Es gibt so viele von ihnen, dass man sie gar nicht mehr sieht. Bis zu 100 Skulpturen haut Stephan Balkenhol pro Jahr aus Pappelholz und malt sie bunt an. Meist sind es ganz normale Frauen und Männer von nebenan, hin und wieder Tiere, drollige Löwen, Hasen, ein am Rücken liegendes Zebra, manchmal Postkartenmotive wie Segelschiffe, der Kölner Dom oder auch einfach nur irgendein Abrisshaus. Diese Figuren und Reliefs bevölkern dann etwas steif die besten Kunstmessen – und scheinen sich ganz gegen ihr stoisches Temperament wie wild zu verkaufen.
Balkenhol, Jahrgang 1957, ist einer der gefragtesten Bildhauer unserer Zeit. Vertreten wird er u.a. vom Salzburger Galeristen Thaddaeus Ropac – und so hat die erste große Retrospektive des zurückhaltenden Hessen ihren Weg nach den Stationen Baden-Baden und Duisburg wohl nicht völlig zufällig auf den Mönchsberg gefunden. Wie übrigens auch die aktuelle Anselm-Kiefer-Schau die Handschrift des rührigen Galeristen trägt, er ist Dauerleihgeber.
Entschleunigung durch Holzarbeit
Mit 100 Exponaten ist es immerhin die bisher größte Balkenhol-Schau. Und in dieser Ballung von auf den ersten Blick scheinbar Belanglosem versteht man plötzlich mehreres, was einen vorher an diesem „braven“ Künstler irritiert hat. Etwa den Reiz, den diese aus der Hektik des Lebens gerissenen Figuren in ihrer teils fast schon surrealen Unaufgeregtheit ausüben können.
Diese Methode der Entschleunigung durch eine aufwendigere Technik als die der Fotografie ist sonst eher von Malern bekannt, die mit Pinsel und Farbe ein Schnappschussmotiv zum meditativen Objekt wandeln wollen. Balkenhol schafft das mit dem Material Holz. Und er versteht sein Handwerk bis hin zum Fotorealismus einer Dresdner Frauenkirche bei Nacht.
Anders als bei der wilden Geste eines Georg Baselitz, der seine Holztrümmer mittels Motorsägenmassaker formt, muss man beim distanzierten Balkenhol genauer hinsehen. Und man findet reichlich. Zitate aus der Kunstgeschichte etwa wie das ins Heute geholte Motiv des Heiligen Sebastian: Völlig unmotiviert pieksen einem unauffälligen Herren kleine Pfeile durch weißes Hemd und schwarze Hose, so lästig können Religion und Tradition heute sein. Und Rodins Denker-Pose erinnert hier weder an den einst gemeinten Dante Alighieri noch den modellstehenden Profiboxer, sondern etwas feist und mit nacktem Oberkörper eher an einen lümmelnden Heimwerker.
„Grässliche Denkmalschwemme“
Bildhauen gegen das Pathos. So scheint Balkenhols Motto zu lauten, seit er Anfang der 80er-Jahre angetreten ist, um der „eher nüchternen, verstandesmäßigen und recht unsinnlichen Kunst der 70er-Jahre“ entgegenzutreten. Die damals vorherrschende abstrakte Plastik erklärt sich der Künstler im Katalog als Reaktion auf „die grässliche Denkmalschwemme“ in Deutschland und Frankreich, die „das Kind mit dem Bade“ ausgeschüttet habe. Dementsprechend zeigte Balkenhols erstes viel beachtetes Großprojekt 1986 im Hamburger Jenisch auch die Karikatur eines Reiterstandbilds: Mit Jeans und hängenden Schultern sitzt ein Mann am Rücken eines Pferdes. Als Sockel dient ein schäbiger Holztisch.
Doch der Großangriff auf das Pathos ist längst nicht alles bei Balkenhol. In ironischen Arrangements, wo seine Figuren als Miniatur-Stellvertreter des Betrachters vor Reliefs stehen, nimmt er sowohl sexistische Zurschaustellungen als auch die von ihm abgelehnte Abstraktion aufs Korn. „Brave“ Kunst ist eindeutig etwas anderes.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2007)
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