double life – Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst

 

 

 

 

Judith Fischer

 

 

Generali Foundation
Wien
11.5.2001 - 12.8.2001

 

»double life« thematisiert weniger den Aspekt des Doppellebens – Doppelgängerinnen und Doubles, Zwillinge oder Zweifaltigkeiten – als mutierende Identitäten, Tranformationen und multiple performative Möglichkeiten des Soseins: Me in many ways; Art & Life; Self & Other vs Other Selves. Prinzipiell geht es um jenes prekäre Gebiet des symbolisch produktiven und sich produzierenden (weiblichen) Subjekts, in dem versucht wird, sich seiner Eigenheit in verschiedenen Settings – auf oft paradoxe Weise – zu vergewissern. Fotografisch/visuelle und dokumentarisch/ poetische Varianten scheinen sich in diesem Zusammenhang besonders zu bewähren: Gerade das fiktionale Sich-selbst-in-andere-Formen-Introjizieren, Sich-Einschleusen, arbeitet sich an Kategorien des Visuellen ab, eines Imaginären, das als Darstellung die fiktive Grundlage der Identifizierung bildet. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel die »Busrider«-Schwarzweißfotografien von Cindy Sherman (1976) zu nennen, aber auch Adrian Pipers Arbeiten über die rhetorischen und/ oder realen Möglichkeit der Teilhabe an der Kategorie »Blackness«. In der Sprache, in Bildern, im Rückgriff auf andere frühe visuelle Rhythmen werden Rüstungen aller Art angelegt (man denke an Elke Krystufeks Performance als »schwarzer Ritter« zur Eröffnung der Ausstellung); werden soziale Rollen, Szenen und Lokalitäten getauscht (wie bei Marina Abramovi* in ihren heute klassischen Performances). Und Fragen gestellt: Was bedeutet es, als Subjekt den Ort des Objekts einzunehmen? Was ist mit den Mechanismen der Objektbildung ? Mit Wunsch, Voyeurismus, melancholi-
scher Verleugnung des Verlusts, Op-
fer, Subjection?
Wiederzuentdecken und erneut zu schätzen sind auch die Arbeiten von Friedl Kubelka: Ihre Tableaus aus konsequenten fotografischen Ablichtungen ihrer Tochter und frontale Portraits Lore Bondys in »One Thousand Changing Thoughts«: Gibt es eine Korrespondenz des Mentalen im Visuellen? Welche Spuren kann ich visuell im Antlitz der anderen lesen? Von welchen Diskontinuitäten ist die Formation von Identität und ihre Identifizierbarkeit in der Zeit gezeichnet? Interessant sind auch die seriellen fotografischen Formulierungen (unter anderem von Ria Pacquée oder Linda Montano), die Reprints von Sanja Ivekovi*s Broschüren »Tragedy of a Venus, 1975« und »Double life 1959–1975«: Es geht um Autobiografie und mediale Kontingenzen des weiblichen Images, um das Simulieren, Annehmen, Imitieren des Repertoires an visuellen Haltungen, um die Mimikry der Maskeraden, deren Ironie scharfkantiger und bitterer ist als jene späterer, postmoderner Formulierungen.
»she is an image / anyone can fill me / an imaginary character / I have no ghost just a shell«: Pierre Huyghe & Philippe Parreno haben
sich die Rechte an einer japanischen Manga-Nebenfigur gesichert und betätigen sich in Zusammenarbeit mit anderen Kollegen (diesmal Dominique Gonzalez-Foerster) als »content provider«. Hülle, Logo, Setting, Name, Signifikant warten auf einen Einsatz, in dem die formale Selbstreflexivität des Zeichens als Surplus verwendet werden kann. In der Version, die in der Generali Foundation gezeigt wurde, führt ein auf dem Betonboden platzierter graublauer Niederfloorteppich, ein horizontaler Frame sozusagen, in jene seltsame Taktilität ein, von der auch die Sprach-Infusionen der computeranimierten Comic/Nebenfigur gekennzeichnet sind. »Get it ready for sucessful commodification, get it into circuation.« Kunst markiert hier jene logistische Avantgarde der Distribution, von der die anderen (also wer, wenn nicht wir?) noch etwas lernen können.
Unter den zahlreichen Arbeiten in »double life«, einschließlich Videos, Künstlerpublikationen, Internet- und CD-ROM-Projekten, stecken sich Narration und Inszenierung gegenseitig an. Es spannen sich Bilderbögen auf, Verweise werden getriggert, neue Verbindungen stellen sich her und es shiften die Gewichte. »Die Kunst« kommt darin zu ihrer vollen Potenz – da sie weder museal fetischisiert noch theoretisch übervorteilt wird. In »double life« ist ein beeindruckend unaufgeregtes Kuratieren am Werk (Kuratorinnen der Ausstellung waren Sabine Breitwieser und Hemma Schmutz, für die CD-ROM- und Internet-Projekte war Yvonne Volkart zuständig). Das Display ist zurückhaltend und versucht, die gezeigten Arbeiten historisch zu situieren, ohne sie zu stark rückzubinden. Bestimmte Segregationen und (politische) Purismen werden vor Ort aufgebrochen, so etwa die Performance Art, die üblicherweise fast zu strikt als weibliches Genre der siebziger Jahre verstanden wird, oder die kontinentspezifische Eingrenzung der Kunstproduktion.

 

   

 

 

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