Über
200.000 Fotos, veröffentlicht über die Jahre im Internet per Blog und
Twitter, in Museen und Kunstmagazinen rund um die Welt. Die gestern
eröffnete Ausstellung über Ai Weiweis Fotos und Videos im Kunsthaus
Graz macht klar, dass dieser Künstler nicht schweigen, nicht nicht
kommunizieren kann. Auch nicht nach 81 Tagen Haft. Nach Verhören. Nach
totaler Überwachung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der derzeit
wohl berühmteste Künstler der Gegenwart das Redeverbot nach seiner
Freilassung am 22. Juni brechen würde.
Ende August war es dann so
weit, im amerikanischen, in China sehr verbreiteten Magazin „Newsweek“
erschien ein kritischer Essay von ihm über Peking als „Stadt der
Verzweiflung“, als „Stadt der Gewalt“ und über seine Haft. Die Seiten
ganz am Ende des Magazins hat allerdings kein Chinese je in die Hand
bekommen; die Machthaber mussten zu einer brachialen Methode der Zensur
greifen – sie ließen die Seiten herausreißen. Die Ankündigung der
Geschichte auf dem Cover führte ins Leere und meist wohl direkt ins
Internet. Tägliche Verhöre folgten für Ai Weiwei, der in Peking
praktisch unter Hausarrest stehe, erzählt Peter Pakesch, der mit dem
Künstler mehrfach zusammenarbeitete. Die aktuelle Ausstellung ist
dennoch mehr ein prominenter Einspringer, ursprünglich hätte im Herbst
Orhan Pamuk sein „Museum der Unschuld“ in Graz präsentieren sollen,
doch er zog zurück und Pakesch übernahm die Ai-Weiwei-Schau aus dem
Fotomuseum Winterthur.
Mosaik einer globalen Künstlerkarriere
So sind in Österreich gleich zwei künstlerische Facetten des
Multitaskers zu erleben – seine Architekturkooperationen im Kunsthaus
Bregenz und sein manischer Umgang mit der Fotografie als
Dokumentationsmittel in Graz. Für diese Flut an Bildern, rund 100
schießt Ai Weiwei pro Tag, ist die Ausstellung erstaunlich geordnet und
übersichtlich, fast ist man versucht zu sagen schweizerisch clean. Was
aber nur einen scheinbaren Widerspruch zum Wust des Ausgangsmaterials
darstellt, denn Ai Weiwei selbst ist bestens organisiert, ein eigener
Archivar kümmert sich um den täglichen Fotoausschuss.
Auf einer Wand
voll Bildschirmen laufen diese Schnappschüsse ab, fügen sich zum Mosaik
einer globalen Künstlerkarriere: Essen, Tiere, Journalistenbegegnungen
und natürlich Architekturdetails sind dokumentiert. Eine eigene Serie
ist dem Bau des von Ai Weiwei mitentwickelten Paradebaus in Peking, dem
Olympia-Stadion, gewidmet, von dem er sich bei Baubeginn distanzierte.
Eine von mehreren widersprüchlichen Handlungen des Stars. Einerseits an
dem für die chinesische Führung prestigeträchtigen Bauwunder Pekings
mitwirken wollen, aber andererseits scharfe Kritik daran äußern? Wie
geht das zusammen?
Auch Ai Weiweis Literaten-Vater war ganz nahe der
Macht, eng vertraut mit Mao, der ihn dann in die Verbannung schickte.
Ai Weiwei wuchs in dem Lager in der chinesischen Provinz auf. Anfang
der 1980er-Jahre ging er dann nach New York, wo er zehn Jahre lang
zwecklos mit Freunden herumhing, wie er selbst beschreibt. Und sie
fotografierte. Erst jetzt werden immer mehr der damals entstandenen
10.000 Schwarz-Weiß-Bilder entwickelt. Sie zeigen einen hübschen jungen
Mann, der Marcel Duchamp bewunderte, mit Allen Ginsberg befreundet war,
brav ins MoMA ging und 1993 wieder zurück zum sterbenden Vater.
Es
sind sein ganzes Leben, seine Haltung, sein Engagement, die Kunst sind,
so Ai Weiwei. Ein westliches Kunstkonzept, seine Inhalte drehen sich
aber um seine Herkunft, sein Land. Ob es der ambivalente Umgang seiner
Landsleute mit ihrem Erbe ist – eine großformatige Fotoserie zeigt ihn
beim „Fallenlassen einer Urne der Han-Dynastie“ – oder das Gedenken an
tausende anonyme Kinderopfer des Erdbebens in Sichuan 2008. Fotos
zeigen die Ruinen u. a. von Schulen, die durch schlampige Bauweise
einstürzten. Ai Weiwei hängte hunderte Rucksäcke der Kinder an die
Fassade des Hauses der Kunst in München. Solche Katastrophen gehen uns
alle an. Alles ist vernetzt, online und offline.
„Interlacing“ heißt
auch der Titel der Ausstellung. Wie sinnvoll es bei einem solchen Werk
ist, die Fotografie herauszufiltern, ist fraglich. Der Spirit des
Kampfes und der unermüdlichen Kommunikation bleibt jedenfalls spürbar.
Abgeschlossene, eigene Fotoserien sind aber die Ausnahme, darunter die
1995 begonnenen „Perspektivstudien“, die immer nur Ai Weiweis erhobenen
Mittelfinger vor den Postkarten-Sehenswürdigkeiten der Welt zeigen, den
Machtsymbolen von Politik und Kultur, aber auch vor dem eigenen Studio.
Hasst man oft nicht das am meisten, was einem am nächsten kommt?
Kunsthaus Graz: bis 15. Jänner, Di bis So, 10 bis 18 Uhr.
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