedeckt Fürs titelgemäß angesagte Spektakel könnten in ein paar Tagen ohnedies Christoph Schlingensief und William Kentridge sorgen, deren Räume sich derzeit noch im Aufbau befinden.

Schlingensief dreht noch in Salzburg Festspielszenen für seinen "Animatographen" und ließ sich am Freitag zur Pressebesichtigung wegen Unpässlichkeit entschuldigen. Und wer die Animationsfilme des Südafrikaners William Kentridge aus seinen Puppen-, Theater- oder Opernaufführungen (Mozarts "Zauberflöte" in Brüssel) schon kennt, wird von seiner "chambre noir" ab 27. Juli sicherlich eine animierende Installation mit geheimnisvoller Magie erwarten dürfen. Da kann man dann vielleicht etwas Aktionismus tanken - für den Sturm nach der Ruhe sozusagen.Kunst auf der Bühne. Les grands spectacles II. Museum der Moderne, Mönchsberg, 22. Juli bis 8. Oktober. Tgl. 10-18 Uhr, Mi. 10-21 Uhr. www.museumdermoderne.at