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Wien 2.0: Keine Angst, sie hacken nur die Stadt

10.09.2009 | 18:26 |  (Die Presse)

Wem gehört der öffentliche Raum? Den Künstlern, zumindest ein paar Tage. Das paraflows-Festival widmet sich „Urban Hacking“.

Sollten Sie demnächst im Resselpark in den Bäumen Menschen lachen, Tassen klappern und Matratzen quietschen hören, dann keine Angst: Das hören auch andere, denn das gehört so. „For the Birds“ (frei übersetzt: „Für die Fisch'“) heißt die Performance von Wolfgang Fiel und Alexandra Berlinger, die den Platz zehn Tage lang mit ihren privaten Alltagsgeräuschen beschallen werden. So lange werden die beiden in einem Baucontainer leben, genauer gesagt, in der zweistöckigen Containerstadt, die am Rande des Parks auffällig knallblau und doch sehr dezent in die Höhe ragt.

Dass sich das Hauptquartier des paraflows-Festivals für digitale Kunst und Kulturen heuer als beiläufige Baustellenarchitektur tarnt, kann man als subtilen Witz oder schlicht als Notwendigkeit deuten (der ursprüngliche Standort vor der Kunsthalle am Karlsplatz scheiterte), jedenfalls aber passt der Rahmen zum Inhalt: Mit „Urban Hacking“ widmet sich das Festival, das bisher im Gefechtsturm Arenbergpark stattfand, zum vierten und letzten Mal dem Thema Raum, und zwar diesmal dem öffentlichen. Nach dem virtuellen soll nun auch der reale „gehackt“ werden („Hacking“ bezeichnet das Eindringen in fremde Computersysteme). Dahinter steckt die interessante Idee, dass eine Generation, die sich an die „Open source“-Kultur im Internet – Teilen, Tauschen, grenzlegales Aneignen – und Partizipation à la Web 2.0 gewöhnt hat, ihre Erfahrungen irgendwann auch auf ihre alltägliche Umwelt übertragen will. Dass dieses Bedürfnis, das per se – man denke an die Sprayer – kein ganz neues ist, besteht, sah man nicht zuletzt vor wenigen Monaten im Museumsquartier, als junge Erwachsene nicht nur für das Recht auf Bier-Selbstversorgung, sondern auch ihren öffentlichen Besitzanspruch demonstrierten.

 

Wieder Flashmob im MQ

Wem gehört der öffentliche Raum? Eine Antwort, die man in den Containern am Karlsplatz findet, lautet: jenen, die sich über ihn Gedanken machen. Zumindest zeugt das, was dort vor biederer Holzfolientapete ausgebreitet wird, von großer Lust am erfinderischen Spiel: Duftgraffiti, Roboter, die Botschaften in den Rasen brennen, oder Künstler, die in Peter-Weibel-Tradition Schilder „verbessern“. Trotzdem wolle man mehr als subversiv sein und sachte an Verboten kratzen. Mitzugestalten, sagt Kuratorin Judith Fegerl, bedeute letztlich Verantwortung zu übernehmen – auch wenn das nicht jeder so wörtlich nimmt wie Bernhard Hosa, der in seiner Videoarbeit Passanten verstört, indem er hingebungsvoll Mistkübel putzt. Die Ausstellung in der Containerstadt am Karlsplatz ist ein Teil des Festivals, die Echtzeit-Inbesitznahme der Stadt ein anderer – etwa beim Flashmob im MQ. Er wird von Charlie Todd organisiert, der die „Freeze“-Aktion in New York veranstaltete. Samstagabend (19 Uhr) werden die Teilnehmer des „mp3 Experiment“ über zuvor heruntergeladene Tracks Handlungsanweisungen erhalten, ansonsten mitzubringen: ein buntes T-Shirt und ein nicht aufgeblasener Luftballon.

Zu leicht, zu populär? Nun, es geht ernster, wissenschaftlicher. Der dritte Teil von paraflows ist das dreitägige Symposium, auf dem etwa Internetpionier Michael Bauwens über Peer-to-Peer-Netzwerke referiert. Und apropos ernst: Festivalleiter Günther Friesinger sieht das temporäre Museum am Karlsplatz auch als Forderung nach einem dauerhaften eigenen Ausstellungsort für digitale Kultur. Darauf würde nämlich in der aktuellen Museenstandortdiskussion immer wieder vergessen. Kann aber sein, dass da auch aktueller Ärger mitspielt. Denn eigentlich sollte die Schau am Karlsplatz statt nur bis 20.9. bis 11.10. bleiben, doch „Kunst im öffentlichen Raum“ lehnte eine Förderung ab. uw

www.paraflows.at


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