



Museale Bestandsaufnahme in der Wohnung eines leidenschaftlich Reisenden: Leo Kandl "ohne Titel", 2006.

Wien - Wem der eigene Kopf fürs Reisen zu klein ist, die große weite Welt jedoch aus verschiedensten Gründen verschlossen, der folge einfach den Reiserouten in den eigenen vier Wänden: "Eine paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich hat", befand der Edel- und Lebemann Xavier de Maistre 1794. Eine Erkenntnis, die den französischen Schrifsteller aristokratischer Herkunft (Savoyen) und ehemaligen Feldherrn eigentlich eher unfreiwillig ereilte: Wegen eines verbotenen Duells wurde er für 42 Tage unter Hausarrest gestellt.
Bei den 36 Schritten, die de Maistre in seinem Zimmer möglich waren, folgte er selten einer geraden Linie. Auf dem direkten Weg zur Tür passiere er auch seinen Armsessel, erzählt er. Dann könne er nicht anders: "Ich denke nicht darüber nach, sondern lasse mich ohne großes Aufhebens nieder." Sein Buch "Voyage autour de ma chambre" beweist: Es waren befruchtende sechs Wochen: eine den Reichtum der Fantasie beschwörende innere Reise, die gleichzeitig über Ortsveränderung und geistige Beweglichkeit philosophierte. Beschwört de Maistres Werk die Kraft der Imagination, so liefert uns die Ausstellung "Voyage autour de ma chambre" (Konzept: Lisa Küfferle) die Bilder dazu.
13 Künstler (Leo Kandl, Paul Albert Leitner, Corinne Rusch, Krüger & Pardeller u. a.) lud man zur Expedition in die Wohnung einer Wiener Persönlichkeit, die dandyeske Züge trägt und die man - dem Schachratgeber folgend - unvorhergesehen "Matt in 13 Zügen" setzte: Denn nur wenige Hinweise braucht es, um zu erraten, welchen Reisenden man vor sich hat.
Und so wird die einer entzückenden Idee folgende "Reisedokumentation" in St. Petersburger Hängung viel mehr zu einer Seelenschau. Beflügelt wird hier nicht die Vorstellungskraft, viel zu explizit sind die Geschichtem, die Bücherregale, alten Reisekoffer, Porzellanfigürchen und Kleidung erzählen. Offen bleiben lediglich Fragen nach der Inszenierung. Authentisch oder arrangiert? (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 18. 11. 2010)
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