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Maria Lassnig: "Österreich hat sich´s verdorben mit mir!"

"Ich habe von diesem Preis nichts gewusst. Als ich angerufen wurde, bin ich fast auf den Hintern gefallen." Maria Lassnig lacht.

Wien (APA) - Die wichtigste österreichische Malerin der Gegenwart nimmt am Donnerstag (14.3.) im Kunsthaus Zürich den Roswitha Haftmann-Preis entgegen. So wenig bekannt der erst zum zweiten Mal vergebene Preis in der Kunstwelt auch sein mag - mit 120.000 Franken (81.400 Euro) ist er einer der weltweit höchst dotierten Kunstpreise. Die APA besuchte die 82-jährige Künstlerin in ihrem Hietzinger Domizil, in dem sie seit über 20 Jahren lebt und arbeitet.

Über zu geringe Preise braucht sich Lassnig derzeit nicht zu beklagen - weder, was den Kunstmarkt, noch was den Erhalt von Auszeichnungen betrifft. In Österreich hält sie seit dem vergangenen Jahr den Auktions-Preisrekord für zeitgenössische heimische Künstler (ihr Ölbild "Woman Power" wurde um 2,745 Mio. Schilling (199.487 Euro) ersteigert), und der Roswitha Haftmann-Preis ist bereits der dritte Kunstpreis, der ihr in den vergangenen Monaten zuerkannt wurde. "Die Europäer haben offenbar Angst gehabt, dass ich ihnen wieder nach Amerika abhanden komme", schmunzelt die Malerin, die mehr als ein Jahrzehnt in New York verbrachte, "und haben mir daher Steine in Form von Preisen in den Weg gelegt." Zunächst erhielt sie den Kunstpreis der Norddeutschen Landesbank. Die damit verbundene Ausstellung ihrer Bilder der vergangenen Jahre ging kürzlich in der Kestner Gesellschaft in Hannover zu Ende und soll in Kürze nach München übersiedeln. Danach wurde ihr der Rubens-Preis der Stadt Siegen zugesprochen. Die Übergabe ist, in Verbindung mit einer Ausstellungs-Eröffnung, für Juni geplant. Über Roswitha Haftmann hat sich Lassnig nach dem ersten freudigen
Schrecken eingehend informiert: "Sie war Mannequin und ging zunächst von der Schweiz in die USA. Als sie wieder zurückkam, wurde sie eine begehrte und wissbegierige Galeristin und vertrat vor allem die damals berühmten Amerikaner. Zur Überraschung aller hat sie nach ihrem Tod 1998 sehr viel Geld für eine Stiftung hinterlassen, die Künstler auszeichnen soll, die bereits ein Lebenswerk hinter sich haben." Nach dem US-Künstler Walter de Maria ist Lassnig nun die zweite derart Geehrte. "Von allen europäischen Ländern ist mir die Schweiz am meisten wohlgesinnt." Hier wurde sie mit großen Ausstellungen gewürdigt, hier wird sie auch von Museen gesammelt. "Die anderen haben es sich ja alle verdorben mit mir!" Auch Österreich? "Österreich hat sich's auch verdorben mit mir!"

Als Beleg für ihren Unmut empfiehlt Lassnig, die 1980 an der Hochschule für Angewandte Kunst Österreichs erste Malerei-Professorin wurde und 1988 den Großen Österreichischen Staatspreis erhielt, einen Blick in das Museumsquartier. "Direktor Hegyi hatte im Museum Moderner Kunst nur ein einziges kleines Bildchen von mir hängen. Seither war ich nicht mehr dort. Ich hoffe, unter (seinem Nachfolger, Anm.) Köb wird es besser." Hatte Lorand Hegyi nicht immerhin 1999 eine schöne Retrospektive zu ihrem 80. Geburtstag im 20er-Haus ermöglicht? "Die musste er ja notgedrungen machen", grollt die Künstlerin, räumt aber wenig später versöhnlicher gestimmt ein: "Die Ausstellung war wenigstens wirklich gut gemacht."

Der Rummel der Preisvergaben und die Vorbereitung der damit verbundenen Ausstellungen machen ihr zu schaffen. "Ununterbrochen ruft jemand an und will was von mir." Dazu kommt, dass das viele Zeigen, Aussuchen und Schleppen der Bilder mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist. Maria Lassnig, die noch vor einigen Jahren von ihrem Sommerdomizil in der 1.100 Meter hoch gelegenen Einschicht im heimatlichen Kärnten auf dem Motorrad ins Tal donnerte, hat Rücken- und Gelenksschmerzen und absolvierte kürzlich eine Schwefelkur in Ungarn. "So viele alte Leute", zeigt sie sich rückblickend wenig begeistert, "wenigstens habe ich zehn Zeichnungen machen können."

Für die nächste Zeit hat sie nur einen Wunsch: "Rauskommen aus diesem Menschel-Gewusel. Eigentlich möchte ich jetzt nur mehr einsam arbeiten." Mit einem Mal stößt sie einen tiefen Seufzer aus: "Ja, mein Gott, danach sehne ich mich." Arbeiten. Das ist der Künstlerin, die sich gegen alle Widerstände mit zäher Beharrlichkeit ihren einzigartigen Platz in der Kunstwelt erarbeitete - und diesen etwa bei ihrer zweiten documenta-Teilnahme 1997 gegen alle modische Projekt-, Installations- und Medienkunst behauptete -, das Wichtigste.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum nicht nur im persönlichen Umgang ihr immer wieder aufblitzender geradezu jugendlicher Charme und das Lächeln, das gelegentlich über ihr Gesicht huscht, nicht vermuten lassen, dass Maria Lassnig am 8. September 83 wird, sondern auch ihre Arbeiten der letzten Jahre keineswegs nach Alterswerk aussehen. Im Gegenteil. "Noch immer - oder schon wieder - becirct sie mit ihrem malerischen Gestus", befand etwa die "Frankfurter Rundschau" über ihre jüngste Ausstellung in Hannover. Da gibt es etwa zahlreiche heitere Bilder, in denen Fußballerinnen kraftvoll um den Ball kämpfen. Den "Letzten Tango" mit dem Tod scheint ihr gemaltes Alter Ego mit solcher Lust und Lebensfreude zu absolvieren, dass ihrem knochenklappernden Tanzpartner wohl vor ihr der Atem ausgehen wird. Eine abgelaufene Sanduhr hält sie auf einem ihrer im Vorjahr entstandenen Selbstporträts derart ungläubig staunend in der Hand, dass nichts anderes vorstellbar ist als: Die Sanduhr wieder umdrehen. Und einfach weitermachen.

Maria Lassnig zeigt den Gästen einige Bilder, die sie vor dem Ausstellungs-Stress malte. Strahlend hell fällt das Licht aus der Richtung des Schönbrunner Schlossparks in das Atelier-Zimmer. Es sei zu eng, meint Maria Lassnig, und sei nur über Stiegen erreichbar. Sie plane einen Umzug. "Deswegen bin ich auch so dankbar für den Haftmann-Preis. Ich muss umziehen. Diese Gegend ist zwar wunderbar, aber ich brauche ein größeres Atelier. Eines mit Aufzug."

Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA
2002-03-11 10:49:27