Die Sammlung Essl zeigt Arbeiten des Realisten Wolfgang Herzig zu seinem 70er
Der hässliche Wiener Alltag
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Das Wiener Badevolk sieht sich nicht gern realistisch getroffen: Ein
ähnliches Bild wie dieses ("Badende", 1973, Öl auf Leinwand) gefiel dem
Auftraggeber, einem öffentlichen Bad, nicht. Foto: Sammlung Essl
Privatstiftung
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Vier zweifelhafte, fleischlich üppige Damen in Unterwäsche und Pelz
blicken uns aus einer Praterschaukel an. Harmonische Komposition trifft
sich mit einem gnadenlosen Blick auf ein hässliches Menschenbild des
Wiener Alltags. "Die Schaukel" von 1972 war der erste Ankauf für die
Sammlung Essl bei Maler Wolfgang Herzig. Die große Fassung der
"Badenden" von 1973 war für ein öffentliches Schwimmbad bestimmt; doch
die Wiener waren offenbar zu gut getroffen: Das Bild wurde abgelehnt und
steht heute im Kunstdepot der Stadt.
Ein kritischer, zuweilen "sarkastischer Realist" – so Entdecker Otto
Breicha – blickt zurück bis zu seinen Anfängen in den 60er Jahren. Die
chronologische Schau "Wolfgang Herzig. Ein Realist wird 70" ist das
Geburtstagsgeschenk des Sammlerpaars an einen Unangepassten.
1968 traten Herzig und seine Kollegen der Gruppe "Wirklichkeiten" mit
einem Knalleffekt in der Secession auf – die Ausstellung zeigte den
Protest der jungen "Handke-Generation" gegen die festgefahrenen
Positionen in der Wiener Kunstszene zwischen den Abstrakten der Galerie
nächst St. Stephan und der Wiener Schule des fantastischen Realismus.
Eigentlich waren die "Wirklichkeiten", Martha Jungwirth, Franz Ringel,
Peter Pongratz, Kurt Kocherscheidt und eben Herzig, Österreichs erste
"Neue Wilde", mehr als ein Jahrzehnt vor den so Genannten.
Die bissigen Jungspunde wurden massiv angegriffen
Von einer damals noch vorhandenen "Liga gegen entartete Kunst" wurden
die bissigen Jungspunde, die wie Herzig von der Grazer Kunstschule auf
die Wiener Akademie kamen, wie von konservativen Kritikern massiv
angegriffen. Diese Atmosphäre zwischen erster großer Aufmerksamkeit und
Ablehnung vermögen die Gemälde heute noch gut zu vermitteln.
Auf der einen Seite widmete sich Herzig seiner Wiener Umgebung mit
bösen Porträts einer sogenannten "besseren Gesellschaft", auch Pfarrern,
Museumsdirektoren wie Alfred Schmeller, Köchinnen und Kellnern. Dazu
kommt die Dokumentation einer lähmenden Langeweile bis hin zur
Depression, die eine langsam überalterte Wohlstandsgesellschaft befällt.
Bekannt auch die Wiener Typen aus den heute vergessenen Cafés Girardi
und Diglas. Die andere Seite ist die des politisch wachen Beobachters
von Diktaturen in Europa und Lateinamerika um 1970, wobei auch die
Gedichte eines Federico Garcia Lorca und von H. C. Artmann Anregung
gaben.
Herzig selbst kann mit seinen wütenden Frühwerken wenig anfangen –
zwischendurch wollte er sie vernichten. Mörderfrauen wie die biblische
Judith, von der er 1968 auch eine Figur aus bemaltem Ton erstellte,
mögen zwar auf Sigmund Freuds Kastrationsängste anspielen, vor allem
aber zeigen sie nach wie vor aktuell Masochismus und Perversionen, die
aus dem Unterdrücken von Sexualität resultieren.
Oft outen sich Betrachter vor Herzigs Gemälden schnell selbst als
Voyeure, was seltener gesehen wird, ist sein großes kunsthistorisches
Wissen und die genaue Maltechnik, die er mit immer komplizierter
werdender Formgebung kombiniert – so im Kippeffekt seiner "Allegorie der
Malerei" von 2001. Eine alternde Frida Kahlo im Rollstuhl droht aus dem
Bild zu fallen. Dabei lüftet sie ihre Maske und hat den Affen als
Symbol der Natur hinter sich. Kunst als Affe der Natur vertieft als
Kritik der Antike am naturalistischen Künstler den ironischen Ansatz.
Ein schonungsloser Ansatz in seinem Realismus
Herzig, damit auch ein Postmoderner, war bis vor wenigen Jahren
leidenschaftlich engagierter Malereiprofessor an der Angewandten,
deshalb gibt es weniger Werke als von anderen, etwa 30 aus verschiedenen
Privatsammlungen und Museen werden in drei Sälen präsentiert und mit
gegenstandslosen Gemälden aus der Sammlung von Hans Bischoffshausen bis
Hubert Scheibl in zwei weiteren Räumen konfrontiert. Der Gegensatz ist
zwar abrupt, aber er unterstreicht den schonungslosen Ansatz in Herzigs
Realismus. Mit den geometrischen Positionen verbindet ihn dabei freilich
mehr als mit Farbschichtungen.
Ausstellung
Wolfgang Herzig. Ein Realist wird 70.
Andreas Hoffer, Günther Oberhollenzer (Kuratoren)
Sammlung Essl
bis 1. November
Focus: Abstraktion, bis 12. Februar 2012
Link
Website Wolfgang Herzig
Printausgabe vom Mittwoch, 08. Juni 2011
Online seit: Dienstag, 07. Juni 2011 17:06:00