Er stand am malerischen Anfang des Wiener Aktionismus, schlug dann aber einen anderen Weg ein, griff nicht in die Gesellschaft ein wie Muehl, gründete keine Religion wie Nitsch, zerfleischte nicht seinen Körper für uns wie Brus. Alfons Schilling will aber nicht weniger Existenzielles – unsere Wahrnehmung verändern. Seit 20 Jahren arbeitet er dafür an „Sehmaschinen“, die unsere Sicht auf den Kopf stellen. „Ich habe damals Brunelleschi entdeckt, den unerreichbaren Fluchtpunkt. Da wollte ich alles rund um mich einfrieren, um ihn doch noch zu erreichen, durch ihn durchzuschlüpfen auf die andere Seite und von dort aus zurückschauen“, erzählt der heuer 75-Jährige, während man sich, einen seiner Apparate vor die Augen geklemmt, durch sein lichtes Atelier in einer ehemaligen Lederfabrik in Wien tastet.
Eine Kiste scheint sich verkehrt herum in den Boden zu wölben, die Kamine der umliegenden Dächer dringen durch die Fenster. Länger als zwei, drei Minuten hält man diesen Perspektivwechsel nicht aus. Also wechselt man das Gerät, betrachtet, ein monokelartiges Prisma vor einem Auge, ein erstmal ziemlich altmodisch wirkendes, abstraktes Bild. Plötzlich beginnen sich die Farbspitzen in den Raum zu dehnen, aus der Tiefe der Leinwand heraus, bis der Abstand zwischen Leben und Kunst überwunden scheint.
Genau daran arbeitete er schon Anfang der 60er-Jahre, mit anderen Mitteln noch, gemeinsam mit Günter Brus – sie malten wie Berserker, kotzten ihr Innerstes in fetten Farben und Strichen nach außen, verließen die Leinwand, sprangen auf Packpapierbögen über, die rundum die Wände bedeckten. Und Otto Muehl, der schaute zu, staunte und kopierte. Was Schilling nicht weiter störte, erinnert er sich. Genau so wenig wie die Tatsache, dass gerade der umstrittenste Künstler unserer Zeit, Damien Hirst, eine seiner Ideen klaute, bei einer Ausstellung in der White Chapel Gallery London – die „Spin Paintings“, über zwei Meter durchmessende, an der Wand rotierende Scheiben, auf die Farbe geschüttet und der Fliehkraft ausgesetzt werden. So geschehen in Paris 1962, in einem zugigen Zimmer, in dem die Elektrodrähte nur so glühten, erzählt Schilling. Trotzdem. Hirst findet er „toll“, würde gerne eines seiner alten Rotationsbilder mit einem von dessen „neuen“ tauschen. Schilling lächelt. Der gebürtige Basler, bei dem der Schweizer Dialekt immer noch durchkommt, weiß – er dringt nicht vor bis zum Kunstmarkt-Darling.
Er hat die Kraft auch nicht dazu, ist oft müde, der Rücken schmerzt, die Hände zittern, die Augen werden schwächer – in einem Jahr, meint er, werde er nicht mehr lesen können. Und das ihm – „Was sieht der Blick?“ schreibt er als Gruß in einen Katalog. Jammern, das tut Schilling aber nicht, er ist unglaublich interessiert, offen, Fernseher, Computer stehen im Atelier. Vielleicht ist es – zumindest im Vergleich zu den vor allem mit sich selbst beschäftigten Aktionisten – der geringere Erfolg am Kunstmarkt, der Schilling die Dinge so aufmerksam verfolgen lässt. An der Wand lehnt eines seiner Linsenrasterfotos, die er in Amerika entwickelte, wo er zwischen 1968 und 1986 lebte, der Rest ist bereits bei der Ausstellung im Essl Museum. Bei flüchtigem Hinsehen wirken sie wie simple Kippbilder, dabei stecken ganze fünf Porträts darin. Um Schillings Kunst zu erleben, muss man seinen Anweisungen penibel folgen, Apparate benutzen, Abstände einhalten. „Das macht niemand gern, nur wenige lassen sich darauf ein. Es tut mir ja leid, dass ich so viel verlange“, weiß er um dieses Manko. Aber: „Ich wollte nie Kunst machen, habe immer nur etwas ausprobieren wollen. Ich habe das alles nur für mich gemacht.“
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