| Salzburger Nachrichten am 7. September 2006 - Bereich: Kultur
50 Jahre Ungarn-Aufstand Eine neue Ausstellung im
Wien Museum widmet sich den 180.000 Flüchtlingen, die 1956 aus Ungarn zu
uns kamen. Österreichs Hilfe damals wurde zum Mythos.
Alexander PurgerWien (SN). Sowjetische Panzer in den Straßen von
Budapest, Tausende Tote, Hunderttausende Ungarn auf der Flucht in den
Westen, ungeheure Hilfsbereitschaft in Österreich. - Vor 50 Jahren lief an
unserer Grenze die Tragödie des Ungarn-Aufstandes gegen die kommunistische
Gewaltherrschaft ab. Im Wien Museum erinnert ab heute, Donnerstag, eine große Ausstellung an
die 180.000 Flüchtlinge, die damals aus Ungarn nach Österreich kamen und
hier mit offenen Armen aufgenommen wurden. Das Heeresgeschichtliche Museum
in Wien widmet sich ab Oktober dem militärischen Aspekt der Ungarn-Krise,
die zur ersten großen Bewährungsprobe für das neue österreichische
Bundesheer wurde. Gleich der erste Wehrpflichtigen-Jahrgang musste mit der
Waffe (und mit Schießbefehl) an der Ostgrenze aufmarschieren, um sich
notfalls der Roten Armee entgegenzustellen. Die Kämpfe zwischen den ungarischen Freiheitskämpfern und den
Sowjetsoldaten, die den Traum von der Freiheit Ungarns auf Jahrzehnte
zunichte machen, greifen nicht auf österreichisches Territorium über, doch
sie sind schrecklich genug: 1000 Sowjetpanzer walzen die ungarische
Revolution nieder, Tausende Freiheitskämpfer kommen ums Leben. Die Rache
der Sieger ist fürchterlich. Nach 1956 wütet in Ungarn ein Terrorregime.
Hunderte Todesurteile werden vollstreckt, nach einem Schauprozess auch am
reformorientierten Kurzzeit-Premier Imre Nagy. Kardinal Jozsef Mindszenty,
der von den Aufständischen aus der kommunistischen Haft befreit und im
Triumph nach Budapest gebracht worden ist, gelingt die Flucht nach
Wien. Die Flucht nach Wien. 180.000 Ungarn schlagen diesen Weg ein, die
Brücke von Andau an der burgenländisch-ungarischen Grenze wird zum Symbol
der massenhaften Flucht in den Westen. In Österreich schlägt den
Flüchtlingen eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegen. Sie erhalten
automatisch den Asylantenstatus, dürfen gratis die Verkehrsmittel benutzen
und werden in Dutzenden Flüchtlingslagern (Traiskirchen wird in diesen
Tagen gegründet), Gasthöfen und Privatwohnungen versorgt. Die österreichische Bevölkerung sammelt ungeheure Mengen an Hilfsgütern
für die Flüchtlinge. Sogar eigene Sammelbüchsen für die "Ungarnhilfe" gibt
es. In Wirtshäusern übernehmen Österreicher spontan die Zeche, wenn am
Nebentisch Ungarn sitzen. 15.000 Ungarnblieben in Österreich In der übrigens durchgängig
zweisprachigen Ausstellung im Wien Museum findet sich ein Brief von Paula
Wessely, in dem sie einen Auftritt absagt, weil sie daheim gerade zwei
Ungarn bewirtet. Ein anderer ausgestellter Brief stammt von einem
Engländer, der dem damaligen Wiener Bürgermeister Franz Jonas seine
Teilnahme an der Ungarnhilfe anbietet. Da er aber kein Geld habe, schreibt
der Mann, würde er als Hilfsmaßnahme eine 18- bis 28-jährige Ungarin
heiraten. Für Österreich wird die Ungarnhilfe zur Erfolgsgeschichte: Selbst erst
vor einem Jahr frei geworden, kann Österreich der Welt 1956 zeigen, dass
es frei, demokratisch, wohlhabend und vor allem klar westlich orientiert
und antikommunistisch ist. Der Imagegewinn ist enorm, US-Vizepräsident
Richard Nixon kommt nach Wien, aus der ganz Welt treffen Hilfsangebote an
die österreichischen Helfer ein. Bis heute ist die Ungarnhilfe ein österreichischer Mythos. Nach Ansicht
der Ausstellungsmacher trug er sogar zur Nationswerdung bei - und das,
obwohl die Hilfsbereitschaft nach einiger Zeit erlahmt und die Regierung
alles tut, damit die Ungarn wieder das Land verlassen. Ein Großteil der
180.000 Flüchtlinge wandert weiter, viele davon in die USA. Wovon in der
Ausstellung das Bild einer aus Ungarn geflüchteten Frau zeugt, die in den
USA lässig an einem Straßenkreuzer lehnt. Sie hat es geschafft. Nach Ungarn, das die zumeist jungen und gut ausgebildeten Flüchtlinge
dringend zur Rückkehr auffordert, gehen wegen des kommunistischen Terrors
nur die wenigsten zurück. Rund 15.000 Ungarn bleiben in Österreich, etwa
der Schriftsteller György Sebestyén, der Komponist György Ligeti oder der
Journalist Paul Lendvai. Auch dazu ein Am-Auto-lehn-Foto: Lendvai 1957 vor
seinem ersten Auto in Wien. Auch er hat es geschafft."Flucht nach Wien",
bis 26. November im Wien Museum am Karlsplatz, Information im Internet:
www.wienmuseum.at |