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Istanbul Biennale: Wovon lebt der Mensch?

05.10.2009 | 18:31 | SABINE B. VOGEL (Die Presse)

Kraftvolle Bilder für tief greifende Veränderungen: Den Kuratoren gelang der Spagat zwischen elitärem Anspruch und breiter Unterhaltung.

Biennalen sind außergewöhnliche Veranstaltungen. Anders als herkömmliche Gruppenausstellungen dienen sie nicht nur der Präsentation von Kunst, sondern sind voller Versprechen. Die nationale soll mit der internationalen Kunstszene verbunden, die Stadt in einen positiven Fokus gerückt und die Bevölkerung als Publikum gewonnen werden. Da ist eine gute Balance zwischen elitärem Anspruch und breiter Unterhaltung gefordert – und die wird selten so spannungsvoll erreicht wie auf der Istanbul Biennale. Sie gilt als die politischste all dieser zweijährlichen Veranstaltungen, denn die Stadt als Rahmen ist eine gewaltige Herausforderung: wunderschön mit prachtvollen historischen Bauten, kontrovers im Spagat zwischen West und Ost, explosiv mit all den daraus entstehenden politischen Problemen.

Seit 1987 kommen alle zwei Jahre neue Kuratoren, erkunden Istanbul auf der Suche nach geeigneten Ausstellungsräumen und beginnen, die lokalen Bedingungen mit globalen Themen zu koppeln. Heuer schlugen die Kuratorinnen einen etwas anderen Weg ein, was zu einer so radikalen Ausstellung führte, dass die Meinungen zwischen euphorischer Begeisterung und irritierter Ablehnung hin und her schwanken. Unbezweifelbar ist die kuratorische Leistung des Kollektivs „WHW“ (What, How & For Whom). Die vier Zagreber Frauen zeigen 70 eher wenig bekannte Künstler aus 40 Ländern: Die präzise ausgesuchten 141 Beiträge überzeugen in der großzügigen Hängung und thematisch dichten Abfolge, die von Unterdrückung, Krieg und Wunsch nach Veränderung erzählt.

 

Verweis auf Neuraths Piktogramme

Über all dem allerdings schwebt der Politikbegriff des Kollektivs, getragen von einer naiven Kapitalismuskritik und Klassenkampfrhetorik marxistischer Schule. Das beginnt mit dem Logo im Stil des Russischen Konstruktivismus der Zwanzigerjahre und wird verstärkt von Info-Grafiken in Katalog und Ausstellung. Die Kuratorinnen bedienen sich der Piktogramme des Österreichers Otto Neurath und vermitteln auf großen Tafeln statistische Daten, etwa die Aufteilung des Gesamtbudgets: 2.050.299 Euro, 14% werden für die Künstler aufgewendet, 49% für die Ausstellung, 27% für operationale und Marketingkosten, je 5% für Kuratoren und Publikationen. In der Ausstellung sind die Informationen eher ein formales Zahlenspiel, bedeutend mehr wegen der auf Neurath verweisenden Bildsprache: Die entwickelte er in den Zwanzigerjahren, um gesellschaftliche Tatbestände auch für Arbeiter leicht verständlich zu machen.

Diese ideologische und zeitliche Zuordnung verstärken die Kuratorinnen noch einmal mit dem Titel. „Was hält die Menschheit am Leben?“ bezieht sich auf die zentrale Frage aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper: „Wovon lebt der Mensch?“ Brechts Stück handelt von Konkurrenz- und Existenzkämpfen. Die Werke der Biennale dagegen erzählen vom Bürgerkrieg im Libanon (Zeina Maasri), von der Besatzung Palästinas (Larissa Sansour), von Indonesiens Kolonialgeschichte (Wendelien van Oldenborgh), vom tristen Leben entlang der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (Rena Effendi), von den Verfehlungen der Perestroika (Chto delat), von der Unterdrückung von Frauen (Canan ?enol) und vom Fremdenhass nationaler Gesellschaften (Igor Grubic). Ein Höhepunkt ist Artur ?mijewskis Videoinstallation „Democracia“, die auf zwölf Monitoren verschiedene Menschenansammlungen zeigt, von Fußballfans über Militär bis zu Jörg Haiders Beerdigung und Grenzkontrollen in Gaza. Zmijewski stellt hier die Frage nach den Grenzen demokratischer Freiheit.

Während die Künstler die Konflikte und Probleme unserer Zeit aufgreifen, konstruiert das Kollektiv eine rückwärtsgewandte Parallele. Den Kontext Istanbul ignorierend, wird über Anspielungen und Zitate eine Brücke zu den Zwanzigerjahren gebaut. Tatsächlich ist die aktuelle Situation aber absolut nicht mit damals vergleichbar, denn vor allem sind heute nicht nationale, sondern globale Lösungen nötig. Unverständlich bleibt, warum die Kuratorinnen versuchen, die vielschichtigen Stimmen und Erzählungen der Istanbul Biennale zu einem Chor zusammenzufassen und eine Einigkeit zu behaupten, die so heute weder in der Kunst noch in der Politik stimmt. Aber schafft man es, die eigene Wahrnehmung beim Gang durch die Biennale frei zu halten von diesem lauten Überbau, löst die Ausstellung überzeugend das vielleicht größte Versprechen von Biennalen ein: Hier sehen wir Kunstwerke, die unbeeindruckt vom westlichen Mainstream kraftvolle Bilder für tief greifende Veränderungen finden.


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