
Der Moment, in dem rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten daheim ist, wurde bereits erreicht. In 50 Jahren wird laut UNO-Experten der Anteil der Stadtbewohner auf 75 Prozent gestiegen sein. Jetzt, so Burdett, sei es hoch an der Zeit, sich Strategien für die Zügelung und Strukturierung dieses Mega-Wachstums zu überlegen, um die Städte der Zukunft menschengerecht wachsen zu lassen.
Der österreichische
Biennale-Beitrag wird von Wolf D. Prix als Kommissär präsentiert. Der
Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au findet das Thema zeitgerecht und
treffend - doch er weiß auch, dass er mit der von ihm gewählten
Befüllung des Hoffmann-Pavillons durchaus kontroversielle Debatten
auslösen könnte. Doch das ist ihm nur recht so.
STANDARD: Was kann die Architektur eine Miniaturlandes
wie Österreich zu einer Weltausstellung der Architektur beitragen, die
sich mit Stadträumen und Bewohnermassen von bis zu 35 Millionen
Einwohnern wie im Falle des Großraums Tokio befasst?
Wolf D. Prix: Ich untersuche schon seit Langem, was das
Spezifische am österreichischen Architekturdenken sein könnte, also
worin wir uns von anderen Architekturebenen in anderen Ländern
unterscheiden. Ich denke, dass man durchaus mit ironischer Kritik an
die doch sehr technologischen oder soziologischen Aspekte der
Burdett-Überlegungen herangehen kann, und da lag der Schluss nahe, dass
wir diesmal keine Architektenpräsentation machen, sondern einen
Themenpavillon. Der befasst sich mit der Stadt, und er heißt auch so:
Stadt ist - Raum - Form - Netz.
STANDARD: Wie machen Sie das in Venedig dingfest?
Prix: Die Stadt ist nicht als Unikat oder fertiges Stück
zu sehen, sie ist vielmehr ein prozesshafter, komplexer, sich
ununterbrochen wandelnder Vorgang. Das hat etwas mit der Form zu tun
und mit dem Raum - und das Verbindende und Entscheidende ist das Netz.
STANDARD: Der Pavillon wird von drei Architekten
bespielt: Friedrich Kiesler steht für den Raum, Hans Hollein für die
Form und Gregor Eichinger für das Netz.
Prix: Das ist schlagwortartig zusammengefasst für das,
was tatsächlich das Phänomen einer Stadt ausmacht, und hier wird
verdeutlicht, wo die österreichische Architektur maßgebliche und fast
führende Exponenten hat. Es ist wichtig, dass man die visionären
Raumideen Kieslers auch abseits seines ohnehin bekannten endlosen
Hauses präsentiert. Für die Auseinandersetzung von Form und Stadt in
extremem Profil haben wir den Flugzeugträger von Hans Hollein aus den
60er-Jahren ausgewählt. Und der perfekte Netzwerker ist Gregor
Eichinger, das hat er mit vielerlei Aktionen und Aktivitäten bewiesen.
Als Ansatzpunkt einer ironischen Kritik an den festgesetzten
technokratischen Paradigmen von Städteplanung haben wir zudem ein
Porträt von Wien zusammengetragen, das weit über Flächenwidmung
hinausgehen soll und als Ausgangspunkt einer neuen Raumwidmung dienen
kann, und zwar im Sinn der atmosphärischen Widmung einer Stadt. Das
Wohlfühlen kann nicht im Flächenwidmungsplan beschrieben werden, da
gehören andere, weniger technokratische, sondern vielmehr emotionale
Paradigmen in die Städteplanung eingeflossen. Das wird im Beitrag
"Vienna Intensities" von Bärbel Müller und Andrea Börner zu sehen sein.
STANDARD: Zusätzlich wird in der Stadt auch eine Ausstellung jüngerer österreichischer Architekten gezeigt.
Prix: Nachdem man weiß, dass neu, jung und schön immer
zieht, haben wir die "Rock over Barock"-Ausstellung als Ergänzung des
österreichischen Architekturprofils nach Venedig geholt.
STANDARD: Sie beweisen damit eine zeitliche
Kontinuität, die man allerdings auch kritisieren kann. Kiesler ist seit
immerhin 40 Jahren tot, Hans Hollein ist, trotz unbestrittener Meriten,
auch nicht mehr der Jüngste. Denken Sie da nicht ein bisschen rückwärts
gewandt?
Prix: So kann man das natürlich überhaupt nicht sehen. Sie gehen auf die Namen los und nicht auf die Inhalte.
STANDARD: Gegen keinen Einzigen ist auch nur das
Geringste einzuwenden, ich versuche nur Ihre Argumente gegen den
Vorwurf der Gestrigkeit zu ergründen, der sicher auftauchen wird.
Prix: Dieser Vorwurf wird kommen, das ist mir total bewusst,
und es macht mir auch Spaß, dass diese Ausstellung für viele ein rotes
Tuch sein wird. Doch wichtig sind die Ideen, die in diesen Projekten
stecken. Ich sage, es geht nicht um Kiesler, sondern um den Raum, es
geht nicht um Hollein, sondern um die Form, und letztlich geht es um
das prozesshafte Verflechten dieser Begriffe mit Neudefinitionen einer
neuen paradigmatischen Raum- und Flächenwidmung. Ob das gelingt und
verständlich wird, werden wir sehen. Ich möchte auch über diese
Zusammenhänge während oder nach der Biennale ein Symposium
veranstalten, weil es das nachhaltige Ziel ist, ein Buch über Stadt als
Raum Form Netz herauszubringen. Ich betrachte diese Biennale als
Ausgangspunkt einer Entwicklung einer Diskussion, die wahrscheinlich im
krassen Gegensatz zu den geäußerten Thesen der Hauptausstellung stehen
wird.
STANDARD: Was ist dazu jetzt schon zu sagen?
Prix: Ich bin jetzt schon gespannt, wie Burdett sein
Thema präsentieren wird. Es ist jedenfalls hochinteressant, etwa zu
erfahren, dass 80 Prozent der Londoner gar nicht in London geboren
wurden. Ich halte es auch für wichtig zu wissen, dass in Wien mehr neu
gebaut als niedergerissen wird oder dass Wien doppelt so viele
Kinoplätze hat wie etwa Berlin. Da bekommt man plötzlich ein ganz
anderes Bild von der Stadt.
STANDARD: Ist diese interdisziplinäre Annäherung an
Architektur und Stadt die Aufforderung an Stadtplaner und Politiker,
die Entwicklung anders zu denken als derzeit üblich?
Prix: Es ist der Aufruf, auf die eigentlichen Qualitäten
zurückzugreifen. Es geht um die Bewusstwerdung der Qualitäten, die Wien
zu einer interessanten Stadt machen. Ich halte Burdetts Idee für sehr
gut, nicht Abstraktes wie etwa die Moral der Architektur etc.
darzustellen, sondern zu fordern: Wir brauchen ein Manifest für die
neue Stadt! Die Stadtentwicklung ist mit Sicherheit das kommende Thema
in der Architektur. Man sieht ja allerorten, dass man das nicht
beherrscht. Dass man mit einer solchen Ausstellung Diskussionspunkte
und Entwicklungslinien einleiten kann, halte ich für gut und legitim.
Die vergangenen Biennalen haben eher Personalen gezeigt und sich
weniger mit den übergeordneten Zusammenhängen befasst.
STANDARD: Daran kann man die Frage anschließen, ob das
Format der Ausstellung, also diese einzelnen Länder-Schauen, überhaupt
noch zeitgemäß ist?
Prix: Das Format ist total überholt.
STANDARD: Warum hält man dann noch daran fest?
Prix: Weil die Biennale natürlich auch ein Jahrmarkt der
persönlichen Eitelkeiten ist. Dem kann man sich nicht entziehen:
Heutzutage wird die Person wichtiger als das, was diese Person
vertritt. Ein bekannter Architekt eröffnet ein neues Gebäude, man
schlägt die Zeitung auf, und dort sitzt er riesengroß abgebildet, im
Hintergrund das Gebäude - winzig klein, und was er oder sie anhat ist
wichtiger als die Qualität des Gebäudes, um das es eigentlich geht.
Doch auch dieser Trend wird medial irgend wann einmal zu Ende gehen.
Die Gesichter werden wieder hinter die Gebäude zurücktreten.
STANDARD: Das Bundeskanzleramt nominiert seine
Venedig-Kommissäre traditionell sehr spät, auch das Budget ist immer
knapp: Wie kann man mit wenig Geld in kurzer Zeit Ordentliches zustande
bringen?
Prix: Das ursprüngliche Budget von 400.000 Euro habe
ich inzwischen kräftig erhöht, und mit Elisabeth Gehrer sowie Pulides
Sponsoren für die Produktion der beiden großen Projekte von Hollein und
Kiesler aufgetrieben. Die Modelle werden anschließend dem MAK übergeben
und im MAK-CAT-Flakturm zu sehen sein. Trotzdem wäre es besser gewesen,
vor November gefragt zu werden und ein Jahr Vorlauf zur Verfügung zu
haben, aber es ist Usus, dass die Kommissäre so kurzfristig ernannt
werden und auf ihre eigenen Konzepte zurückgreifen. Für mich ist die
Biennale jedenfalls eine hervorragende Gelegenheit, um das
österreichische Architekturprofil wieder einmal und noch stärker
herauszuarbeiten. Und nochmals: Auch wenn man sich auf den Kopf stellt,
da gehören Hollein und Kiesler dazu, und es werden auch Raimund
Abraham, Günther Domenig und Walter Pichler dazugehören, mit all den
jungen Ansatzpunkten, die sie mit sich bringen. (Ute Woltron/ALBUM/ DER
STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)