
"Das funktioniert in Salzburg besonders gut", so Hollein bei der Presseführung, "hier gibt es Passanten, welche die wie zufällig in der Stadt verteilten Arbeiten gar nicht sofort als Kunstwerke decodieren können. Das muss auch nicht sein. Viele werden erst beim zweiten und dritten Blick bemerken, was hinter der Oberfläche dieser Werke verborgen liegt." Tatsächlich funktionieren die Werke überwiegend diskursiv, also im Sinne einer öffentlichen Reaktion. Die unmittelbare Wirkung der Arbeiten bleibt indes einzelnen Werken vorbehalten.
... und Reaktionen blieben nicht aus
Trotz der zum Teil heftigen, beleidigenden und sogar bedrohlichen Reaktionen von Salzburgern vor allem im Büro Mozart 2006 hält Hollein dieses Festival gerade in Salzburg für eine besondere Auszeichnung. "Dass so eine Zeichensetzung in Salzburg möglich ist, spricht für diese Stadt. Immerhin ist Kontra.com das größte Festival von Kunst im öffentlichen Raum in Österreich seit Graz 2003."
Das Festival kostet insgesamt 1,350 Mio. Euro und stammt zu gleichen Teilen von Stadt, Land und Salzburger Altstadtverband. Investiert wurde dieses Geld nicht nur in die bildende Kunst, sondern auch in das von Thomas Zierhofer-Kin kuratierte Musik-Programm des Festivals, das am Freitag mit einer "Soundbattle" zwischen Felix Kubin und Wojtek Kucharczyk im republic eröffnet wird. Das Salzbuger Mozartjahr-Festival Kontra.com läuft bis zum 16. Juli.
---> Die gezeigten Werke
Größter medialer "Aufreger" in Salzburg war eine Arbeit von Paola Pivi, die einen ausgedienten Hubschrauber am Residenzplatz auf den Kopf gestellt hat. "Das ist ein Sinnbild für das Scheitern, ein poetisches Bild unerfüllten menschlichen Strebens. Wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und aus eigener Kraft nicht mehr in die Höhe kommt", so Max Hollein, der für die bildende Kunst zuständige Kurator dieses Festivals.
Gleich daneben hat Christoph Büchel einen Stand mit Unterschriftenlisten aufgestellt, wo eine fiktive "Aktion reales Salzburg" für das ebenso fiktive Bürgerbegehren "Salzburg bleib frei" auf ironische Weise gegen die "Verschandelung unseres Weltkulturerbes" wettert. In seinen Texten verwendet Büchel dabei Zitate aus jenen Salzburger Medien, die besonders vehement gegen Kontra.com Stimmung gemacht haben.
Olaf Nicolai hat die Gassen und Plätze Salzburgs mit großformatiger Straßenmalerei überzogen. Insgesamt zehn Motive gibt es beziehungsweise wird es geben. Am Alten Markt etwa ist ein kitschiges Pferd zu sehen oder eine Schreibmaschine. "Dies sieht oberflächlich aus, ist es aber nicht", erläuterte Hollein. "Die Schreibmaschine zum Beispiel ist eine subtile Anspielung auf einen Mafiaboss, der auf dieser Maschine geschrieben hat. Das sind codierte Nachrichten auf einer Bilderstraße durch die Stadt. Oft werden diese Kreide-Bilder fotografiert werden, und viele Touristen werden erst beim Entwickeln oder beim wiederholten Betrachten erkennen, was sie da eigentlich geknipst haben."
Knut Asdams Arbeit ist zweigeteilt - einerseits hat er die Säulen zwischen Franziskanerkirche und Domplatz mit englischsprachigen, schwarzen Spruchbändern umwickelt, die laut Hollein für normale Passanten nicht decodierbar sind. Im Mirabellgarten zeigt Asdam einen Film, auf dem raufende Männer und Salzburger Sehenswürdigkeiten zu sehen sind.
Das Salzburger Neutor als Raum gewählt hat Jonathan Meese. In seinen großformatigen und radikal gestischen Malereien im Tunnelinneren beschäftigt sich Meese mit Mythen und Psychogrammen, die "gegen die verklemmte Selbstkontrolle der Alltagskonvention" gerichtet sind.
Michael Saustorfer hat eine Art UFO gebaut, das auf dem Kassenhaus einer Tiefgarage am Mirabellplatz gelandet ist und durch skurrile Verspiegelungen "unidentifizierbare Schönheit und Bedrohlichkeit" suggeriert, wie Hollein erklärte.
Um Verspiegelungen geht es auch in einem Kiosk, den Michael Elmgreen & Ingar Dragset am Hanuschplatz gebaut haben. An diesem verzerrt reflektierenden Objekt gibt es Ansichtskarten des Kiosks selbst, was für Hollein die "vollkommene Selbstreflexion eines zerbrechlichen Selbst" symbolisiert.
Markus Schinwald hat dem Zifferblatt der Rathaus-Uhr eine Stunde "gestohlen" und damit "die Zeit aus der Balance geworfen. Ein Trick, mit dem ein sonst so verlässliches System aus den Angeln gehoben ist", so der Kunstkurator.
Ebenso leise "spricht" die Arbeit von Ayse Erkmen, die über dem schmalsten Haus der Stadt - direkt am Alten Markt - drei bunte Bälle platziert hat, die eine heile Kinderwelt suggerieren und aussehen wie "vom Himmel gefallene und stecken gebliebene Kugeln".
Deutlich direkter und lauter ist die Formensprache von Hans Schabus, der den Mirabellgarten und die vorgelagerten Parkplätze und Baustellen Richtung Makartplatz mit einer mehrere Meter hohen Bretterwand voneinander getrennt hat. "Das ist keine Verschandelung des Mirabellgartens, sondern eigentlich ein Schutz des perfekten Ensembles Mirabellgarten. Zugleich verändert dieser Sichtschutz die Sehgewohnheiten", so Hollein. "Die Höhe der Bretter entspricht den Tonhöhen der Demoliererpolka von Johann Strauß-Sohn, was aber für das Verständnis dieses Werkes nicht entscheidend ist." (APA)