02.04.2002 21:15:00 MEZ
Freiheitliche Fusionsfantasien
Angewandte und Akademie der bildenden Künste zusammenlegen, eigene Architektur-Uni gründen

Martin Graf, Wissenschaftssprecher der Freiheitlichen, plädiert - wie vor Jahren schon Wolfgang Zinggl - für eine Fusion der Angewandten mit der Akademie der bildenden Künste. Und regt die Gründung einer eigenen Architektur-Uni mit Zugangsbeschränkung an.

Von Thomas Trenkler


Wien - Im August 1997 sorgte der damalige Bundeskunstkurator Wolfgang Zinggl für Aufregung: Carl Pruscha zum Beispiel, Rektor der Akademie der bildenden Künste, forderte erbost dessen Rücktritt. Denn Zinggl hatte sich im Gespräch mit dem STANDARD erdreistet, eine Fusion der beiden Wiener Kunstuniversitäten vorzuschlagen, weil er sich über doppelte Verwaltungsstrukturen und Lehrpläne, die aus dem 19. Jahrhundert herrührten, ärgerte.

Eineinhalb Jahre später modifizierte Zinggl, der Sozialarbeit zur Kunst erklärt hatte, seine Überlegungen: Er regte an, eine der beiden Kunstuniversitäten, die er als "abgetakelte, rostige Tanker" bezeichnete, zuzusperren, weil sie von der Ausrichtung her "völlig austauschbar" seien.

Zinggls Credo sollte wenig später auch Eingang in das Weißbuch zur Reform der Kulturpolitik finden, das sich Bundeskanzler Viktor Klima von einer Expertengruppe erstellen ließ. "Selbstgefällig und selbstreferenziell ignorieren die Kunstuniversitäten seit einigen Jahren alle internationalen Bewegungen und Veränderungen des Kunstbegriffs", heißt es in der Beschreibung des Status quo, und "unökonomische Strukturen" würden flexible Formen des Projektdenkens verhindern. Als Maßnahme wird daher die "Zusammenlegung der Universitäten mit gleichem Ausbildungsangebot bei gleichzeitiger Errichtung kleiner, auf das gesamte Bundesgebiet verteilter spezifischer Institute" empfohlen.

Mit dem Regierungswechsel war das Weißbuch natürlich mehr oder weniger Makulatur: An die Gründung neuer Institute denkt heute niemand. Auch die geplante Kunstuniversität in Innsbruck ist gestorben: Sie bleibt im Entwurf für das neue Universitätsgesetz, das derzeit heftig diskutiert und von den Kunstuniversitäten "vehement" abgelehnt wird, weil es keineswegs die versprochene Autonomie garantiere, unerwähnt.

Und dennoch leben Zinggls Ideen weiter - zwar nicht in den Köpfen der Sozialdemokraten, aber in jenen der Freiheitlichen. Denn Martin Graf, deren Wissenschaftssprecher, gestattet sich die Frage, ob die den beiden Kunstuniversitäten zur Verfügung gestellten Mittel effizient eingesetzt werden. Und kommt zu dem Schluss, sie würden es nicht.

Weil sich die Studienangebote, was auch schon der Rechnungshof 1993 kritisierte, über weite Strecken frappant ähneln: An der Angewandten wie an der Akademie werden Architektur, Malerei, bildnerische Erziehung, textiles Gestalten, Werkerziehung, Bühnengestaltung und Restaurierung gelehrt.

"Schrebergarten"

Grafs Meinung nach sollte man das "Schrebergartendenken" beenden: Der Nationalratsabgeordnete plädiert für eine Fusion der Häuser auf organisatorischer Ebene (mit gemeinsamem Rektorat und Rechenzentrum) wie der Zusammenlegung von Instituten, ohne dabei aber Lehrstühle zu eliminieren. Angewandte und Akademie würden dadurch stärkere Profile gewinnen und sich voneinander abgrenzen. Zudem sei mittelfristig ein Einsparungspotenzial von zehn bis 15 Prozent des Gesamtbudgets, das heuer 39,26 Millionen Euro beträgt, zu erwarten.

Die frei gewordenen Mittel würden den Kunstunis, wie Graf betont, aber nicht gestrichen werden: Sie sollen ihnen vielmehr, wie angeblich mit Finanzminister Karl-Heinz Grasser vereinbart, für eine Erweiterung des Studienangebots zur Verfügung stehen.

"Absoluter Blödsinn"

In den Kunstuniversitäten bezweifelt man die Durchsetz-und Durchführbarkeit. Gerald Bast, Rektor der Angewandten, spricht gar von einem "absoluten Blödsinn", da die Fusion die Quasi-Schließung einer Kunstuni wäre. Zusammen mit der Musikuniversität und der Akademie pocht man auf die Eigenständigkeit - und versicherte sich bereits, wie Bast sagt, der vollen Unterstützung durch Wiens Bürgermeister Michael Häupl.

Doch Graf geht noch einen Schritt weiter: Er tritt für die Gründung einer eigenen Architektur-Universität ein, die sich aus den Instituten an der Angewandten, der Akademie und der Technischen Universität zusammensetzt. Da er die gegenwärtig gehandhabte Praxis, nach der angehende Studenten, die weder an der Akademie noch an der Angewandten Aufnahme finden, auf die TU ausweichen, als unbefriedigend empfindet, spricht sich Graf auch im Falle der Architektur-Uni für eine Zugangsbeschränkung aus.

Eine solche Einrichtung hält man im Bildungsministerium für "durchaus denkbar", da die Verteilung der Architektur auf drei Universitäten "von der Kostenseite her nicht optimal" sei. Architekt Gustav Peichl hingegen kann einer eigenen Uni nichts Positives abgewinnen, auch wenn er für die Zugangsbeschränkung ist, weil der Student nicht nur Eifer, sondern auch Talent brauche. Und auch sein Kollege Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au ist dagegen: "Eine solche Uni ist zu groß."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 4. 2002)


Quelle: © derStandard.at